Die Frau der 20er Jahre – sexy und emanzipiert

Von Laura Werz | In den 20er Jahren, geprägt von politischen Unruhen, Inflation und Armut, hat sich die „moderne Frau“ in einer neuen gesellschaftlichen Rolle wiedergefunden. Berlin war die Symbolstadt des neuen Lebensgefühls – der Inbegriff des „Tanzes auf dem Vulkan“. Das bis heute stark romantisierte Jahrzehnt hat nie an Faszination verloren. Zwischen den Trümmern des vergangenen Krieges, verdrängte die Arbeiterklasse nachts bei Exzess in Varietés und Bars ihre Sorgen. Frauen tanzten erotisch in verruchten Kellern, gingen abends allein aus und arbeiteten tagsüber in der Stadt. Nie zuvor gab es in der deutschen und europäischen Moderne so viele Freiheiten für Frauen, wie in den 20er Jahren. Nachdem sich die Frauen das Wahlrecht erkämpft hatten, sollte auch eine neue gesellschaftliche Position folgen. Obwohl diese kurze Periode zu schnell von der Weltwirtschaftskrise und dem Krieg beendet wurde, bleibt dieses unvergessene Jahrzehnt aufgrund seiner historischen Einzigartigkeit bis heute legendär.

 

Die neue Rolle der Frau

Mit der zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen erfuhr die Emanzipation einen Aufschwung. Zur Zeit der 20er Jahre ist jede dritte Berlinerin erwerbstätig – mehr als je zuvor. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen gründete allerdingsnicht in einem Aufbegehren gegen die männerdominierte Arbeitswelt oder einem Verlangen nach ökonomischer Freiheit. Nach dem Krieg, in dem viele Männer gefallen, oder so schwer verwundet worden waren, dass sie nicht mehr arbeiten konnten, blieb für die meisten Haushalte keine andere Option. Dazu kam die Inflation, welche für Unter- und Mittelklasse schwer zu ertragen war. Viele Frauen blieben zunächst sogar ledig, um in der Stadt zu arbeiten und Geld zu verdienen. Trotz der Notwendigkeit für die Frau, sich einen der begehrten und angesehenen Arbeitsplätze als Sekretärin, Verkäuferin oder Telefonistin zu suchen und der prinzipiell vergleichsweise schlechten Bezahlung, entstand mit der Berufstätigkeit eine bis dato unbekannte Angleichung der sozialen Rolle von Frau und Mann. Darüber hinaus erlangte ‘frau‘ gewisse wirtschaftliche Freiheit. Das neue Recht zu arbeiten war dementsprechend Ausdruck des Aufkommenseiner zuvor unbekannten Selbstbestimmung.

 

Die Zigarette – Ein neues Accessoire

Wer es sich leisten konnte, ging abends aus. Man traf sich in Bars und Clubs, um dem Alltag für wenige Stunden zu entfliehen. Dafür tauschten die Frauen ihre adrette Arbeitskleidung gegen kurze Kleider und Miniröcke. Die Kleidung war nicht mehr figurbetont und einzwängend à la Korsett, sondern entsprach der neuen modischen Vorstellung: praktisch und auffällig. Das Schönheitsideal war nun androgyn und sportlich. Gleichzeitig zeigten sich die Frauen aber erotisch. Zum „It-Piece“ wurde die Zigarette. Es war nicht mehr verpönt in der Öffentlichkeit zu rauchen und die Zigarette wurde zu einem der beliebtesten Accessoires. Sie symbolisierte für viele das neue Lebensgefühl und es entwickelte sich ein regelrechter Kult um ihre Inszenierung. Dabei war sie nicht nur ein Symbol der Erotik, sondern auch der Befreiung der Frau von alt-bürgerlichen Normen.

Kritiker der Frauenbewegung verachteten die „moderne Frau“. Sie sahen in ihrem Auftreten die Vermännlichung der Frauen so wie die Auflösung jeglicher Sittlichkeit und Anstandes. Diese Betrachtungsweise lässt sich an vereinzelten Modeerscheinungen besonders gut illustrieren.

