Bauernproteste in den Niederlanden – die Hintergründe auf einen Blick

Von Leopold Vogt | In den Niederlanden haben wieder massiv Bauern gegen die dortige Stickstoffpolitik demonstriert. Die niederländische Agrarpolitik scheint die Axt noch vehementer an die Lebensgrundlage vor allem mittlerer Bauernfamilien anzusetzen, als dies hierzulande der Fall ist – entsprechend stärker scheinen auch die Proteste dagegen auszufallen.

Die aktuellen Proteste reihen sich ein, in die Serie von Protesten zum Ende des letzten Jahres, als Verwaltungsgebäude besetzt und kurzzeitig der Straßenverkehr blockiert wurde. Zentrale Kritikpunkte sind laut Agrarheute die Maßnahmen zum “Stickstoffproblem”. So soll die Beimischung von Proteinen im Tierfutter verboten und der Tierbestand halbiert werden. Diese Maßnahmen sollen vor allem die Luftbelastung mit Ammoniak verringern, denn Stickstoffverbindungen gelten als klimaschädlich. Die Belastung der Luft durch Stickstoffverbindungen ist zwar nicht erst seit kurzem bekannt, das vehemente Vorgehen dagegen wurde bis jetzt, aufgrund geringer Schädlichkeit für Menschen (in den vorhandenen Mengen) jedoch kaum fokussiert.

Mensch, Tier, Nitrate und Misthaufen – ein geschlossener Kreislauf

Hierzulande wird dagegen mehr über die Belastung des Grundwassers mit Nitrat und Nitrit diskutiert. Das Problem mit dessen Nitratbelastung existiert in den Niederlanden genauso wie bei uns und genauso entbrannte hier wie dort eine Diskussion um den Ursprung des Nitrats. Nitrate sind vollkommen natürlich und ein unabdingbarer Faktor für gesundes Pflanzenwachstum. Sie entstehen zum Beispiel bei der Zersetzung organischer Substanz – auf Ihrem Komposthaufen wie in Ihrem Rasen und ebenso in Kläranlagen wie in Güllegruben und Misthäufen. Das ist an sich eine gute Sache: Zu jedem guten Biobetrieb gehört eine Tierproduktion zur Bereitstellung von Wirtschaftsdünger (a.k.a. Mist) mit dessen Nitrat. Dieser wird auf die Flächen verteilt, nährt dort die Pflanzen und diese wieder Mensch und Tier – ein geschlossener Kreislauf.

Da diese Stickstoffverbindungen sehr gut wasserlöslich sind, werden sie vom Regen schnell ausgeschwemmt, in Vorfluter und Oberflächengewässer wie auch ins Grundwasser. Weil Nitrat wichtige Pflanzennahrung und durchaus teuer ist, ist dies diametral entgegen dem Interesse jedes guten Pflanzenbauers. Und diese Verschwendung ist auch teils vermeidbar, indem der Dünger den Pflanzen genau dann verabreicht wird, wenn sie ihn auch tatsächlich brauchen und er nicht sofort ausgeschwemmt wird.

Düngen im Frühjahr statt im Herbst

Praktisch bedeutet das zum Beispiel: Düngen im Frühjahr statt im Herbst. Wenn Sie also beobachten, dass jemand im Spätherbst seine Wiese oder sein Feld düngt, dann fragen sie sich zurecht, was das soll – denn Sie können davon ausgehen, dass mit Schneeschmelze und Winterregen ein unnötig großer Teil der Stickstoffverbindungen ausgeschwemmt wird und die Gewässer belastet.

Praktiziert wird dies aber immer noch recht häufig, auch, weil Wirtschaftsdünger recht ungünstig verteilt anfällt. Ein riesiger Sprung in der Entwicklung unserer Landwirtschaft war die Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion, da durch die Spezialisierung jeder Bereich bessere Produkte zu besseren Bedingungen und besseren Preisen ermöglicht. Dadurch entstand unsere heutige “industrielle” Landwirtschaft. Der Nachteil daraus: Manche Betriebe sitzen auf haufenweise Stickstoffdünger, andere leiden unter einem Mangel – natürlich leiden sie nicht wirklich, Wirtschaftsdünger kann gut durch Mineraldünger substituiert werden, nur kostet das erheblich mehr. Oft haben die tierhaltenden Betriebe dieses Übermaß an Wirtschaftsdünger dann tatsächlich “verklappt”, die Düngeverordnungen schoben dem zum Glück einen Riegel vor.

Stattdessen kann jetzt auf Nährstoffbörsen Wirtschaftsdünger gehandelt werden: der Eine hat zuviel, der Andere zu wenig – der Markt bringt beide zusammen und alle profitieren. Auch wir profitieren, indem das Grundwasser weniger belastet wird.


Nur darf man auch nicht vergessen, dass dieser Nährstoff Grundlage der modernen Landwirtschaft ist, die unser hungerbefreites Zeitalter erst ermöglichte.



