Bildungspolitik – oder auch: das Opportunisten-Sammelbecken

Von Jerome Wnuk | Opportunisten brauchen Futter für ihre Popularität. Vor allem im Wahlkampf müssen daher Themen her, mit denen man sich gut in Szene setzen kann und die Menschen das liefern, was sie hören wollen. Prinzipien braucht es dabei nicht unbedingt. Eines der Lieblingsthemen der Opportunisten im Wahlkampf: Bildung. Große Reden werden geschwungen. Man möchte jetzt endlich die Bildung in Deutschland wieder auf Vordermann bringen und jetzt wirklich mal die Digitalisierung in den Schulen in die Wege zu leiten. Marode Schulgebäude, veraltete Schulbücher und Kreidetafeln sollen endlich der Vergangenheit angehören. Und außerdem kann man sich da immer so gut mit süßen Kindern ablichten lassen (was besonders die Herzen der weiblichen Wähler erwärmt) und für Schule zahlen doch sogar Anarchisten gerne Steuern.

Schön mit dem Wind wird die eigene Fahne gerichtet, um mit diesen wunderbar klingenden Versprechen möglichst viele Wähler für sich anzuziehen. Nach der Wahl sind die Schüler und die Bildung dann erstmal wieder egal, dann sind erstmal andere Themen wichtiger. Das Thema Bildung rückt nach der Wahl nämlich meist in der Öffentlichkeit in den Hintergrund und ist es auch für die opportunistischen Politiker nicht mehr interessant genug. Interesse am Einhalten der Versprechen ist dann eher eine Seltenheit.

Für uns ändert sich nichts 

Als Schüler, der jetzt inzwischen schon in die 12. Klasse geht, kann ich über die Wahlkampfversprechen so manches Politikers oder mancher Partei nur noch schmunzeln. Nach den drei Bundestagswahlen, die ich als Schüler nun schon erlebt hab, hat sich immer kaum, bis eigentlich nichts verändert. 

Es sind dieselben Atlanten, die Jugoslawien noch als eigenen Staat auf Karten verzeichnen wie am Anfang meiner Schullaufbahn. Die Wörterbücher stammen immer noch aus 1995 und kennen das Wort Internet noch nicht, so manches Musikheft aus der Mittelstufe präsentiert mir noch Tina Turner oder Pur als neue, aufkommende Stars. Wenn es mal zu Veränderung und Erneuerung von Schulmaterialien oder der digitalen Möglichkeiten kommt, dann sind es eher engagierte Lehrer und Schulleiter, die mit vollem Elan und auch finanzieller Kraft die Arbeitsmaterialien besorgen. Hilfe aus der Politik, wie sie versprochen wird, kriegt die Schule dabei nicht zu spüren. Eine Beobachtung, die mich als Schüler extrem frustriert und den Glauben in unsere Politiker um ein großes Stück verringert.

Die Wörterbücher stammen immer noch aus 1995 und kennen das Wort Internet noch nicht, so manches Musikheft aus der Mittelstufe präsentiert mir noch Tina Turner oder Pur als neue, aufkommende Stars.

Viele meiner Freunde inklusive mir durften im September das erste Mal wählen, manche wie ich zwar nur zur Bezirksverordnetenversammlung, manche aber auch schon so richtig. Neben der Corona-Politik war für „Betroffene“ auch das Thema Bildung mitentscheidend für die Wahl, wo man das Kreuzchen denn nun setzt. Das gilt für ganz vielen Menschen, vor allem Eltern, die sozusagen stellvertretend auch für ihre Kinder mitwählen. Deshalb ist das Thema leider so ideal für opportunistische Politiker – ein paar schöne Worte formulieren und sich gut vor Schulen und mit Kindern inszenieren reicht dann manchmal schon für Stimmen aus dieser Wählergruppe.

Als Schüler fühlt man sich deswegen oft im Stich gelassen. Auf unsere echten Wünsche und Sorgen wird nämlich zu selten Rücksicht genommen. Wir tragen seit zwei Jahren Masken, teils sitzen wir bei zwei Grad vor’m offenen Fenster und unsere Schulmaterialien lassen mehr als zu wünschen übrig. Sich als Politiker dafür mal einzusetzen, das wäre erfrischend. Doch wahrscheinlich werden auch die Schüler 2025 – wenn ich dann schon fein raus bin – sich wieder für drei bis vier Wochen die Wahlplakate verschiedenster Parteien mit den kühnsten Versprechen im Thema Bildung ansehen und hoffen, dass sich dieses Mal nun wirklich was ändert. Aber das einzige, was wir von der Politik bekommen, sind die Kugelschreiber vom Wahlkampfstand.