Die Ukrainer: Kleine Geschichte eines Volkes, das Besseres verdient hat

Von Michael Friese | Für viele in Deutschland waren die Ukrainer so etwas wie ein westliches Anhängsel Russlands, dieses Denken prägt bis heute die Debatte. Doch die Ukrainer sind kein Spielball – sie haben Souveränität verdient. 

Das Großreich der Kiewer Rus gilt als der Vorgänger der heutigen Staaten Russland, Belarus und Ukraine und die Ukrainer sehen sich somit als die direkten Nachfolger der Ostslawen, welche die Rus einst bevölkert haben sollen. Sie erstreckte sich von der Küste des Schwarzen Meeres bis ins heutige russisch-finnische Grenzgebiet und bestand – ähnlich wie das Heilige Römische Reich – aus vielen verschiedenen Fürstentümern. Der Name „Kiewer Rus“ leitet sich von der Stadt Kiew ab, welche in den ersten Jahren des Großreiches zur Hauptstadt gemacht wurde. Von 1237 bis 1240 eroberten die Mongolen auf ihrem Feldzug gen Europa das gesamte Großreich und machten die Fürstentümer des Nordens zu ihrem Herrschaftsgebiet, während die westlichen und südlichen Gebiete an das Großfürstentum Litauen und das Königreich Polen gingen. Dies gilt als der historische Punkt, der die Ukrainer und Weißrussen von den Russen trennte und das für mehrere Jahrhunderte. Daher gilt die Kiewer Rus sowohl als russischer als auch ukrainischer Gründermythos.

Unabhängigkeitsbestreben zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert

1648 wurde durch den Kosakenhetman Bohdan Chmelnyzkyj durch einen Vertrag mit dem polnischen König ein unabhängiger ukrainischer Kosakenstaat gegründet. Die Autonomie dieses Staates hielt allerdings nur für wenige Jahre und der Osten der damaligen Ukraine stand schnell wieder unter russischer Zarenherrschaft. Nach den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts wurden auch die westlichen Gebiete russisch und waren somit einer durch das Zarenreich vehement vorangetriebenen Russifizierung ausgesetzt. Es gab jedoch ebenfalls einen Teil, der an Österreich ging. Hier konnten sich die ukrainische Kultur und Sprache weitestgehend entfalten und somit bewahrt werden.

Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich schließlich mit Mychajlo Hruschewskyj als Ideengeber erstmals eine moderne ukrainische Nationalbewegung, welche die Unabhängigkeit gegenüber Russland explizit einforderte und sich ebenfalls auf die Kiewer Rus bezog.

Die Ukraine im 20. Jahrhundert

Nach der Februarrevolution 1917 sah man in der Ukraine die Chance, endlich einen unabhängigen Staat bilden zu können und tatsächlich geschah dies auch. Die Ukrainische Volksrepublik erwuchs aus dem Umbruch im Zarenreich, konnte seine Unabhängigkeit aber nicht lange genießen. In den 1920er Jahren standen die Gebiete der Volksrepublik wieder unter polnischer und neuer, sowjetischer Herrschaft.

Unter der Herrschaft der Kommunisten wurde die ukrainische Identität weiter unterdrückt.. Den Höhepunkt fand dies zwischen 1931 und 1933 während des Holodomor, Stalins Genozid an den Ukrainern durch eine geplante und forcierte Hungersnot. Die ukrainischen Bauern wurden zu so hohen Getreideabgaben gezwungen, dass die Versorgung der Bevölkerung zusammenbrach. Man schätzt, dass zwischen 1932 und 1933 bis zu 3,5 Millionen Menschen, also ungefähr 10 Prozent aller Ukrainer, dem Hungertod zum Opfer fielen. Jeder, der aufgrund dieser Situation das Land verlassen wollte, wurde von der sowjetischen Regierung daran gehindert. Ukrainische Nationalisten paktierten daraufhin auch mit den Nazis um gegen die russische Besatzung anzukämpfen. 

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es große, von den Kommunisten erzwungene, Umsiedlungsmaßnahmen in der Ukraine und Polen. Die polnische Minderheit in der Ukraine wurde vertrieben und die ukrainische Minderheit in Polen zurück in die UdSSR geholt.

Schließlich ergriff man seine Chance, spaltete sich 1991 von der Sowjetunion ab und gründete einen souveränen Nationalstaat – beim Referendum stimmte eine überwältigende Mehrheit für die Unabhängigkeit, auch auf der Krim. Da ein großer Teil der sowjetischen Atomraketen auf ukrainischem Boden stationiert waren, wurde das Land kurzzeitig zur drittgrößten Atommacht der Erde – bis man die Sprengköpfe an Russland übergab. Im Gegenzug wurde die territoriale Unverletzlichkeit des Landes garantiert. Dieses Versprechen wurde, wie wir wissen, schon bald gebrochen. 

Der Kampf des ukrainischen Volkes um ihre Unabhängigkeit geht weiter. In ihrer Nationalhymne singen sie: „Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben“. Auch heute nicht.