Was wir aus Heldengeschichten lernen können

Von Simon Ben Schumann | Was haben Jesus Christus, Harry Potter und Donald Trump gemeinsam? Klar, sie alle gehören zum cis-male Patriarchat, welches unseren Planeten nach wie vor in Angst und Schrecken versetzt. Aber außerdem sind sie alle die Helden ihrer geistigen Welten – oder eben Antihelden, je nach Standpunkt.

Ob im Israel des 1. Jahrhunderts, in JK Rowlings „Wizarding World“ oder aber in der US-Politik: Sagen, Legenden und Geschichten über (vermeintliche) Helden prägen die Menschheit seit Anbeginn. Es sind nie bloße Ideologien, sondern stets Individuen, die die Welt wirklich prägen. Von ihren Anhängern werden sie verehrt, von den Gegnern angefeindet – es scheint ein Teil der menschlichen DNA zu sein, zu Einzelpersonen aufzusehen. Das kann natürlich in der Hölle auf Erden enden, beherrscht von König Herodes, Lord Voldemort oder Karl Lauterbach. Es bleibt dennoch Realität.

Gilgamesch: Der erste Held der Menschheit?

Der Anbeginn von komplexen menschlichen Gesellschaften wird, aufgrund der erhaltenen Zeugnisse, von modernen Archäologen im antiken Sumer verortet. Die alten Sumerer sind die erste bekannte Zivilisation, welche eine komplexe Kultur auf die Beine stellte. Es gab Ackerbau, Viehzucht, Mathematik, Schrift, Militär und so weiter.

Und, besonders spannend: Die ersten niedergeschriebenen Geschichten der Menschheit sind uns von den Sumerern erhalten. Und selbst hier begegnet uns ein immer wiederkehrendes Schema: Protagonist, Antagonist und mehrere Wegbegleiter. Der bekannteste ist Gottkönig Gilgamesch, der als egoistischer Herrscher um 3.000 v. Chr. seine Stadt terrorisiert. Daher geben ihm die Götter einen Freund namens Enkidu zur Seite, was die Brutalität des Königs mildert und zu einem weisen Herrscher heranwachsen lässt. Gemeinsam stellen sich die beiden vielen abenteuerlichen Kämpfen und begeben sich auf die Suche nach ewigem Leben.

Natürlich war das Patriarchat damals noch nicht global verbreitet, so dass es mal ausnahmsweise weibliche Hauptcharaktere gibt. Ein Beispiel ist hier das Buch Ester im Alten Testament. Es erzählt, wie Heldin Ester um 500 v. Chr. nach einem gewonnen „Beauty-Contest“ mit dem persischen König verheiratet wird. Damit ist sie zwar „First Lady“, dass sie Jüdin ist verschweigt sie aber zum Glück. Denn blöderweise ist ein enger Berater des Königs extremer Antisemit und plant mal eben, alle Juden in Persien zu ermorden. Fast kommt es zum Völkermord. Doch da es in der Ehe einigermaßen läuft, kann Ester den König bewegen, sich von seinem Berater loszusagen – der Genozid bleibt aus. Die uralte Geschichte wurde mehrfach verfilmt, unser anderem 2006 in „One Night with the King“.

Die Heldenreise als literarisches Motiv

Aus den Heldengeschichten der Antike, aber auch den modernen Geschichten wie Harry Potter, Star Wars oder Avengers hat sich in der Literaturwissenschaft ein schematischer Aufbau der Heldenreise ergeben. Dieser wird auch „Monomythos“ genannt, da stets eine Einzelperson im Mittelpunkt steht und verschiedene Phasen an Charakterentwicklung durchläuft.

Phase 1 hierbei: Der oder die Protagonistin befindet sich in einer gewöhnlichen Alltagssituation und genießt mehr oder weniger ihr Leben. Die Dinge gehen einfach ihren Gang. Im zweiten Schritt offenbart sich durch einen „Herold“ eine gewisse Mission oder Abenteuer, welches zu beschreiten ist. In der bekannten Harry Potter Story ist das Hagrid, der die Tür kaputtschlägt – nach dem Motto: „Übrigens, du kannst zaubern und so.“ Doch dann wird es ernst, die Antagonisten betreten die Bühne. Jetzt trifft der Protagonist auf Freunde und Mentoren, die ihn unterstützen. Mehrere Prüfungen sind zu absolvieren, die schwerste dabei: Eine Konfrontation mit dem Tod selbst. Diese kann verschieden ausgehen, meistens aber überlebt der Hauptcharakter knapp und kehrt mit den gewonnenen Erkenntnissen in einen anderen, besseren Alltag als zuvor zurück. Die Welt ist gerettet, da wird man sich ja wohl mal entspannen dürfen.

Von Helden, Antihelden und Alltagshelden

Die „Heldenreise“ ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Sie findet sich so und in abgewandelter Form in beinahe jeder fiktiven Geschichte. Je besser sie umgesetzt ist, desto erfolgreicher ist z. B. eine Filmreihe. Die populären Marvel Filme, welche momentan die Unterhaltungsbrache dominieren, sind ein Beispiel dafür. Doch können wir daraus etwas für den Alltag lernen?

Ich denke: Ja! Denn bei der charakterlichen Entwicklung eines Individuums, das die Welt retten muss, sind wir als nicht-fiktive Menschen auf keinen Fall außen vor. Nicht umsonst gibt es in jeder geistigen Tradition Äquivalente zum literarischen Epos. Seien es beispielsweise die Gradwanderung in der Freimaurerei, der „echte Helden“ wie George Washington entstammen oder der christliche Erlösungsweg durch die Spendung verschiedener Sakramente: Wir alle sind gefordert.

Natürlich muss und kann nicht jeder die ganze Welt retten. Dafür fehlt uns ja bei bestem Willen auch die Superkraft. Aber reicht es nicht schon, wenn wir da aufstehen, wo wir es können? Wenn beim Brunch mit Bekannten gegen nicht geimpfte Stimmung gemacht wird, kann jeder etwas sagen und dazwischenfunken. Unseren Kindern können wir die Werte vermitteln, welche wir in einer manchmal ziemlich dunklen Welt vermissen – und diese so etwas bereichern.

Gegen Lord Voldemort in den Endkampf ziehen müssen die meisten von uns nur beim Gaming. Aber durch eine an guten Vorbildern orientierte Weiterentwicklung unseres Selbst können wir vielleicht zu den wirklich wichtigen Helden werden – den Helden des Alltags.

1 Antwort

  1. Sofie sagt:

    „Das kann natürlich in der Hölle auf Erden enden, beherrscht von König Herodes, Lord Voldemort oder Karl Lauterbach“ – Herrlich!