Das neue Sprach-Diktat: „Pssscht! Das darf man nicht mehr sagen!“

Von Jonas Aston | Seitdem es Sprache gibt, wird versucht, den Adressaten durch die Wahl der Worte zu lenken. Insbesondere Herrschende wollen so die Meinungen und Ansichten der Beherrschten beeinflussen. Beispiele hierfür gibt es zuhauf. Die legendären Sätze Angela Merkels „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ und „wir schaffen das“ stehen dafür sinnbildlich. Wer den Euro kritisiert, ist gleich gegen Europa. Wer eine stringentere Migrationspolitik anmahnt, macht sich moralisch verdächtig – ist er doch nicht bereit, sich hinter das große Projekt der Integration zu stellen und stört dabei auch noch die gute Ordnung. Solche Sätze dienen dazu, Sachverhalte moralisch aufzuladen und die gewünschte Sicht der Dinge durchzusetzen, ohne inhaltlich argumentieren zu müssen. Sprache wird damit schnell zum Instrument von gedanklicher Bevormundung.


Sprachgebote ohne Sinn und Verstand

Derzeit wird die Kontrolle von Meinungen über die Sprache immer weiter auf die Spitze getrieben. Gewisse Sachverhalte werden beschwiegen und bemäntelt, über andere zerreißt man sich. Sinn und Zweck der Sprache ist die Kommunikation und das Vermitteln von Informationen. Genau das möchte die Politik erschweren und behindern. So bleibt das 100-Milliarden-Sondervermögen von Christian Linder ein Haufen Schulden, auch wenn begrifflich suggeriert wird, dass das Geld vom Himmel gefallen ist. Die gesetzten Sprachgebote haben längst den gesamten politischen Alltag erfasst. Die Wahrnehmung der Realität soll verändert werden – möglicherweise glaubt man sogar über Sprachregelungen die Tatsachen ändern zu können.

So wurde etwa der Begriff „Zigeuner“ aus dem Sprachgebrauch getilgt. Dies war die klassische Bezeichnung für Volksgruppen, die vor rund 1000 Jahren Indien verließen und seitdem in Europa leben. Ersetzt wurde der Zigeunerbegriff durch „Sinti und Roma“. Ein Begriff, der unzutreffend ist, werden mit Sinti und Roma doch nur zwei der zahlreichen Zigeunerfamilien beschrieben. Nach dem Fall des Ostblocks und der Öffnung Osteuropas, gab es eine verstärkte Zuwanderung dieser Volksgruppen nach Mittel- und Westeuropa. Dies brachte auch vermehrte Probleme mit illegaler Prostitution, Diebstahl und Betteln mit sich. Durch die Tilgung des Wortes Zigeuner hoffte man wohl auch das negative Bild dieser Völker tilgen zu können. Doch die grundlegenden Probleme wurden nicht gelöst.


Probleme verschwinden nicht, weil man sie aus der Sprache tilgt

Nach einer kurzen Zeit der Verwirrung etablierten sich die gleichen negativen Assoziationen, die man einst mit Zigeunern verband, auch mit den Sinti und Roma. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass nie angestrebt wurde, die Juden anders zu bezeichnen. Und dass, obwohl diese die meist diskriminierte Gruppe des 20. Jahrhunderts waren. Dahinter liegt ein einfaches Prinzip. Jeder gruppenbezogene Begriff, der negativ besetzt ist, wird aus dem Sprachgebrauch verbannt. Und in dem Moment, in dem der neue Begriff die gleichen Assoziationen weckt, wird auch dieser getilgt. Deswegen ist es auch nur eine Frage der Zeit bis man sich für „Sinti und Roma“ einen neuen Begriff einfallen lässt – die Probleme sind schließlich nicht verschwunden.

Ein anderes Beispiel ist die Bezeichnung als „Flüchtling“ von all jenen, die 2015 nach Deutschland eingewandert sind. Zutreffender wäre der Begriff „Wirtschaftsmigrant“ – immerhin hatten die meisten Zuwanderer bekanntermaßen keinen Fluchtgrund im engeren Sinne, sondern sind wegen finanzieller Aspekte ausgewandert. Über jene Zuwanderer sollte man sich nicht moralisch erheben, schließlich übertreffen die wirtschaftlichen Möglichkeiten hierzulande, die ihrer Heimat bei weitem. Aus Sicht deutscher Interessen sollte diese Zuwanderung aber unterbunden werden. Natürlich kann man auch wollen, dass der deutsche Sozialstaat sämtliche Zuwanderer aus aller Welt alimentiert, dann sollte man das aber auch so benennen. Ansonsten werden Tatsachen suggeriert, die nicht der Faktenlage entsprechen.

