Bei Illner: Bleibt Obama US-Präsident? Opa Kleber erzählt vom Krieg

Von Elisa David | Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. In meinem vorletzten Beitrag zu der Illner-Sendung über die US-Wahl habe ich fälschlicherweise behauptet, dass diese Show wohl die letzte Gelegenheit ist, um über Trump herzuziehen. Wie sich nun herausstellt, habe ich mich geirrt: es ist noch lange nicht vorbei. Man kann sogar davon ausgehen, dass Illner-Gäste selbst noch auf seinem Grab Theorien anstellen werden, wie sich Trump, der Rüpel, den Gesetzen des Todes widersetzen und sein Ableben nicht akzeptieren wird. Dann könnte man sogar den Titel der gestrigen Sendung recyceln, der da lautete: „Abgang ohne Anstand – wie gefährlich wird Trump noch?“

Aber der Reihe nach: Mit dabei waren nicht nur ein, sondern gleich zwei hochtrabende Politiker. Einmal Peter Altmaier, unser Bundeswirtschaftsminister, keiner weiß, warum er über US-Politik referieren sollte, aber er ist einfach da. Er ist natürlich treu nach Regierungslinie fest davon überzeugt, dass Trump Amerika gespalten hat, und freut sich auf die Zusammenarbeit mit Biden. So ganz überzeugt, ist er zur Coronapolitik aber nicht von der Regierungslinie. Als Illner ihn fragt, ob Biden einen Lockdown veranlassen soll und welche wirtschaftliche Folgen das hätte, versucht er nicht einmal zu antworten. Nicht einmal der gute Wille war zu erkennen, aber Illner fragte trotzdem nicht nach.

Der zweite Politiker ist kein geringerer als Sigmar Gabriel, ehemals an der Spitze der SPD, heute aus unerklärlichen Gründen Vorsitzender der Atlantikbrücke. Er erinnert uns daran: Wir dachten zu seiner Zeit, er wäre schlimm, doch aus heutiger Sicht der Esken-Ära weiß man, es geht immer noch schlimmer. Und während er darüber spricht, dass die Demokraten mit ihrer angekündigten Steuererhöhung sogar verständlicherweise die Wähler der Mittelschicht in Trumps Arme getrieben haben, wünscht man ihn sich fast zurück. Es ist wie die Rache einer Frau, die nach der Trennung mit ihrem Freund abnimmt, sich neue Kleidung kauft und dann rausgeputzt, mit engem Kleid und durchscheinender Unterwäsche rein zufällig auf ihren Ex trifft, damit er auch ja sieht, was ihm entgeht und es bereut, sie damals mit Scholz betrogen zu haben.

Außerdem wieder dabei, ein sehr populärer und hoch gefragter US-Experte. Sie kennen ihn vom letzten Mal, er hat geschätzt hunderte Bücher geschrieben, sechs Doktortitel zur Thematik verliehen bekommen (ebenfalls geschätzt) und ist wohl der größte US-Analyst unserer Zeit, keiner ist besser geeignet für diesen Abend als (Trommelwirbel bitte) – Thomas Gottschalk natürlich. Seine Qualifikation ist immer noch einzig und allein sein Zweitwohnsitz in Kalifornien, aber jemand in der Illner-Redaktion ist wohl sein großer Fan. Er hatte vermutlich die Befürchtung, dass er das letzte Mal nicht hart genug mit Trump umgegangen ist. Dies geradezubiegen war seine Mission, als er noch einmal klarstellte: „Trump hat das Land in die Grütze gefahren, keine Frage.“

Unmöglich: Trump wagt es, seine Amtszeit zu Ende zu regieren

Der nächste Gast wird tatsächlich aus Washington zugeschaltet, besitzt dann auch noch Fachkenntnisse – und ist damit gleich doppelt überqualifiziert für diese Sendung. Die Rede ist von Souad Mekhennez, der Sicherheitskorrespondentin der „Washington Post“. Dementsprechend wurde sie allerdings auch nur als Amerikakorrespondentin behandelt, die den Lagebericht abliefert, erzählen darf wie es mit Schäfchenwolken über Virginia ist und wie grün der Rasen vor dem Weißen Haus aussieht. Dabei ist sie zwar politisch bei den Democrats zu verordnen, aber durchaus moderat, so spricht sie zwar von Wahlmenschen statt Wahlmännern, hielt es dafür aber tatsächlich für eher unwahrscheinlich, dass Trump im Januar vom Secret Service aus dem Weißen Haus entfernt werden muss.

