Das 9-Euro-Ticket wird uns mehr als 9 Euro kosten

Von Jonas Kürsch | Die jüngsten Bilder von Sylt werden aller Wahrscheinlichkeit nach in die Geschichtsbücher eingehen: Hunderte Punks haben seit Beginn des Pfingstwochenendes die häufig als „Urlaubsdomizil der Reichen“ verschmähte, norddeutsche Halbinsel in einem großen Ansturm erobert. Ein Teil der Punks hatte jüngst sogar angekündigt, man wolle die Insel den gesamten Sommer lang nicht mehr verlassen. 

Für diese eigenartige Situation verantwortlich ist die Einführung des sogenannten „9-Euro-Tickets“ durch die Bundesregierung. Dabei handelt es sich um ein dreimonatiges Sonderangebot des deutschen öffentlichen Personennahverkehrs, das den Preis einer Monatsfahrkarte auf gerade einmal 9,00 Euro pro Person herabsenkt. Aber aus welchem Anlass wurde das 9-Euro-Ticket überhaupt eingeführt? Wie funktioniert seine Finanzierung? Und noch viel wichtiger: Warum ist der Versuch schon jetzt an der Realität gescheitert?

Die Entstehung des 9-Euro-Tickets

Das 9-Euro-Ticket wurde im Rahmen des Entlastungspaketes zur Bekämpfung der steigenden Lebenskosten in Deutschland seit Beginn des Ukrainekrieges verabschiedet. Das Ticket soll als soziale und klimafreundliche Maßnahme die Mobilität der deutschen Bürger trotz steigender Kosten ermöglichen und Autofahrern obendrein einen Anreiz bieten, um (vielleicht sogar langfristig) auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Das ÖPNV-Ticket ist in weitestgehend allen vom Staat betriebenen Personentransportunternehmen gültig: Bus, Bahn und Zug werden allesamt durch das Angebot abgedeckt. 

Der Vertrieb der Karte lief überaus gut: Schon gegen Ende Mai konnten bereits 7 Millionen Monatstickets an die Deutschen verkauft werden. Die große Nachfrage nach den Tickets verstärkte zuletzt die weitverbreitete Vermutung, dass Bus und Bahn bislang lediglich aus finanziellen Gründen von vielen gemieden wurden. Gleichzeitig sah man allerdings mancherorts auch hoffnungslos überfüllte Züge. Trotzdem wurden Forderungen aus der Politik laut, man solle die ÖPNV-Preise langfristig senken, um so den Gebrauch öffentlicher Transportmittel um ein vielfaches attraktiver zu machen. 

Bevor Herr Scholz und Herr Wissing ihren Verstand im utopischen Lobgesang auf das 9-Euro-Ticket nun aber völlig verlieren, ist es Zeit einen nüchterner Blick auf die wahren Konsequenzen dieses gewagten Experiments zu werfen.

Die Fahrpreise werden nicht wirklich billiger – die Kosten werden nur verlagert

So schön das Gerede um derartig niedrige Fahrpreise auch klingen mag: Die Betriebskosten des ÖPNV lösen sich nicht in Luft auf. Und der Bund kündigte bislang an, gerade einmal 2,5 Milliarden Euro an entstandenen Mehrkosten pro Bundesland zu finanzieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Länder und Kommunen bei höheren Kosten für die Mehrbelastung, die durch das Ticket höchstwahrscheinlich entstehen wird, alleine zahlen müssen. Eine (weitere) Verschuldung der Bundesländer wird damit wahrscheinlicher. Aus diesem Grund kündigten etliche Landesregierungen im Vorfeld auch an, dem 9-Euro-Ticket im Bundesrat ihre Zustimmung zu verweigern und die Bundesregierung mit ihrem Vorhaben zu blockieren. In der finalen Abstimmung regte sich jedoch kaum Widerstand und der Bundesrat stimmte dem neuen Gesetz zu. 

Zudem sollte noch einmal klar und deutlich formuliert werden, dass die durch das Ticket verursachten Mehrkosten am Ende nicht aus dem Privatvermögen von Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) oder einem anderen Kabinettsmitglied bezahlt werden. „Geschenkt“ oder „erlassen“ werden uns die Kartenpreise nicht wirklich: Wenn wir vom „Bund“ als Finanzier sprechen, bedeutet das letztendlich, dass der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird. Daher ist zu bezweifeln, ob und inwiefern die Deutschen durch das Entlastungspaket wirklich „entlastet“ werden.

Abgesehen davon zeigt sich doch jetzt schon, dass unser Verkehrssystem der stark angestiegenen Passagiernachfrage überhaupt nicht standhalten kann. Die Folge dieses unüberlegten Markteingriffes sind überfüllte Züge, stark überlastete Streckennetze und eine Anhäufung unseriöser Fahrgäste, wie wir sie im Moment vor allem auf Sylt erleben. Erfahrungen mit letzteren sind allerdings keine Neuigkeit für die Bundesrepublik: Schon 1995 litt die Insel unter einem anormal hohem Besucheraufkommen infolge der Einführung des Schönes-Wochenende-Tickets der Deutschen Bahn, welches damals etwa 15,00 DM (etwa 11,00 Euro) kostete. 

Preise haben ihren Sinn

Anders als von den Anhängern der radikalen Linken häufig dargestellt, sind vom Markt bestimmte Preise keinesfalls asoziale Zumutungen oder gar eine Ausbeutung der Arbeiter: sie ergeben sich ganz einfach aus dem wirtschaftlichen Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Auch im ÖPNV darf man nicht außer Acht lassen, dass ein bestimmter Preis, gleich einem Tauschwert, zwangsweise für den Erhalt einer qualitativ hochwertigen Dienstleistung erbracht werden muss. Der Glaube daran, man könne diese Tatsache mit Taschenspielertricks wie dem 9-Euro-Ticket aushebeln, ist an Fadenscheinigkeit nicht zu überbieten. Die Kosten des Tickets werden auf lange Sicht am Verbraucher und an den Kommunen abgewälzt, es stellt sich nur noch die Frage, wie hoch diese im Endeffekt ausfallen werden. 

„Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt.“
– Oscar Wilde

1 Antwort

  1. Ben Clirseck sagt:

    Das sollte eigentlich Allgemeinwissen sein, aber scheinbar ist dem in Deutschland bei einem Großteil der Bürger nicht so. Die Dreistigkeit (oder vielleicht doch die fehlende Fähigkeit in Zusammenhängen denken zu können?) unserer Politiker die eigenen Bürger hinter die Fichte zu führen, ist erschreckend.

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