Die Mauer ist weg, aber Deutschland gespalten

Von Pauline Schwarz | Heute vor genau 32 Jahren fiel die Berliner Mauer. Der 9. November 1989 war ein Tag an dem sich die Ereignisse nur so überschlugen, der die Menschen in Euphorie versetzte und den Berlinern Freiheit schenkte. Nach der Pressekonferenz mit Politbüro-Mitglied Günther Schabowski, auf der er völlig konfus die neuen Reiseregelungen der DDR verkündete, stürmten unzählige DDR-Bürger zu den Grenzübergängen Richtung West-Berlin und verlangten die Ausreise. Die Masse war unhaltbar. Die Mauer fiel. Bis Mitternacht waren alle Grenzübergänge im Berliner Stadtgebiet offen, die Menschen konnten sich endlich wieder frei bewegen, jubelten, tanzten und erklommen die Mauer, die sie so lange eingesperrt und von den West-Berlinern getrennt hatte. Knapp ein Jahr später fiel auch das DDR-Regime endgültig.

Für viele Berliner ist der 9. November sicher ein Tag, an den sie sich ein Leben lang erinnern werden. Ein Tag, von dem sie genau wissen, wann und wo sie waren und was sie gemacht haben. Ich bin erst sechs Jahre nach dem Fall geboren worden, im früheren West-Berlin nahe dem Mauerstreifen, und werde mir wohl niemals vorstellen können, was die Berliner und die Deutschen allgemein in dieser Nacht und in den ganzen Jahren der Unterdrückung und Teilung erlebt haben. Wahrscheinlich fasziniert mich die Vorstellung aber genau deshalb so – und das konnte weder von meinem schlechten Geschichtsunterricht noch von den ulkigen Jubiläumsaktionen in Berlin getrübt werden. Die Berliner sind, und waren vielleicht auch schon immer, einfach ein skurriles Völkchen.  

Meine liebste Erinnerung an die Feierlichkeiten zum Mauerfall, war die Lichtergrenze zum 25-jährigem Jubiläum im Jahr 2014. Damals wurden in ganz Berlin entlang des Mauerstreifens Stelen mit großen weißen Ballons aufgestellt, die am Abend aufsteigen und so an den Fall der Mauer erinnern sollten. Jeder Heliumballon hatte einen Paten, der eine Postkarte mit persönlichem Gruß an den Ballon band und eine Art Schlüssel für den Start seines kleines Stücks Erinnerungskultur in die Hände bekam. Die Bilder, die man von diesem Spektakel in die Welt schickte, waren schön und wirklich berührend – was man allerdings nicht sah, war das Berlin-typische Chaos, der Vandalismus und die vielen Ballon-Diebe. Man konnte den ganzen Tag immer wieder beobachten wie Menschen sich die Stelen unter den Arm klemmten und davonliefen. Ich bin nachmittags beinah von einer Stele erschlagen worden, als ich die Haustür öffnete und völlig überrascht in das Diebesgut einer meiner Nachbarn hineinlief. Die Leute mobsten die Ballons als Beleuchtung für ihren Garten, fürs Wohnzimmer oder verhöckerten die Stelen bei Ebay – und da soll nochmal einer sagen, die Berliner hätten keinen Sinn fürs Geschäft. Die Ballons wurden für immense Summen bis nach Saudi-Arabien verkauft.

Das ganze Spektakel hatte schon etwas Lustiges, auch wenn die Langfinger sicherlich etwas Geschmacklosigkeit und wenig Geschichtsbewusstsein bewiesen – aber wat soll man sagen, dit is halt Berlin. Trotzdem sollten sich die Berliner dieses Jahr vielleicht etwas mit ihrem lustigen Treiben zurückhalten und mit mehr Ernsthaftigkeit daran denken, dass Deutschland mehr als 28 Jahre lang geteilt war. Mich jedenfalls hat es heute etwas traurig gemacht, dass wir 32 Jahre nach dem Mauerfall nicht nur volle Fahrt Richtung Sozialismus steuern, sondern wieder gespalten sind – nicht in Ost und West, aber in Rechts und Links, in Geimpfte und Ungeimpfte.

 

4 Antworten

  1. friedrich - wilhelm sagt:

    .. …..man kann der trauer nicht ausweichen, wenn man noch ein wenig ehre und verstand besitzt, auch wenn man schon sehr früh seinem heimatland lebewohl gesagt hat! well done, frau schwarz!

  2. Helene Baden sagt:

    Eine schöne Erinnerung und eine kalte Zeit heute

  3. Uwe Meyer sagt:

    Kurz und klar ! Danke für den Artikel, den ich so unterstreiche kann…

  1. 9. November 2021

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