Künstlerin Maria Lassnig und das ungebändigte Verlangen nach Individualismus

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Von Jonas Kürsch | Als ich zum ersten Mal vor vier Jahren von der österreichischen Malerin Maria Lassnig gehört habe, waren mir weder ihr Name noch die Bedeutsamkeit ihres Werkes für die internationale Kunstszene bekannt gewesen. Während einer Schulexkursion durfte ich im Rahmen der Kunstausstellung „Ways of Being“ im Stedelijk Museum in Amsterdam ihre Gemälde erstmals erblicken. Sofort war mir die emotionale Stärke ihrer großartigen Arbeit klar. Aus einem Gefühl der Nostalgie und einer starken Begeisterung für ihre Kunst heraus, habe ich daher die ihr jüngst gewidmete Ausstellung „Wach Bleiben“ im Kunstmuseum Bonn am vergangenen Wochenende besucht – und durfte feststellen, dass die Wirkung ihrer Malereien in all den Jahren an nichts verloren hat.

Rebellin gegen die Kunstelite

Maria Lassnig wurde im Jahr 1919 in der österreichischen Region Kärnten geboren. In der Kindheit litt sie nach eigenen Angaben unter dem angespannten Verhältnis der Eltern und den Hänseleien ihrer Mitschüler. Im Jahr 1940 begann Lassnig ein Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste, das sie gegen Ende des zweiten Weltkrieges erfolgreich absolvierte. Nichtsdestotrotz war sie während ihrer Ausbildung mit einigen Dozenten in ernsthafte Auseinandersetzungen geraten, vor allem, weil man ihr den Vorwurf machte, sie würde „ja ganz entartet“ zeichnen. 

In den 1950er Jahren würde sie nach einer wegweisenden Parisreise die Informelle Kunst (dazu gehören unter anderem die Stilrichtungen des Kubismus, des abstrakten Expressionismus und des Tachismus) nach Österreich bringen, um ihren zunächst eher surrealistischen Arbeitsstil weiterzuentwickeln. Ihr Ziel war es, in Anbetracht starker Phasen des körperlichen und geistigen Unwohlseins, die Grenze zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung aufzulösen. Aus dieser Idee entstanden die unzähligen „Body Awareness“ Selbstporträts der Künstlerin, in denen sie auf radikale Art und Weise die eigenen Empfindungen zum Ausdruck brachte und durch mutige Farbgestaltungen und eine noch nie zuvor dagewesene Verwendung von Figurationen im Alleingang die zeitgenößische Kunst revolutionierte. Den auch noch zu jener Zeit in weiten Kreisen vorherrschenden Kult um die rationalistische Realitätswahrnehmung lehnte sie entschieden ab und setzte damit einen klaren Fokus auf die individuellen Empfindungen des Subjekts.

In der Hoffnung auf eine blühende Karriere zog Lassnig letztlich in den späten 1960er Jahren nach New York City, wo man ihre Arbeit als „zu morbide“ abstempelte und sie weitestgehend auf Ablehnung stieß. Während ihres Aufenthalts (und vermutlich unter Einfluß der noch immer florierenden Pop-Art Bewegung um Andy Warhol) absolvierte Lassnig eine Zeichenklasse und fertigte während ihres Aufenthalts in den vereinigten Staaten eine Reihe von Kurzfilmen über die eigene Identität an. Als sie dann ihre Werke in ersten Ausstellungen präsentieren konnte, zeigten sich viele Besucher über das Alter der inzwischen über 40-Jährigen verwundert: einen so radikalen Malstil hätte man einem jungen Mädchen, nicht aber einer erwachsenen Dame zugetraut. Zeit ihres Lebens kämpfte sie gegen eine dekadente und teils festgefahrene Kunstelite an, die sie selbst gerne als „Kunstfaschisten“ bezeichnete. 

Ihr großer Durchbruch erfolgte erst im Alter von 61 Jahren mit ihrer Rückkehr nach Österreich. Endlich wurde sie durch die Wissenschaftsministerin zur Professorin der Kunst an der Universität für angewandte Künste erklärt. Den Rest ihres Lebens würde sie damit verbringen, sich ihrer Arbeit zu widmen, sprich unzählige und einzigartige Kunstwerke zu kreieren. Erst 2014 ist Maria Lassnig im Alter von 94 Jahren gestorben. Sie starb kinderlos und ohne jemals geheiratet zu haben. Lassnig selbst pflegte zu sagen, sie sei einzig und allein mit ihrer Kunst verheiratet. 

Ihr Werk bewegt auch heute noch

Maria Lassnig war ein Ausnahmetalent. Kaum eine Künstlerin hat sich selbst so sehr in ihrer Arbeit verwirklichen können wie sie es tat. Durch die Verwendung von zahlreichen Leitmotiven wie der Betonung des Subjekts, der Fokussierung auf eigenen Empfindungen und einem ungebändigten Verlangen nach Individualismus hat Lassnig ganz in der Tradition des Sturms und Drangs einen lebenslangen emanzipatorischen Kampf gegen die Zwänge der Gesellschaft geführt und damit Millionen von Menschen beeinflußt. Besonders in Zeiten der kulturellen Eintönigkeit und künstlerischen Angst empfinde ich ihre Bilder als extrem bewegend. Beschreiben lässt sich ihr außergewöhnlicher Pinselstrich kaum und auch auf Fotografien ist die Wirkung nicht annähernd nachzuvollziehen. Es ist daher jedem, dem sich die Gelegenheit ergibt, dringlichst ans Herz zu legen, das Werk Maria Lassnigs mit eigenen Augen anzusehen.


 „Es ist die Kunst, die bringt mich nicht ins Grab. Es ist die Kunst, jaja, die macht mich immer jünger, sie macht den Geist erst hungrig und dann satt.“ 

– aus dem Kurzfilm ‚Maria Lassnig Kantate’ von Maria Lassnig und Hubert Sielecki 

Bildquelle: 

Maria Lassnig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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