Es wurden gerade geschnittene Kleider und auch flache Schuhe getragen, dazu der ikonische Bubikopf. Auf der Bühne sah man Frauen sogar in Hosen oder mit Zylinder. Die in den 20er Jahren aufsteigende Marlene Dietrich revolutionierte mit ihrem Hosenanzug am Ende des Jahrzehnts die Modewelt und polarisierte auch privat, indem sie mit stereotypischen Geschlechterrollen brach.

Kleidung und Mode entsprach in weiten Teilen gesellschaftlichen Vorstellungen, Normen und Erwartungen. Die meisten der noch vor 100 Jahren vorherrschenden Kleiderordnungen und Tabus sind heutzutage bereits abgeschafft und die damals polarisierende Klamotte, wie eine Hose für Frauen, zur Normalität geworden. Die „moderne Frau“ der 20er Jahre kleidete sich feminin, aber praktisch, androgyn und gleichzeitig erotisch. Die Mode polarisierte, sie ist politisch geworden und damit zum Symbol der neuen Freiheit.

 

Anita Berber – Der lebende Skandal Berlins

Eine der berühmtesten und skandalösesten Figuren der Zeit ist die Berliner Tänzerin und Schauspielerin Anita Berber, deren Popularität bis nach Amerika reichte. Berühmt wurde sie bereits in sehr jungen Jahren für ihre exzentrischen und skandalösen Auftritte in Nachtclubs und Varietés. Sie symbolisierte wie keine andere das überdrehte Nachtleben Berlins, mit all seiner Freiheit und Freizügigkeit, aber auch den Schattenseiten, die es mit sich bringen konnte. Anita tanzte leicht bekleidet, stark geschminkt und verführte ihr Publikum mit ihren weiblichen Reizen. Sie lebte die Extravaganz und liebte es, zu polarisieren. So rasierte sie sich ihre Augenbrauen, bemalte ihren Körper und präsentierte auf der Bühne nackt einen Spagat – angeblich, ohne anstößig zu wirken. Besucher ihrer Auftritte trugen zum Teil Masken, um nicht erkannt zu werden.

Auf der anderen Seite, der feminin-erotischen Eigeninszenierung völlig zum Kontrast, trug sie Anzüge, pflegte ungesittete Manieren – prügelte sich sogar und setzte sich androgyn und maskulin in Szene. Sie ist die erste Frau gewesen, die Herrenhosen trug und etablierte eine Mode, die „à la Berber“ genannt wurde, von welcher sich später auch Marlene Dietrich inspirieren ließ. Ihre Tänze trugen Namen wie „Kokain“ und „Morphium“ was bereits ein erstes Zeichen für die Abgründe war, in welche die Tänzerin fallen sollte. Drogen veränderten ihren Charakter und führten schließlich zu ihrem beruflichen Ende. Sie wurde aggressiv, unkooperativ und ihre Ehe zerbrach. Schließlich starb sie an ihrer Drogen- und Alkoholsucht im Alter von nur 29 Jahren. Inzwischen ist Anita Berber Sinnbild des verrückten Lebensstils und der berühmt-berüchtigten Nachtwelt Berlins der goldenen 20er geworden. Sie personifiziert wie keine andere die Verzweiflung und Einsamkeit einer Frau des goldenen Jahrzehnts in der Großstadt, welche nach Erfolg und Anerkennung strebt und dabei auf dem schmalen Grat des Aufbegehrens gegen gesellschaftliche Normen, Selbstverwirklichung und Selbstzerstörung wanderte.

 

Die Emanzipation – Eine Angleichung der Geschlechter?

