Der deutsche Dunkelseher: Alle Jahre wieder Weltuntergang

Von Jonas Kürsch | Wer einen Blick in die vielen Nachbarländer Deutschlands wirft, stellt schnell fest, dass das Coronavirus im Alltagsleben der meisten Menschen nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Die Niederlande und Großbritannien haben bereits vor einigen Wochen so gut wie alle Maßnahmen fallen gelassen und auch Schweden kündigte zuletzt an, man würde das Virus fortan nicht mehr als staatsgefährdend einstufen. Auch Deutschland erlebte in den letzten Tagen die erste Welle an Maßnahmenlockerungen seit langer Zeit. Glaubt man allerdings der Panikpresse, Gesundheitsminister Lauterbach und vielen Solidaritätspredigern von SPD und Grünen, droht durch das Wegfallen der Schutzverordnungen sogleich der Weltuntergang.

Auch in der Bevölkerung stellt man eine starke Unsicherheit und großflächige Unzufriedenheit über die Beendigung der Maßnahmen fest. In den Niederlanden oder Großbritannien ist das hingegen kaum der Fall. Die Deutschen scheinen ein ungewöhnlich starkes Interesse daran zu haben, im Angesicht ihres nahenden Verderbens selbstzerstörerische Politik zu betreiben. Obwohl diese Charaktereigenschaft zunächst leicht absurd erscheinen mag, ist sie doch tief in der Historie unseres Landes verankert: die deutsche Lust am Weltuntergang.

Kriegseuphorie

Gut erkennen lässt sich das am Beispiel des ersten Weltkrieg, der zwar alleine von Deutschland ausgelöst wurde, aber durchaus auf eine hohe Begeisterung in der Bevölkerung traf. Im Rahmen des sogenannten „Augusterlebnis“ von 1914 entwickelte sich im Deutschen Reich eine gefährliche Kriegseuphorie, die das solidarische Kämpfen und das selbstlose Sterben für die politischen Ziele der Heimat zu einer realitätsfernen Glorie verklärte. Unter Jubel zogen teils minderjährige Soldaten in jenen Krieg, der als einer der opferreichsten Konflikte in die Menschheitsgeschichte eingehen würde. Das ehrwürdige Schlachtfeld aus alten Tagen fand man nirgends: stattdessen war der kalte und enge Schützengraben zur Übergangsheimat für Millionen von Männern geworden. Für die Mehrheit war dieser Schrecken allerdings nur ein kleiner Preis, denn den letztendlichen Gewinn schätzte man um so vieles höher ein: am deutschen Wesen sollte die Welt genesen.


Dieser größenwahnsinnige Wunsch nach Selbstaufopferung ließ sich ebenfalls in der Werbekampagne „Gold gab ich für Eisen“ wiederfinden. Mit diesem Aufruf wurden deutsche Staatsbürger dazu aufgefordert, ihren Goldschmuck an den Staat abzutreten, um die Kriegsindustrie zu finanzieren. Wer das tat, erhielt im Gegenzug ein kostenloses Schmuckstück aus Eisen, das lediglich einen ideellen Wert besaß. Obwohl die Aktion freiwillig blieb, entstand ein massiver gesellschaftlicher Druck. Wer weiterhin Goldketten oder Goldohrringe trug, nicht aber den eisernen Volksschmuck, bewies damit, dass er nicht alle patriotischen Pflichten erfüllt hatte, um sich mit dem Volk und seinem Kaiser solidarisch zu zeigen. Kam man dem Aufruf also nicht nacht, drohte einem die gesellschaftliche Isolation.


Fatale Fantasien vom Endsieg

Mit dem Kriegsende und der damit einhergehenden Niederlage des Deutschen Reichs trat Verbitterung in großen Teilen der Gesellschaft ein. Die hohen Verluste, die Armut und all die Mühe waren umsonst gewesen. Besonders der von vielen als Demütigung empfundene Vertrag von Versailles sollte tiefe Narben in der Volkspsyche der Deutschen hinterlassen. Vielleicht ist es sogar gar nicht so falsch zu sagen, dass die Schande des Kriegsverlustes nach den unzähligen Opfern tatsächlich für viele Menschen einem Weltuntergang gleichkam.

Nach einer kurzen Phase der Demokratisierung sahen die Deutschen 1932 in Adolf Hitler jenen Mann, der den Weltuntergang verhindern oder gar rückgängig machen sollte. Dabei half ihm nicht nur die durch zentristische Parteien verursachte Wirtschafts-, Finanz- und Währungskrise der Weimarer Republik, sondern vor allem der weitverbreitete Vergeltungswunsch gegenüber den Siegermächten des ersten Weltkrieges.

Ähnlich wie im wilhelminischen Kaiserreich propagiert, nun aber eingebettet in eine durch blanken Hass getriebene Ideologie des NS-Regimes, fürchteten die Nationalsozialisten um den Lebensraum der Deutschen. Im Zuge der „Germanisierung“ des Ostens wollte man dem angeblichen Aussterben des deutschen Volks mit einem größenwahnsinnigen Eroberungsfeldzug entgegentreten. Dabei würde Deutschland alles bereit sein zu opfern, denn fortan würde man nur noch auf den totalen Endsieg abzielen, also den endgültigen Sieg Deutschlands über die restlichen Nationen dieser Welt.


(Selbst)zerstörung als deutsche Ursehnsucht

Der vermeintliche Weltuntergang oder die irrationale Angst vor der Zerstörung des deutschen Lebensraums gehörten schon immer zu den essenziellen Bestandteilen der deutschen Politik. Dämonische Mahner und Warner der Geschichte sind daher keine Ausnahmeentwicklungen, sondern ein fester Bestandteil in der schwergestörten Realitätswahrnehmung von uns Deutschen. Ganz egal, ob es um weltfremde Kriegseuphorie, die menschenverachtende Germanisierung der Nazis, den Klimafaschismus der Grünen oder die ungebändigte Angst vor Corona geht: der Deutsche sehnt sich nach der altruistischen Selbstaufgabe der individuellen Freiheiten zugunsten eines vermeintlich höheren Ziels. Die Resultate sind die immer gleichen: Armut, Selbstverstümmelung und Leid.

Während andere Völker dieser Welt ihre wiedergewonnenen Freiheiten voller Begierde annehmen und mit der entsprechenden Lebensbejahung in die Post-Covid Ära schreiten, sind es allein die deutschen Experten, welche bereits jetzt vor einer Rückkehr der destruktiven Maßnahmen im Herbst warnen. Das Ende ist in Deutschland mal wieder am nächsten und die Katastrophe gewiss. Alles wie immer. 



„Die Deutschen – man hieß sie einst das Volk der Denker: denken sie heute überhaupt noch? Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste, die Deutschen mißtrauen jetzt dem Geiste, die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge.“
   – aus Friedrich Nietzsches „Götzendämmerung“

1 Antwort

  1. H. Fritz sagt:

    Historische kurze und prägnannt Analyse.
    Hätten wir solchen Geschichtsunterricht in deutschen Schulen, gäbe es Hoffnung.
    Dankr für diesen Beitrag