Deutschland verliert gegen Japan – ein Symbol für alles, was in diesem Land falsch läuft

Von Jerome Wnuk | Nach einer Woche Diskussion über „One-Love Binden“ stand heute nun endlich das erste Gruppenspiel der WM gegen Japan an. Die Tage davor war Fußball neben all den Diskussionen nur Nebensache. Das Einknicken gegenüber den Scheichs bestimmte die Medien. Über das Sportliche wurde nur wenig gesprochen. Nach dem Spiel heute ist klar: Wir haben uns nicht nur politisch lächerlich gemacht, sondern auch sportlich. Die WM in Katar droht genau wie 2018 zu einem Desaster für den deutschen Fußball zu werden.

Dieses Jahr machen wir alles anders. Das war die Hoffnung, die Deutschland ins umstrittene Turnier in Katar mitnahm. Das Team ist jung und kreativ. Stars wie Musiala, Havertz oder Rüdiger erleben ihre erste Weltmeisterschaft, gepaart mit erfahrenden Spieler wie Müller, Neuer oder Gündogan. Eigentlich hatte man also durchaus hohe Erwartungen haben können. Fußballerische Qualität war aber bis zuletzt Nebensache: Überschattet wurde die WM von ewigen Debatten über Boykott – bis zum letzten Tag diskutierte man mehr über bunte Kapitänsbinden als sich auf Fußball einzustellen. Fußballer wurden zu politischen Figuren, die ein Zeichen setzen müssen. Mit dem Beginn der Gruppenspiele sollte das aber vorbei sein. Jetzt sollten die Nationalspieler endlich das tun, wofür sie angereist sind: Fußballspiele gewinnen. 

Doch das gelang heute nicht: Denn was die deutsche Nationalmannschaft heute abgeliefert hat, war bis auf einige Phasen genau das, was man 2018 kritisiert hatte. Fehlende Kampfbereitschaft, taktische Fehler, kein Konzept. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer davon ist sicher, dass wir noch bis 2 Minuten vor Anpfiff mit politischen Zeichen gegen die FIFA und Katar beschäftigt waren und uns die Hände vor den Mund hielten. Ein anderer, dass wir auf entschlossene Japaner trafen. Und: Wir hatten auch einfach Pech. Aber als Ausrede taugt das alles nicht. Die heutige Niederlage und das generell schlechte deutsche Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft in den letzten Jahren hat eine tiefere Ursache. 

 

Angst, den Ball zu haben, Furcht, Verantwortung zu tragen. Das ist deutscher Fußball in 2022. Und symbolisch für so viel, was wir in Deutschland falsch machen.

 

Taktisch verloren die Deutschen sich heute in Schönspielerei und Schein. Mangelnde Entscheidungsfindung in wichtigen Aktionen (wie das ständige Hin- und Her in Moralbekundungen gegenüber Katar), teilweise desolates Stellungsspiel der Hintermannschaft und fehlendes Rückgrat in den Zweikämpfen sorgten am Ende für eine verdiente Niederlage. Beim ersten Widerstand der Japaner knickten wir ein. Genau das Rückgrat, was wir gegen Katar nicht zeigen konnten, hat uns heute auch auf dem Spielfeld gefehlt. Japan machte genau das heute richtig. Unendliche Kampfbereitschaft, Konsequenz in Zweikämpfen und Dribblings gepaart mit großem Selbstbewusstsein. Heute spielten vor allem in der zweiten Halbzeit stolze Japaner gegen ein träges Deutschland. Kapitän Gündogan sagte selbst nach dem Spiel: „Ich hatte das Gefühl, dass nicht jeder den Ball haben wollte.“ 

Angst, den Ball zu haben, Furcht, Verantwortung zu tragen. Das ist deutscher Fußball in 2022. Und symbolisch für so viel, was wir in Deutschland falsch machen. Ein Deutschland ohne Rückgrat, ohne Bereitschaft, 100 Prozent zu geben und ohne Konsequenz. Ein Deutschland, das sich zu viele Gedanken um Politik und Zeichen gemacht hat, statt sich auf fußballerische Grunddisziplinen zu fokussieren.

Fußball ist manchmal der Spiegel für die Stimmung in einem Land. Gewinnt ein Land die WM, ist die Stimmung in dem Land gut, die Politik gewinnt an Zustimmung, Optimismus und Zufriedenheit bestimmen die Laune. In einem Land, in dem es nicht mehr läuft, läuft es auch auf dem Fußballplatz nicht mehr. 1954 konnte Deutschland mit ihrem Wunder von Bern das Gefühl von „Wir sind wieder wer“ hochleben lassen. Der Erfolg im Fußball sorgte für große Aufbruchstimmung, die auch mit ausschlaggebend war für das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik Deutschland. Die sportlichen Erfolge mit dem WM Titel 1974 und 1990 symbolisierten dann genau diese Stärke, die Deutschland politisch und wirtschaftlich aufbaute. Der DFB war wieder erstklassig und genauso war es Deutschland. 

Jetzt ist der DFB wieder fußballerisch zweitklassig, keine Nation, die mit den Besten mithalten kann – das zweite frühe Aus in Folge droht. Exakt so steht es auch um das Land Deutschland. Stück für Stück verliert Deutschland international an Bedeutung. Der sportliche Misserfolg heute passt ins Bild.

2 Antworten

  1. Peter H. sagt:

    Nach dem verlorenen EM-Finale 2008 gegen Spanien wurde Michael Ballack vom Funktionärskasper Bierhoff aufgefordert, sich von den Fans feiern zu lassen – als ob es egal wäre, dass Deutschland gerade verloren hatte. Ballack nannte Bierhoff daraufhin „Pisser“ und „Obertucke“ und erfüllte nur widerwillig seinen Auftrag. Warum sind heutzutage die älteren Spieler in der Nationalmannschaft so brav? Warum lassen sie das mit sich machen?

  2. Fassmeier sagt:

    Ich habe immer gerne Fußball geguckt – aber das ist einfach zu unterirdisch. Der Fernseher bleibt aus.

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