Armut, Verzweiflung und eine gewisse Endzeitstimmung ebneten den Weg zu dem „goldenen Zeitalter“, in welchesich Frauen in historisch einzigartiger Weise inszenierten. Mit modischen Statements und dem Brechen alter Tabus und traditioneller Verhaltensweisen, erkämpften sich Frauen in der instabilen Nachkriegsgesellschaft mit zerbrechlicher Demokratie eine neue soziale Stellung. Nicht zuletzt aufgrund des Wahlrechts, ihrer Möglichkeit zu arbeiten, sowie neuakzeptierter (beziehungsweise geduldeter) Verhaltensweisen, wurden stereotypische und alte Rollenbilder aufgeweicht. Die Entwicklung der sozialen Stellung der Frau spiegelte sich stark in der Damenmode wieder. Dabei verzichteten Frauen tagsüber ganz bewusst auf auffälliges Make-Up, oder zu kurze Röcke am Arbeitsplatz, um in der männerdominierten Welt zu bestehen.

Die konservative Kleidung wurde abends dennoch gegen moderne, kurze Kleider getauscht und ‘frau‘ spielte bewusst mit ihrer Weiblichkeit. Ein femininer Auftritt bedeutete eben nicht das Zurückkehren in alte Geschlechterrollen, sondern war gerade Ausdruck der neu gewonnenen Freiheit. Heute wird unter dem „Deckmantel des Feminismus“ ein ungepflegtes Äußeres nicht selten als Ausdruck der Selbstbestimmung und des Fortschritts der Gleichberechtigung betrachtet. Marlene Dietrich, die von Zeitgenossen aufgrund ihres Auftritts sogar als non-binär beschrieben wurde, kann jedoch sicherlich nicht als Vorbild heutiger Modeerscheinungen betrachtet werden. So waren ihre Anzughosen hoch geschnitten, die Haare ordentlich frisiert und ihr Auftreten stets elegant.

Sie spielte bewusst mit den vermeintlichen Grenzen von Herren- und Damenmode, ohneje ihre Weiblichkeit zu kaschieren. Und auch Anita Berber präsentierte sich zeitgleich feminin und emanzipiert. Weiblichkeit und die Unabhängigkeit der Frau schlossen sich nicht aus, sondern bedingten gerade einander. Mit Blick auf das Emanzipationsverständnis vor 100 Jahren, ist es schwer nachvollziehbar, dass feminine Kleidung heute oft als verstaubt und rückständig aufgegriffen wird. Dabei sollten doch gerade Geschmack und Klasse niemals aus der Mode kommen. Sind Jogginghosen und „Messi Dutt“ eher Ausdruck von Freiheit, als Kleider und frisierte Haare? Oder ist die heutige Mode nur Resultat von Verwahrlosung und geistiger Armut?

Wenn Ungepflegtheit en vogue ist und mit politischer Überzeugung, einem Aufbegehren gegen die Mehrheitsgesellschaft und nicht zu vergessen mit Individualität begründet wird, drängt sich die Frage auf, was mit einer derartigen Selbstdarstellung tatsächlich bezweckt werden soll. Heute ebnen diese politischen Mode-Statements nicht mehr den Weg in weitere Freiheit und Fortschritt, sondern sind Ausdruck von Mitläufertum, Unreflektiertheit und Orientierungslosigkeit. Die Folge ist eine ausufernde Gruppendynamik, welche sich in der kategorischen Ablehnung abweichender Meinungen und anderer Lebensweisen abzeichnet. Die heutige hoch intolerante Gesellschaft, in welcher Begriffen wie „Solidarität“, „Ausgrenzung“, oder „Toleranz“ missbraucht werden, um gegen kritische Stimme vorzugehen, lässt die 20er Jahre, mit seinem Aufbegehren nach Freiheit und dem Kämpfen um neue Rechte progressiver und freigeistiger erscheinen, als das Heute.

Trotz dessen, dass in den folgenden Jahrzehnten wieder gewohnte Muster zurückkehren sollten und man in der Tradition nach Stabilität suchte, bot das goldene Jahrzehnt einen unvergleichlichen Vorgeschmack auf stilsichere Gleichstellung, Selbstbestimmung und die Unabhängigkeit der Frau – vielleicht finden wir in Zukunft ja auch wieder zur Stilsicherheit zurück.


Die selbstsichere Frau verwischt nicht den Unterschied zwischen Mann und Frau – sie betont ihn.

Coco Chanel