Das Mysterium Putin

Von Pauline Schwarz | Mein Russland-Bild wurde schon früh in meiner Kindheit durch die französischen Comics von Spirou und Fantasio geprägt, die sich durch das Sowjet-Imperium schlichen und Abenteuer in Moskau erlebten. Für mich waren die Russen immer ein mysteriöses Volk, das in dunklen, kalten Gefilden zuhause ist, nie eine Miene verzieht, viel zu viel Wodka trinkt und in seiner Freizeit nur mit Fellmütze bewaffnet ins Eisbad steigt. Als ich dann das erste Mal mit dem „realen“ Russland und seinem Machthaber Wladimir Putin im Fernsehen konfrontiert wurde, dachte ich nur: genau wie ich ihn mir vorgestellt habe! Für mich war Putin der Staatschef aus dem russischen Bilder-Buch: Emotionslos, verbissen, gefürchtet. Schwer einzuschätzen und scheinbar zu allem bereit. Ein Eindruck, der sich angesichts seines Angriffskriegs auf die Ukraine nur noch verfestigt hat. Und doch stimmt da etwas nicht. Putin sieht anders aus als früher, begründet seinen Einmarsch mit wüsten Verschwörungstheorien – und heizte damit kräftig die Gerüchteküche an. Einmal mehr fragt man sich rund um die Welt: Wer ist dieser Mann und was zur Hölle treibt ihn an?

In seinen Fernsehansprachen sagte Putin, er wolle die Ukraine entmilitarisieren und entnazifizieren. Die ukrainische Führung sei nach seinen Aussagen eine Gruppe mit Drogen vollgepumpter, von den USA gesteuerter Nazi-Volksverräter, eine „Marionetten-Regierung“ – und das, obwohl die Ukraine, abgesehen von Israel, der einzige Staat mit einem jüdischen Präsidenten ist. Doch damit nicht genug. Putin wirft der Ukraine einen Genozid, also einen gezielten Völkermord, gegenüber der russischen Bevölkerung im Donbas vor. Davon kann aber, auch wenn es seit acht Jahren bewaffnete Konflikte gibt, nicht mal im Ansatz die Rede sein. Genauso wenig wie davon, dass die Nato Russland eingekreist hätte. Die Nato ist zwar seit Ende des kalten Krieges deutlich in Richtung Osten gewachsen, von einer Umzinglung des größten Flächen-Staates der Welt sind wir aber mehr als nur weit entfernt. Jeder Ost-Staat, der der Nato beitrat, tat das aus freien Stücken – und mit allergrößter Wahrscheinlichkeit aus Angst vor Putins Imperialismus.

Manche Leute sprechen ernsthaft davon, dass die Folgen einer Corona-Infektion den russischen Staatschef in den Wahnsinn getrieben hätten – was ich persönlich ziemlich geschmacklos finde.

Während Putin über vermeintliche Nazis und die „Frage um Leben und Tod“ in Russland schwadroniert, sieht er auffällig aufgequollen aus. Er wirkt hasserfüllt und besessen von der historischen Kränkung des Machtzerfalls der Sowjetunion, den er anscheinend gerne rückgängig machen würde. Aber ist das alles nun ein eiskalter Schachzug in einem lang angelegten Plan oder doch die Tat eines kranken Mannes? Manche meinen, Putins Aussehen sei eine Folge von Steroiden – wenn man daran denkt, wie gerne er oben-ohne auf Pferden reitet, vielleicht gar nicht so abwegig. Immerhin will man sich in Form halten, das ganze Judo, Eishockey, Schwimmen und was der Kreml-Chef sonst noch macht, sind sehr zeitraubend. Andere spekulieren über eine Parkinson-Erkrankung, meinen Putin sitze in seinen Ansprachen am Tisch, um sein Zittern zu verbergen. Doch da muss ich als an den Händen ebenfalls zitternder Leidensgenosse -der jedem Fremden erstmal erklären muss, dass ich nicht gleich tot umfalle – einschreiten: Nicht jedes Zittern ist gleich Parkinson. Bei manchen Leuten ist das einfach so. Sei es der Kreislauf, angeboren oder das Zittern vor der Nationalflagge – siehe Merkel. Ohne weitere Informationen ist nur die Long-Covid Theorie abwegiger als die Parkinson-Verschwörung. Manche Leute sprechen ernsthaft davon, dass die Folgen einer Corona-Infektion den russischen Staatschef in den Wahnsinn getrieben hätten – was ich persönlich ziemlich geschmacklos finde. Für mich klingt diese Vermutung so, als wolle die NoCovid-Fraktion Putins Krieg jetzt tatsächlich noch für ihre Corona-Endzeit-Argumentation instrumentalisieren.

