Der Hilferuf einer Auszubildenden: Ich hab gesunden Menschenverstand – Holt mich hier raus!

Von Marikka Wiemann | Vorweg – mein Abitur wurde mir nicht geschenkt. Ich musste, wie die meisten Schüler in der Oberstufe, viel Zeit investieren um den Lernstoff irgendwie in meinen Kopf zu bekommen. Jetzt habe ich mich vorläufig gegen ein Studium und für eine Ausbildung entschieden. Mir war absolut bewusst, dass es im Gegensatz zu meinen letzten Schuljahren weniger zeitaufwändig werden würde.

Aber… um es kurz zu machen. Ich habe nicht ohne Grund seit neuestem eine neue Beschäftigung für mich entdeckt. Es ist eine App, die vermutlich die Meisten von euch kennen. Und nein, es ist nicht die Simple Club App. Es ist (*Trommelwirbel) Quizduell. Sie bewahrt mich in regelmäßigen Abständen vor dem absoluten Nervenzusammenbruch und dem Reflex resigniert mit dem Kopf auf die Tischplatte zu schlagen.

Was ich im Unterricht teilweise erlebe, ist jenseits von gut und böse. In Deutschland werden in so gut wie jedem Bereich Fachkräfte gesucht. Ich bin mir aber sicher, dass sämtliche Arbeitgeber – würden sie einen Blick in einige Klassen der zukünftigen „Fachkräfte“ werfen – ähnlich fassungslos wie ich reagieren würden. Sicher, niemand ist perfekt und bei jedem schleichen sich Fehler ein, aber es gibt grundlegende Dinge, über die ich einfach nur den Kopf schütteln muss.


So habe ich unter Anderem gelernt, dass ich auf Stichpunktzetteln rechts und links einen Rand für meine Daumen sparen solle, damit ich nichts verdecke. Dinge die vielleicht in der Grundschule interessant gewesen wären. 



Hier einige Beispiel: Wir haben ein Fach, was sich wissenschaftliches Arbeiten nennt. Das klingt anspruchsvoll? Weit gefehlt, zumindest nach meinem derzeitigen Erkenntnisstand. Neben wirklich wichtigen Themen wie beispielsweise dem Kennzeichnen von Quellenangaben, beschäftigen wir uns sehr intensiv mit dem Unterschied zwischen das und dass, dem Halten von Vorträgen oder dem Konjunktiv. So habe ich unter Anderem gelernt, dass ich auf Stichpunktzetteln rechts und links einen Rand für meine Daumen sparen solle, damit ich nichts verdecke. Dinge die vielleicht in der Grundschule interessant gewesen wären. 

Eine Wiederholung der genannten Themen ist legitim, aber die Intensität, mit der wir sie behandeln, lässt mich langsam glauben, dass ich wieder in der 8. Klasse gelandet bin. Doch nicht nur die Themenwahl lässt mich zunehmend verzweifeln. Auch die Arbeitsweise einiger Mitschüler ist ein absolutes Trauerspiel. Stellenweise habe ich den Eindruck, dass einige täglich ihr Kurzzeitgedächtnis und ihre Aufmerksamkeit am Desinfektionsmittelspender im Eingangsbereich abgeben.

Hier wieder einige Beispiele: der Lehrer hat gerade seinen Satz beendet, will Luftholen um zum nächsten überzugehen, da wird er unterbrochen und um eine Wiederholung gebeten. Dieses Szenario entsteht nicht nur bei Fachbegriffen, sondern auch bei simplen Sätzen oder Wörtern, die man sich theoretisch aus dem Zusammenhang herleiten könnte. 


Mitschreiben  statt mitdenken 

Eine andere Möglichkeit wäre ein kurzer Blick nach links oder rechts zum Nachbarn und das Problem wäre gelöst. Stattdessen werden Minuten verschwendet um jede Kleinigkeit nachzufragen. Oder man ist so in seinem „Mitschreibetunnel“ gefangen, dass man gar nicht realisiert, dass das rätselhafte Wort längst schon an der Tafel geschrieben steht.