Eine weitere weibliche Stimme war mit Daniela Schwarzer vertreten, der Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP). Was man ihr zugute halten kann, ist, dass sie sich dafür aussprach, sich auch unter Biden, im Handelskrieg zwischen China und den USA, eindeutig auf die Seite von Amerika zu schlagen. Als sie gerade erklären wollte, dass es dabei nicht nur um unterschiedliche Länder, sondern auch zutiefst unterschiedliche und gegensätzliche Systeme geht – was eine klarere Position Deutschlands erfordern würde – wird es Illner allerdings zu viel, sie bricht Frau Schwarzer abrupt das Wort ab, obwohl die das Gespräch zuvor nicht gerade dominiert hatte oder ihre Redezeit ausgereizt haben könnte.

Zu guter Letzter dabei, damit es auch nicht langweilig wird: Claus Kleber. Der gute Herr Kleber hat schon einige verrückte Meinungen und Theorien zur US-Politik zum Besten gegeben, deshalb waren meine Erwartungen an ein ausgiebiges, kaum faktenbasierendes und unausgeglichenes Trump-Bashing hoch – ich wurde kaum enttäuscht. Das Highlight des heutigen Tages: Trump habe in seiner Zeit als Präsident von seiner Finanzpolitik profitiert wie eine Made im Speck.

Der erste Einspieler gibt den Ton der Debatte an. Mit der US-Nationalhymne auf der E-Gittare erklärt uns der Sprecher die „zerrissenen Staaten von Amerika“ – wunderbares, originelles Wortspiel, da hat sich einer ’ne Gehaltserhöhung verdient. Trump, der ja auch im Fall einer Niederlage noch bis nächstes Jahr weiter rechtmäßiger Präsident bleibt, wird vorgeworfen, dass er es doch tatsächlich wagt, noch weiter zu regieren.

Wir auch in der Sendung letzte Woche gab es auch dieses Mal keine Störer, dementsprechend war die Grundeinstellung einheitlich anerkannt: Trump war schlecht. Allerdings spaltete sich die Runde dennoch in zwei Lager, man hatte das Gefühl, dass die zwei Gruppen aus ganz unterschiedlichen Zeiten stammen. Einmal die, die im realen hier und jetzt leben und sich nun über den nächsten Schritt Gedanken machen, sie leben schon in der Post-Trump-Ära, sind darüber hinweg. Das kann man von der anderen Truppe ganz und gar nicht behaupten. Sie haben immer noch nicht realisiert, dass es einen Trump gibt, ihre Uhr ist in der Wahlnacht 2016 bei den 96 Prozent Gewinnwahrscheinlichkeit für Hillary stehen geblieben, sie befinden sich noch in der Prä-Trump-Ära, sie hängen immer noch an Obama. Sie kommen wohl mit dem amerikanischen Wahlsystem nicht klar, denn im Gegensatz zu Deutschland können Politiker dort nicht ewig regieren. Damals, als sie Merkel zu Hause und Obama nebenan hatten, das waren noch gute Zeiten. Und während sie Merkel auch immer und immer weiter behalten können, war Obama plötzlich weg.

Der Hobby-Freud holt zur Analyse aus

Die Fraktion der Post-Trumper macht sich an die Arbeit. Sie weisen zum Beispiel auf die wirtschaftlichen Erfolge Trumps hin und welchen Einfluss die auf die Bevölkerung haben: nämlich eine breite Zustimmung und das schichten-, ethnien- und altersübergreifend. Sowas zu verstehen finden sie wichtig, denn daraus kann man lernen. Auch die Thesen von Trumps Kampagne schlicht als Lügen und seine Anhänger einfach als Irre und Rassisten abzustempeln, halten sie für falsch. Sie wollen auf ihre Motive hören, um zu schauen, wie man sich an die Bedürfnisse anpassen und wie man das auf das eigene Land übertragen kann. Auch dass der extrem linke Flügel der Democrats vielen Angst macht, wollen sie analysieren und z.B. auf die deutsche Corona Politik übertragen. Sie erkennen sogar an, dass Trump mit einigen Forderungen an Deutschland, wie dem Beharren auf dem NATO-2%-Ziel, recht hatte.

