Das ewige Dilemma der Organspende

Von Leopold Vogt | Vor gut 50 Jahren wurde zum ersten Mal erfolgreich ein Herz transplantiert, vom einem Körper in den anderen. Das Vorgehen war erfolgreich, insofern, als dass der Patient die Prozedur überlebte – für 18 Tage. Damals war das eine Revolution, eine Art den Tod zu überwinden.

Heute überstehen die meisten Patienten eine Transplantation, wenn auch ein nicht unwesentlicher Teil das erste Jahr nach der Operation nicht überlebt.

Der Bundestag hat nun das Konzept der Widerspruchslösung bei der Organspende von Bundesgesundheitsminister Spahn abgelehnt.
In der Debatte um dieses umstrittene Vorhaben wird oft eines vergessen: dass Organe nicht auf Bäumen wachsen. Nein, genauso wie sie das Leben des potentiellen Empfängers verlängern können, sind sie erst einmal elementarster Bestandteil ihres Besitzers. In jedem von uns schlägt ein Herz, schlägt es nicht mehr, sind wir im Wesentlichen tot.

Es ist mir nicht möglich, mein Herz abzugeben, ohne mein Leben mit zu verabschieden. Vielleicht auch deshalb ist die Debatte so angeheizt. Wer Organe Anderer will, will – drastisch gesagt – ihr Leben. Wenn Herr Spahn jeden “per default” zum Organdeputat zwingen will (wenn man nicht ausdrücklich widerspricht), dann enteignet er unsere Leben. Oder zumindest das immanenteste, was davon bleibt: unser Körper.

Wenn mir dann das Recht zugesprochen werden würde, ich könnte ein Recht auf mein Organ fordern (mittels “Widerspruch”), dann dient das nur noch als Deckmantel, um das moralische Verbrechen zu vertuschen.

Das Verbrechen, den Besitz des Menschen an seinem Körpers in Frage zu stellen. Neuer Besitzer der Organe wäre nach diesem Plan dann nämlich ersteinmal ein kompliziertes System, dessen Durchdringung einem Otto-Normalverbraucher unmöglich scheint. Ein System, dessen mediale Präsenz so ziemlich einzig und allein auf Skandalen beruht. Ein System, für das extra die Definition des Todeseintritts nach vorne verlegt wurde. Denn wer nach alter Tradition tot ist taugt als “Spender” nicht mehr, das Organ muss schließlich noch leben um verwendet werden zu können. So soll unser Körper ausgeschlachtet werden können, wenn er aus praktischen Überlegungen heraus ungefähr als ‘nicht mehr aufwachend’ kategorisiert wurde. Ein Zustand, der auch für Mediziner nicht deckungsgleich mit dem Tod ist. Vom Risiko einer Fehldiagnose mal ganz zu schweigen.

Nach der Organentnahme ist der Patient auf jeden Fall sicher tot, dann kann ihn keiner mehr fragen, ob die Ärzte ihn wie Mediziner oder vielleicht wie Todesengel behandelt haben.
Alleine diese Überlegungen sind Grund genug, die Entscheidung des Bundestages gegen eine semi-Enteignung des Körpers zu befürworten. Zu befürworten als Sieg der Menschlichkeit.

Auf der anderen Seite steht natürlich der potentielle Organempfänger, der dem Tod ein Schnippchen schlagen könnte. Auch wenn dies oft weniger als ein Jahr lang gelingt, ist jeder weitere Lebenstag für seine Angehörigen und ihn ein Geschenk, welches nicht in Gold aufzuwiegen ist. Bekommt dieser potentielle Empfänger kein neues Organ, fehlt ihm diese Chance. Und so ist es unausweichlich, dass das Warten auf ein so dringend benötigtes Organ auch bedingt ein Warten auf den Tod eines potentiellen Spenders impliziert.

Auf der anderen Seite steht die nicht ganz unbegründete Sorge vor behandelnden Ärzten, die Gedanken fassen könnten wie:
“Der packt’s doch eh nicht mehr, aber seine Organe werden dringend benötigt”.

Sicher – die Anhänger Spahns sind überzeugt, dass das nie so passieren würde. Aber wer garantiert mir das, wenn ich auf einer Intensivstation im Koma liege?
Wer garantiert mir, dass vielleicht nicht doch vergessen wird, in einem Widerspruchsregister nach zu fragen, ob ich eventuell einer Entnahme widersprochen habe?

So könnte man diesen Monolog ewig weiterführen. Elementares Kennzeichen eines Dilemmas ist die Unmöglichkeit einer zufriedenstellenden Lösung.
Und so ist die aktuell gültige Gesetzeslage eigentlich ein guter Kompromiss: Menschen werden über ihre Möglichkeiten informiert, aber es bleibt am Ende ihre freie Entscheidung, eine Entscheidung, die sie aktiv treffen müssen.

Damit kann die angeblich so hohe Zahl der Faulen reduziert werden, die sich eigentlich als Organspender registrieren lassen wollen, es nur aus Antriebslosigkeit einfach nicht tun.

Oder war Ihre Entscheidung bis jetzt doch gar nicht so faul, sondern bewusst? Dann bleibt uns allen immer noch die freie Entscheidung, ohne Zwang und ohne staatliche Bevormundung.

1 Antwort

  1. n.reher sagt:

    Es existiert eine gigantische Organmafia, Geld regiert auch diese “Unterwelt”! Und es gibt in dem Zusammenhang nichts, was es nicht gibt. Da kann Herr Span beteuern, was er will: bis er schwarz wird. Abgesehen davon, drehen und wenden Politiker sich eh wie es grade passt. Was sie heute versprechen, wird morgen genau konträr gemacht.
    PS: Leuten wie mir, nämlich mit Patientenverfügung, kann man eh nur vom Organspenderausweis abraten (oder zum Widerspruch raten)! Denn sonst wird man, wenn der Hirntod festgestellt wird, künstlich am Leben gehalten – bis der Körper ausgeschlachtet ist und die Organe in Kühlboxen verpackt via Hubschrauber verteilt werden.