Durch diese Arbeitsweise kann man sich vorstellen, dass der Unterricht sich wie ein Kaugummi endlos in die Länge zieht. Es scheint, als hätten meiner Mitschüler das selbstständige Nachdenken, oder ganz einfach den gesunden Menschenverstand verlernt. Aber wie sollte es auch anders sein, denn bei meinem geschilderten Unterrichtsstoff könnte man meinen, dass er uns systematisch aberzogen werden soll. 

Jeder Lehrer hat im Laufe der Jahre seine eigenen Strategie entwickelt. Einige resignieren und legen beinahe ausschließlich Folien auf den Overheadprojektor, andere diktieren sogar Absätze und Einrückungen und wieder Andere lassen sich von Störungen dieser Art nicht beeindrucken, sondern diktieren weiter ihre Stichpunkte in angezogenem Tempo. Jedoch geschieht dies mit einem zunehmend genervteren Gesichtsausdruck. Mit dieser Methode wird der Alterungsprozesss im Gegensatz zum Unterricht sicherlich beschleunigt.


Alle mitzunehmen ist ebenso ehrenhaft wie unrealistisch 

Auch die Notenvergabe ist in einigen Fächern abenteuerlich. So habe ich es schon einige Male erlebt, dass wir uns heraussuchen konnten, ob wir unsere Noten haben wollten oder nicht. Diese Methode klingt schülerfreundlich, jedoch stellt sich mir die Frage, ob sie die Faulheit einiger nicht weiter begünstigt!? Gute Noten werden nicht mehr erarbeitet, sondern zum Standard erklärt und das Anforderungsniveau immer weiter gesenkt. Außerdem wird nicht nur ein „Nichtkönnen“, sondern auch Bequemlichkeit durch dieses Wunschkonzert gefördert.

Der Anspruch alle „mitzunehmen“ ist ebenso ehrenhaft wie unrealistisch. Die Leistungen einzelner Schüler sind einfach nicht gleich, die einen sind besser, die anderen schlechter. Es ist absoluter Unsinn, aus diesem Grund sowohl das Niveau als auch das Arbeitstempo ins Bodenlose zu reduzieren. Damit ist weder den schwächeren Schülern geholfen, die trotzdem am Ende ihrer Ausbildung eine Prüfung ablegen müssen, noch den leistungsstärkeren, die wie die Unterrichtszeit eher absitzen als produktiv nutzen.

Solange man nicht akzeptiert, dass eine Klasse aus unterschiedlichen Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Begabungen besteht, wird sich jedoch an dieser Art der Unterrichtsführung nichts ändern. „Gleichmacherei“ dieser Art passt leider nur allzu gut in den aktuellen Zeitgeist, der auf der einen Seite die „Vielfalt“ feiert, aber auf der anderen Seite die unterschiedliche Verteilung von Begabungen nicht als gegeben hinnehmen kann.

2 Antworten

  1. nordseeschwalbe sagt:

    Interessanter, wenn auch leider niederschmetternder Erfahrungsbericht. Viel Erfolg beim Quiz-Duell dann…!

  2. Hans-Peter Dollhopf sagt:

    Frau Wiemann, Welcome to the Club! Meine Erlebnisse mit hausinternen Schulungen bei verschiedenen Firmen waren ja ganz unterschiedlich. Und darum sind mir Erfahrungen der Kategorie “Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren”, wie Sie es hier schildern, nur allzu gut vertraut. “Knoppers – Morgens halb zehn in Deutschland (Fernsehwerbung, 1995)” in Endlosschleife. Von 8 bis 17. Aber haben Sie die Variante schon erlebt, bei der die “Vortänzer” sich selbst auf dem Niveau der Trolle befinden? Höllen-Upgrade!