Sigmar Gabriel bringt das ganze noch weiter auf den Punkt. Ihn stört, dass die US-Debatte immer nur an Trump hängt. Sehr treffend sagt er, dass die Deutschen in den letzten Jahren zu „Hobby-Freuds“ geworden sind und immer wieder amateurhaft die Psyche eines Mannes analysieren wollen, „der nun mal so ist, wie er ist“. Er würde sich wünschen, dass wir Europäer auch auf unsere eigenen Taten schauen sollten, und überlegen, wie wir jetzt handeln werden. 

Vor allem den Teil mit den „Hobby-Freuds“ hat man im anderen Lager wohl geschickt überhört, denn das ist hier Programm. In Opa-erzählt-vom-Krieg-Manier lautet bei ihnen immer noch die Parole: „Unter Obama hät‘s dis nich jegeben!“ So faselt auch Claus Kleber davon, dass man mit den Anhängern Trumps in den Dialog treten muss, aber von Einsicht ist bei ihm trotzdem nichts zu erkennen. Er meint zwar, dass man im Rückblick sicher auch gute Taten von Trump finden kann, aber trotzdem sollte man die schlechten Dinge betrachten, die ja überwiegen – zur Abwechslung mal die negative Seite von Trump beleuchten im ÖRR, das hat bisher ja wirklich gefehlt.

Thomas Gottschalk war für den Abend ja eigentlich schon als US-Experte unterqualifiziert und dachte sich dann wohl, was soll’s, als er prompt nach Gabriels Hobby-Freud Kommentar zur psychischen Analyse überleitet. Es ist, wie wenn ein Kind den Spinat – der ja nachweislich gesund ist – gegen die Wand klatscht. Die Amerikaner sind wie Kinder, die sich gegen die Vernunft wehren, weil sie ihnen nicht schmeckt. Was soll einem da noch zu einfallen? Um bei der Metapher mit dem Kind und dem Spinat zu bleiben: es ist ebenso nachgewiesen, dass die Darmflora im Kindesalter oftmals noch nicht entwickelt genug ist, um Spinat und ähnliches Gemüse gut verdauen zu können. Der Grund warum Kinder Spinat, Brokkoli und Kohl oft nicht mögen, liegt daran, dass es ihnen schlichtweg nicht bekommt.

Der Körper des Kindes ist schlau und vernünftig“ genug, um zu wissen, was nicht gut für ihn ist, selbst wenn es in der Theorie von Mama und dem Fernseher vielleicht „nachweislich gesund“ ist. Und so ist es auch mit den Amerikanern. Es hat schon einen Grund, warum der gute Obama zum Ende seiner Amtszeit beide Kammern des Kongresses verlor und quasi handlungsunfähig gemacht wurde – der Moral-Papst steht nach einer ziemlich desaströsen Bilanz als Präsident auch bei der schwarzen Bevölkerung nicht mehr wirklich hoch im Kurs. Während manche in der Sendung bereit sind, das zumindest zu überdenken, lebt man bei den Obama-Fans immer noch in einer Verweigerungsphase.

Mein Vater hat mir als Kind immer erzählt, dass es in Russland noch Menschen gibt, die denken, Stalin ist noch an der Macht, und wenn ich mir das Trio so anschaue, verstehe ich jetzt endlich, wie das sein kann. Sie können nicht akzeptieren, dass Obama weg ist und nie wieder zurückkehren wird. So ist wahrscheinlich auch der Spruch von Altmaier zustandegekommen: „Wir müssen das einhalten, was wir Obama versprochen haben.“ Obama muss unbedingt unfehlbar bleiben. Es kann nicht sein, dass es vielleicht auch einen verständlichen Grund dafür gibt, den Spinat auszuspucken. Es muss unbedingt ein Irrtum sein. Statt Einsicht sind sie der Meinung: „Denkende Menschen werden sagen: Gut, dass er (Trump) weg ist.“ Dass die Menschen, die Obama nicht mochten, denken könnten, ist unvorstellbar. Ein Sinnbild für die blinde deutsche Liebe zu Obama und die vollkommene Irritation, wie Obamas Einwirkung auf das Volk Trump nicht verhindern konnte. Und so ist es auch mehr als passend, dass man für die Schleimspur, die Markus Lanz im anschließenden Interview mit Barack Obama höchst selbst hinterlässt, wahrscheinlich eine ganze Putzkolonne braucht. Ihm hat Obamas neues Buch natürlich sehr gefallen, aber er hat nur eine Kritik, nämlich dass es mit über tausend Seiten zu kurz ist.

Dieser Artikel von Elisa David erschien zuerst auf TichysEinblick.

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