Besonders lächerlich ist das politisch korrekte Umschreiben von Kinderbüchern. So wurde zum Beispiel Ottfried Preußlers „die kleine Hexe“ weitgehend geändert. Begriffe wie „Chinesinnen“, „Neger“ oder Türken“ sollten ausgemerzt werden. Der Verleger Klaus Willberg erklärte, dass er nur „veraltete und politisch nicht mehr korrekte Begrifflichkeiten“ verbannen wollte. Eine logische Grenze, die es dann verbietet Gemälde von Rembrandt oder Picasso zu übermalen gibt es aber nicht.

 

Willkommen bei Orwell!

In die gleiche Richtung geht die Debatte über die Neuverfilmung von Winnetou. Es sei nicht gestattet, Filme zu drehen, in denen die Ureinwohner Amerikas auch nur Vorkommen. Dies sei gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, so die Kritiker. Solche Eingriffe sind de facto Eingriffe in das geistige Eigentum der Künstler. Sinn und Zweck kann nur die Umprägung von Kindern sein, die die Welt nicht so sehen sollen, wie sie ist, war oder wie sie zumindest der Künstler gesehen hat.

Zugleich erinnert dieses Vorgehen an Orwells Buch 1984. Dort arbeitet der Protagonist Winston Smith im „Ministerium für Wahrheit“. Seine Aufgabe ist es, Texte der Vergangenheit so umzuschreiben, dass sie in das gegenwärtige Weltbild passen. In dem Roman ist die Sprachverwandlung schon so weit fortgeschritten, dass Sprache nichts mehr ausdrückt. Den Menschen ist es etwa unmöglich, von Freiheit zu sprechen. Jeder Begriff, der dies ausdrückt, wurde getilgt. „Frei“ kann lediglich im Zusammenhang mit „frei von Problemen“, jedoch nicht im Sinne von politischer oder geistiger Freiheit gebraucht werden. „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“, sind die Slogans der herrschenden Partei.

 

Gendern ist Realitätsverweigerung

Die Realität schlicht verweigern wollen auch all jene, die die Gendersprache in der Gesellschaft etablieren wollen. Sie verneinen zwei Fakten: Erstens, dass Menschen ganz überwiegend als Mann und Frau geboren werden, zweitens ignorieren sie die Grammatik und die historische Entwicklung unserer Sprache. In fast allen Sprachen werden Wörter einem Geschlecht zugeordnet (er, sie oder es). Unsere Sprache in dem Sinne umpolen zu wollen, dass letztlich alle zahlreichen Geschlechter, die es angeblich geben soll, ist zum Scheitern verurteilt. Es würde auch in den Lebensrealitäten von Frauen oder Transsexuellen nichts ändern. Die Türkische Sprache kennt lediglich das Neutrum. Nichtsdestotrotz ist die rechtliche Stellung von Frauen und Transsexuellen hierzulande deutlich ausgeprägter als in der Türkei. Richtig ist, dass die europäische Sprache eine vergangene männliche Vorherrschaft abbildet. Doch dies wird ganz von selbst seinen sprachlichen Ausdruck finden, ohne dass dies staatlich verwaltet werden müsste.

So verschwand im Deutschen das Wort „Fräulein“ und im Englischen das Wort „Miss“. Die logische Folge der Entkopplung von Geschlechtsverkehr und Ehe. Sprache wächst und entwickelt sich organisch von unten. Nie können Sprachregelungen und Gebote von oben aufdiktiert werden, zumindest nicht dauerhaft. Dies hat schlicht damit zu tun, dass sich die Sprache den Tatsachen und der gegenwärtigen Situation anpasst und nicht die Realität durch die Sprache gemacht wird. Immer wenn versucht wird auf die Sprache einzuwirken, Wörter zu verbannen und neue zu etablieren, geht es darum die Gedanken der Beherrschten zu steuern. Denn es kann nur das gedacht werden, was ausgedrückt werden kann.