Ich glaube nicht, dass Putin, wenn er tatsächlich im pathologischen Sinn verrückt sein sollte, an Long-Covid leidet. Aber Angst vor Corona scheint der Mann wirklich zu haben – anders lässt sich sein gefühlt kilometerlanger Konferenztisch – an dessen anderem Ende nicht nur ausländische Staatschefs, sondern auch seine eigenen Genossen Platz nehmen müssen – kaum erklären. Jetzt fragt man sich natürlich, warum ein erwachsener Mann so Angst vor einem Erkältungsvirus haben sollte. Die erste Erklärung liegt nahe: das hat nichts mit der Realität zu tun – wie viele Leute auch nach zwei Jahren Corona noch immer ernsthaft Angst vor dem „Todesvirus“ haben, sieht man in Deutschland an jeder Ecke. Eine andere Spekulation richtet sich wieder auf seine Gesundheit. Eines der hartnäckigsten Gerüchte um Putin ist eine mögliche Krebserkrankung. Sein aufgeschwemmtes Aussehen wird als Nebenwirkung von Medikamenten interpretiert. Der Kreml wies diese Behauptungen zurück.

Aber mal im Ernst, was wissen wir schon? Ich habe den Eindruck, dass man von Putin genau so viel weiß, wie Putin es möchte. Putins Privatleben, sein Alltag und seine Familie sind Staatsgeheimnis. Das aller meiste, was über ihn bekannt ist, passt genau zu seinem Bild vom unerschrockenen, starken Machthaber mit weitem Einflussgebiet. Etwa, dass er sich schon als kleiner Junge in den vom Krieg zerstörten Straßen Leningrads mit Gleichaltrigen geprügelt haben soll und sich wünschte, Geheimagent zu werden. Dass er einen schwarzen Gürtel in Judo hat und sein Kampfsporttrainer in Sankt Petersburg ein gefürchteter Untergrundboss war. Oder auch, dass er nach seiner Zeit als KGB-Offizier in Dresden, zurück in Russland, noch immer regelmäßig das „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF guckte. Ja Mensch, sogar, dass er gerne Hüttenkäse isst und früher manchmal sächsische Witze erzählt haben soll. Davon wüssten wir bestimmt nichts, wenn Putin damit nicht trotz seines harten Images eine gewisse Sympathie erzeugen wollte – und ja, vielleicht neige ich in diesem Punkt auch schon zu Verschwörungsglauben. Aber es würde doch irgendwie zu seiner ach so west-freundlichen Rede passen, die er 2001 im Bundestag gehalten hat.

Am Ende bleibt der Mann aus dem Kreml ein Mysterium.

Selbst wenn mal einzelne Infos durchrutschen sollten – wie etwa die wohl wenig relevante, aber doch interessante Information, dass Putin im Jahr 2010 angeblich eine kosmetische Gesichtskorrektur vornehmen ließ – ist es doch schwer, Informationen zu prüfen, zu bestätigen und zu erklären. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die russische Presse staatlich gelenkt und zensiert wird. Immer wieder verschwinden Putin-Kritiker oder versterben unter mysteriösen Umständen. Der Giftanschlag auf Alexej Nawalny ist wohl der bekannteste Fall, aber es gibt noch viele mehr. Was mit Leuten passiert, die über Putins Privatleben berichten, zeigte sich am Beispiel der Zeitung „Moskowski Korrespondent“.  Sie berichtete im Jahr 2008 über die vermutete Liaison von Putin und der Olympionikin Alina Kabajewa, mit der er inzwischen auch mehrere Kinder haben soll. Kurz darauf wurde der Betrieb der Zeitung eingestellt – aus „finanziellen Gründen“. Den verantwortlichen Journalisten fand man wenig später in einer Seitenstraße, Unbekannte hatten ihn zusammengeschlagen.

Putin ist und bleibt in jeglicher Hinsicht schwer einzuschätzen – und genau das macht ihn so gefährlich. Das einzige, was einigermaßen sicher scheint, ist, dass er sich wünscht, das alte Zarenreich wiederherzustellen und wirklich an die Dinge glaubt, die er in seinen Ansprachen sagt. Ich bin inzwischen recht überzeugt davon, dass Putin dachte, die Ukrainer würden seine Armee als Befreier mit offenen Armen empfangen. Die Frage ist nur, wie weit der Mann aus dem Kreml sich inzwischen von der Realität entfernt hat. Und wie weit er noch gehen wird. Man kann nur hoffen, dass seinem Wahnsinn noch ein paar letzte Grenzen gesetzt sind.

1 Antwort

  1. Cookie Monster sagt:

    Ich kenne keinen Text über Putin wie diesen, bei dem der Autor nicht vor Pathos verglüht, keine Hassreden schwingt und auch nicht in Depressionen verfällt. Putin ist Chef des größten Flächenstaats der Welt, er ist skrupellos und vielleicht ist er auch irre – in jeden Fall gibt es genügend Gründe, ihn zu fürchten und ihn zu bekämpfen.