Liebe Leser,

die Kritik am Schulsystem dürfte so alt sein wie die Schule selbst. Auf unserem Titelbild haben wir uns ja auch gleich von zwei prominenten Beispielen aus der Musikgeschichte inspirieren lassen. Einmal natürlich das legendäre Musikvideo von Britney Spears zu ihrem Hit „Hit me Baby one more time“ – zugegeben, da muss man schon sehr viel rein interpretieren, um zu handfesten Punkten zu kommen. Sie dient eher zum Ausgleich für unseren Titel, der mit Vorsicht zu genießen ist. Vielleicht habt ihr die Zeilen aus „Another brick in the wall “ von Pink Floyd wiedererkannt. Auch wenn wir den Satz „We don‘t need no education“ nicht wortwörtlich unterschreiben, dürfte jeder mit der Botschaft des Liedes d‘accord gehen: Wenn Lehrer ihre Kompetenzen überschreiten und Kinder in eine bestimmte Form zwingen wollen, ist Protest angesagt. 

Als Tochter von zwei ehemaligen DDR-Bürgern, die beide an der Schule den Aufstand gegen den Staatskunde-Lehrer übten, die Mai-Demonstrationen schwänzten und die Hymne nicht mitsangen, bin ich mit dem Bild aufgewachsen, dass man Lehren nicht blind folgen muss. Zwar muss man heute keine Pioniersuniformen mehr tragen oder dem Sozialismus seine ewige Treue schwören – wobei ich tatsächlich mal eine Lehererin hatte, die uns Marx-Zitate im Chor aufsagen ließ – aber die politische Propaganda ist definitiv vorhanden. Der Klimawandel ist in den Geografiebüchern niedergeschrieben, der Englisch-Unterricht ist mit seiner Democrats-Verehrung eh schon jenseits von Gut und Böse, die Abituraufgaben haben aktuellen Politikbezug, viele Lehrer gendern enthusiastisch. 

Politik offen zu diskutieren ist die eine Sache – die meisten Lehrer sind wahrscheinlich der Meinung, das würden sie doch tun. Doch zum Problem wird es, wenn die Schüler nur in eine Richtung diskutieren. Wenn sogar reine Interessensfragen schon als politische Ausrichtung gelesen werden. Wenn abweichende Meinungsäußerung sich zwar nicht direkt negativ auswirkt, aber die Note auf dem Zeugnis auf unerklärliche Weise immer weiter absinkt. Da steht man dann vor der Wahl: rebellieren oder studieren? Rebellion ist gut, aber ist der Preis, den man dafür zahlen, muss nicht doch zu hoch?

Neben dem politischen Aktivismus der Lehrkräfte schwingt immer ein entscheidender Faktor mit: Willkür. Auf der einen Seite gibt es plötzlich keine Gewinner und Verlierer mehr, alle sind gleich. Auf der anderen Seite steht die Disziplin, die willkürlich die einen trifft und die anderen verschont. Lieblinge werden ausgewählt, wahlweise Mädchen oder Jungs bevorzugt, Zeugnisnoten gehen rechnerisch kaum auf. All das erlebt ausnahmslos jeder Schüler. Der Grund? Pädagogischer Spielraum, den Lehrern von den Bildungsministerien zugestanden. Eine Macht, mit der die meisten Lehrer nicht umgehen können. Wieder sollen Kinder, deren Individualität einem Lehrer nicht passt, in ein Bild gezwängt werden. Another brick in the wall – unterstützt von Ihrer Regierung. 

Aber ich will auch nicht zu weit vorgreifen. Auf euch wartet eine Reihe von Artikeln von Schülern, Abiturienten und Studenten, die unter der deutschen Bildungspolitik gelitten haben oder immernoch leiden. Diese Edition ist also eine Art Traumabewältigung, könnte man sagen. Aber sie ist auch mehr als das: ein Zeichen, dass es uns immer noch gibt. Egal wie sehr sich sie Politisierung des Schulsystems zuspitzt, es wird auch weiterhin Leute wie uns geben. Und sollten wir doch irgendwann wieder in der DDR aufwachen, dann werden wir nur noch mehr.

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Elisa David

Chefredakteurin

Titelstorys

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Block 2

Video: Linke Umerziehung an Schulen – ein Apollo Best Of 

Schon länger steht die Bildungspolitik in Deutschland in der Kritik, die Schüler nur noch zu verdummen und ideologisch zu beeinflussen. Wir Apollos wollen mit diesen Vorwürfen aufräumen. Wir haben nämlich sehr viele sinnvolle Dinge in der Schule gelernt. Sehen Sie selbst!

Leave Us Kids Alone

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Von Pauline Schwarz | Meine Einschulung war für mich ein großer Tag – und das nicht nur wegen der gigantischen Schultüte mit all den köstlichen kleinen Leckereien, die ich mir erhoffte.

Antikapitalistisches Theater mit dem Deutsch-LK

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Reformen – gut oder schlecht?

Generation G8: Schüler als Laborratten?

Von Simon Ben Schumann | G8 spaltet die Gemüter – sollte die Schullaufbahn aus Grundschule und Gymnasium 12 Jahre dauern, oder doch lieber altbewährte 13?

Bildung für die Herausforderungen der Zukunft – ein Interview mit einem Privatschulleiter 

Von Elena Klagges | Peter Rösner ist seit 2014 Schulleiter des Internatsgymnasium Stiftung Louisenlund in Güby an der Schlei und möchte die Schule neu denken.

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