Die Scheinrebellion der Vorzeigeschüler

Von Jonas Kürsch | Die Vertreter der Pop-Kultur des 21. Jahrhundert bezeichnen sich selbst und die Anhänger ihrer Bewegung gerne als bunt, divers und woke. Ganz egal, ob man nun von den amerikanischen Ikonen der zeitgenössischen Bubblegum-Pop-Musik oder von den längst verblassten Stars der faden Hollywood-Filmindustrie spricht: das Gesellschaftsbild der kreativen „Vorreiter“ meiner Generation ist vornehmlich von den prüden Visionen neulinker Ideologien geprägt. Zwar bezeichnet man jugendliche Idole wie den One Direction-Sänger Harry Styles oder die von der linksliberalen Presse als musikalisches Wunderkind hochgelobte Billie Eilish häufig als „die großen Kunstrebellen“ unserer Zeit, doch mit Rebellion hat das unterwürfige und (ehrlich gesagt) auch ziemlich spießbürgerliche Verhalten dieser Karriereopportunisten nichts zu tun. In früheren Zeiten wurde eine Kulturrevolution von der Politik und von den Tageszeitungen noch verächtlich gemacht; heute hingegen werden die sogenannten „Rebellen“ von der breiten Öffentlichkeit mit Applaus in ihrem „revolutionären“ Vorhaben unterstützt.


Von Elvis bis Jim Morrison

In den 1950er und 1960er Jahren sah das noch ganz anders aus. Wenn man beispielsweise einen Blick auf die mediale und allgemeine gesellschaftliche Rezeption von Elvis Presley wirft, so stellt man schnell fest, dass Presley zu seiner Zeit nur wenig Jubel von den erzkonservativen, öffentlichen Meinungsmachern erhielt. Durch seinen frivolen Tanzstil, der ihm den Beinamen „Elvis the Pelvis“ (dt. Elvis, das Becken) einbrachte, gewann der King of Rock’N’Roll zwar die Herzen seiner jugendlichen Fans im Sturm, doch die politischen Eliten waren von seiner Musik alles andere als begeistert. Im Gegenteil, viele erzreligiöse Gruppierungen verurteilten seine Musik als verdorben und protestierten vor allem gegen seine (heute legendären) Live Performances im amerikanischen Abend- und Nachtprogramm, die zwischenzeitlich sogar zensiert wurden.

Elvis Presley war alles andere als ein „Scheinrebell“, so wie es heute bei vielen Prominenten der Fall ist. Mit seinem Werk gab er einer jüngeren Generation die Möglichkeit, aus einem in vielerlei Hinsicht tatsächlich veralteten Rollenbild auszubrechen und die individualistischen Freiheiten der kapitalistischen Nachkriegsgesellschaft in vollen Zügen zu genießen. Ähnlich verhält es sich mit dem The Doors-Sänger Jim Morrison, der in den 1960ern zu einem der einflussreichsten Hauptprotagonisten der pazifistischen Anti- Kriegs-Bewegung wurde. Mit seinen lyrischen Texten repräsentierten er und seine Band wie kaum ein anderer die alles beherrschende Zukunftsangst der amerikanischen Jugend vor der potenziellen Ausweitung und Verschlimmerung der durch die US-Politik massiv

vorangetriebenen Stellvertreterkriege gegen den Kommunismus. Auch The Doors erhielten für ihre Protestpositionen keinen Applaus. Im Gegenteil, für ihr laszives und herausforderndes Auftreten sah sich die Musikgruppe mit dutzenden Unterlassungsklagen und Haftbefehlen aufgrund ihres angeblich obszönen Verhaltens konfrontiert.


Wogegen rebelliert ihr eigentlich?

Die Rebellen des 20. Jahrhunderts hatten noch echte Anliegen, mit denen sie die etablierten Wertvorstellungen des Mainstreams infrage stellten. Wenn Billie Eilish auf Wahlkampfveranstaltungen des US-Präsidenten Joe Biden – der sich selbst bereits mehrmals als „großer Fan“ der Sängerin bezeichnet hatte – über den Klimawandel singt, Harry Styles auf dem Cover der Vogue ein buntes Sommerkleid trägt oder Taylor Swift infantile („queere“) Lovesongs unter dem ideologischen Banner der Regenbogenflagge trällert, dann hat das nichts mit Protest oder Rebellion zu tun. Die zeitgenössischen Giganten der Unterhaltungsindustrie brechen nur noch mit Tabus, die aufgrund des bahnbrechenden Mutes von echten Rebellen wie Elvis oder Jim Morrison schon lange keine mehr sind.

Vor einigen Jahren fällte der Sex Pistols-Frontmann John Lydon ein knallhartes Urteil über die amerikanische Sängerin Courtney Love, das meiner Meinung nach kaum wahrhaftiger hätte ausfallen können. Er bezog seine Worte zwar nur auf das Werk dieser einen Grunge- Sängerin, doch ich bin der Ansicht, dass man sein Statement auch perfekt auf die meisten „Rockstars“ unserer Zeit übertragen kann: „Du liebst die Idee, ein Rebell zu sein, aber du hast weder mir, noch irgendwem anders erklärt, was es für dich überhaupt bedeutet, ein Rebell zu sein. Wogegen rebellierst du eigentlich? Du bist bloß ein Haufen aus Verwirrung!“ Ich teile seine Irritation zu 100%: wogegen rebelliert die woke Elite eigentlich? Sich für eine radikale Klimaschutzpolitik oder für eine wissenschaftsfeindliche Neudefinition der biologischen Geschlechter auszusprechen, führt doch heute zu keinem Skandal mehr: damit steht man geradezu in der Mitte unserer bunten Gesellschaft.

Der Traum von einer rebellischen Jugendkultur und aufrührerischen Jungbewegungen scheint weitestgehend ausgestorben zu sein. Dies wird einem schlagartig bewusst, wenn man sich genauer ansieht, wer heute so alles als Rebell durchgeht. Es macht den Anschein, als habe sich die linksliberale Prüderie in der westlichen Kultur weitestgehend durchgesetzt. Man kann daher nur hoffen, dass die echten Rebellen unserer Zeit sich im Laufe der nächsten Jahre wieder vermehrt zu Wort melden werden und den unkreativen Schwachsinn von heute mit neuem Einfallsreichtum wieder aus den Charts vertreiben werden.



“I’m gonna keep on the run, I’m gonna have me some fun, If it costs me my very last dime, If I wind up broke, oh well, I’ll always remember that I had a swingin’ time!“
Elvis Presley’s Viva Las Vegas

1 Antwort

  1. Clara Oberberg sagt:

    Sehr treffend beschrieben, dieses Pseudo-Rebellentum, das nichts kostet…