Dieser Handel funktioniert umso besser, umso näher sich beide Partner sind. Leider haben sich nicht nur die einzelnen Betriebe spezialisiert, das also im selben Dorf einer Ackerbau, ein anderer Tierzucht, betreibt – sondern es haben sich auch ganze Regionen spezialisiert, sodass manche Gegenden vorrangig Viehzucht, andere vorrangig Ackerbau betreiben. Große Teile der Niederlande und auch in Norddeutschland werde somit sehr intensiv von Viehzüchtern bewirtschaftet, entsprechend zu viel Stickstoffdünger fällt an und belastet das Grundwasser bei unsachgemäßer Ausbringung.

Soll diese Nährstoffunwucht ausgeglichen werden, muss dieser erheblich weiter transportiert werden. Die Düngeverordnung und ähnliche haben einen guten Punkt, dass Nährstoffeintrag in Gewässer unnötige Verschwendung und gesundheitsschädigender Umweltfrevel ist, den es einzuhegen gilt – wenn dies die einzelnen Akteure nicht freiwillig machen, dann muss man sie eben dazu bewegen, so wie das jetzt auch geschieht. Nur darf man auch nicht vergessen, dass dieser Nährstoff Grundlage der modernen Landwirtschaft ist, die unser hungerbefreites Zeitalter erst ermöglichte. Deshalb muss eine gute Düngung auch zugelassen werden, genauso wie akzeptiert werden muss, dass unsere teils sinkenden Viehbestände nicht Kern des Problems sind, sondern die falsche Allokation bei der Ausbringung von deren Wirtschaftsdünger. Denn erst die moderne, intensivierte Landwirtschaft ermöglicht es uns, so gesunde Lebensmittel so verfügbar zu produzieren – wie es die Niederlande auch vormachen.

Mit effizienterer Düngung wäre schon geholfen – kein Grund die Bauern zu ruinieren

Eine einfache Maßnahme ist es zum Beispiel, effizientere Düngung zu fördern und den Austausch zwischen den Betrieben zu beleben. Eine schwierige Maßnahme dagegen ist es, pauschal die Viehbestände halbieren (!) zu wollen, wie es die Niederlande diskutieren, denn das kann besonders kleinen Bauernfamilien mit sowieso schon wenigen Tieren erhebliche Schwierigkeiten bereiten.

Ein gerne ausgeblendeter Aspekt dabei ist die Einbringung von Nitrat aus maroden Abwasserleitungen, aus denen langsam – auch steter Tropfen verseucht das Grundwasser – Abwässer direkt in den Boden versickern. Die fehlende Berücksichtigung dieser Nitratquelle (die außerdem direkt ins Grundwasser führt) wird auch von den niederländischen Landwirten angeprangert. Für sie scheint es, als sollten sie dafür büßen, was Kommunen verpatzt haben. 

Die Niederlande hat eine der intensivsten Landwirtschaften Europas

Allgemein darf auch nicht ausgeblendet werden, dass die Niederlande eine der intensivsten Landwirtschaften Europas betreiben. Das bedeutet sowohl intensivste Viehhaltung wie auch intensivster Ackerbau mit Gemüse und Tulpen. Je intensiver dieser Anbau ist, so professionell er auch sein mag, umso mehr Nitratverbindungen werden auch ausgeschwemmt werden und umso größer wird die Menge an Ammoniak, das in die Luft entweicht und an Nitrat, das ins Grundwasser entweicht. Eine gewisse De-intensivierung scheint hier sinnvoll, wenn ernsthaft die Belastung von Umwelt und Bevölkerung mit Stickstoffverbindungen reduziert werden soll.

Dazu würde dann auch die Reduktion des Viehbestandes gehören. Die Niederlande hätte wohl sogar genügend Geld diese Umstellung sozialverträglich zu gestalten, so wollen sie Betriebsaufgaben mit Prämien bezuschussen. Eine Maßnahme die hier angewandt wird um zu hohe Besatzdichten zu verhindern, ist die Limitierung des Viehbestands pro Fläche. Wenn ein Betrieb eine bestimmte Menge Rinder (als Beispiel) halten möchte, dann muss er dafür auch eine entsprechende Fläche bewirtschaften, damit nicht zuviel Wirtschaftsdünger anfällt. Augenscheinlich hat diese Maßnahme nicht optimal funktioniert, denn nicht nur die ausgebrachte Menge, sondern auch der Zeitpunkt der Ausbringung sind entscheidend.

Ein Problem sehr vieler Betriebe ist hierbei, dass ihnen die Lagerkapazität fehlt, namentlich Güllegruben, um Spätsommer und Winter zu überbrücken und die Gülle erst spät genug auszubringen. Wenn die Regierung sich allerdings schon einmischen will, sollte sie aber überlegen, dieses Problem direkt zu lösen – und nicht einfach auf die Bauern abzuwälzen.