“Ausgrenzung – damit kriegt man mich.” – Gespräch mit einer kürzlich Geimpften

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Von Marlene Linden | „Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit?”, frage ich meinen Dozenten. „Nein”, sagt er nach einer Weile, „wenn nächste Woche die Warnstufe ausgerufen werden sollte, müssen Sie vor jeder Exkursion einen PCR-Test machen. Das sollte dann pro Test ungefähr 100 Euro kosten. Leider kann es Ihnen nicht erstattet werden. Sie müssen dann selbst überlegen, ob Sie an der Exkursion noch teilnehmen möchten.” Alles klar. Sechs Exkursionen, das kostet insgesamt sechshundert Euro – kein Problem, Studenten können sich ja bekanntlich alles leisten. Er schaut mich nachdenklich an. Fast so, als hadere er damit, kurz darauf das Folgende zu sagen: „Aber… manches wird ja nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Sie können ja auf alle Fälle einmal mitfahren, vielleicht… Sie verstehen schon, oder?” „Klar”, sage ich, „Vielen Dank und ein schönes Wochenende”.

Natürlich habe ich verstanden. Vielleicht sehen sie es während der Exkursion ja nicht so eng. Vielleicht lässt man mich ja doch ins Gebäude. Vielleicht vergisst man dort ja auch einfach, nach einem Test zu fragen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht darf ich auch die drei Stunden vor der Tür verbringen. Ob ich überhaupt einen PCR-Test brauchen werde, kann noch niemand mit Sicherheit sagen. Wenn in unserem Bundesland an zwei aufeinanderfolgenden Werktagen 250 Menschen oder mehr in Verbindung mit Corona auf der Intensivstation liegen, muss ich zuhause bleiben. Aber selbst, wenn es nicht so viele sind, werde ich aufgrund meines Impfstatus von einigen Dozenten so behandelt werden, als hätte ich persönlich die Menschen auf der Intensivstation krankenhausreif geschlagen. 

Neulich hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Kommilitonin. Wir waren gerade in der Mensa auf dem Weg nach draußen, als sie abrupt stehen blieb. „Halt, ich habe meine Maske vergessen!” Hektisch kramte sie in ihrer Handtasche. „Hast du Angst, dich anzustecken? Hier ist ja kaum jemand”, fragte ich sie. Meine Kommilitonin schaute sich um und sagte leise: „Nein, aber ich möchte nicht auffallen.” 

Später hatte ich die Gelegenheit zu einem ausführlicheren Gespräch mit ihr: „Ich war auch lange nicht geimpft”, erklärte sie. „Ich habe bis in den Sommer hinein gehofft, dass es besser wird mit den Maßnahmen. Am 18. Juli hat es sich dann verschlimmert. Da wusste ich: Jetzt ist es vorbei. Also bin ich an einem Sonntag, da hatte ich ja Zeit, zum Impfen gegangen. Es ist nichts passiert. Beim zweiten Mal hatte ich etwas Kopfschmerzen. Aber ich dachte mir, ich bin ja jung, mache Sport und bin gesund, mir kann da ja nichts passieren.” „Aber warum hast du dich dann überhaupt impfen lassen?”, fragte ich erstaunt. „Ich wurde ausgegrenzt”, antwortete sie. „Deshalb wollte ich mich impfen lassen, ich habe Angst vor Ausgrenzung. Damit kriegt man mich. Ich wollte mich impfen, denn ich lebe jetzt – was, wenn ich in ein paar Jahren nicht mehr lebe? Und dann kann ich nicht mehr das machen, was mich glücklich macht.”  Darüber diskutierten wir eine Weile. Ich gab zu bedenken, dass man ja auch an die Spätfolgen denken sollte, aber das schien sie nicht weiter bedenklich zu finden. Offenbar hatte sie die Corona-Maßnahmen mittlerweile so satt, dass sie beschlossen hatte, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Von Demos gegen die Corona-Maßnahmen hielt sie nichts: „Ich akzeptiere jede Meinung, außer sowas mit Bill Gates, so Verschwörungstheorien“, sagte sie. „Außerdem sind in der Bewegung auch viele Rechte und Reichsbürger.”

Als wir kurz nach Feierabend unsere Sachen zusammenpackten, schaute sie mich eindringlich an und meinte: „Ich sage meine Meinung nicht mehr so offen wie früher, nur meiner Familie und dir, weil ich weiß, dass du nicht geimpft bist. Ich finde die Maßnahmen aber auch nicht gut. Wenn wir jetzt die Exkursion machen, dann musst du ja hierbleiben, das ist nicht in Ordnung.“

Laut traue sie sich das aber nicht zu sagen. Wenn die Warnstufe ausgerufen wird und ich bei der Exkursion draußen stehen werde und sie drinnen, werden wir beide wissen, was der jeweils andere davon hält. Und wir werden beide schweigen, lächeln und schweigen. Denn jedes Wort gegen die Maske wäre ein Wort ohne Maske. Und wer möchte seine Maske in so einer Zeit schon öffentlich abnehmen?

 

2 Antworten

  1. Dr.Goetze sagt:

    250 Corona positiv getestete Patienten auf Intensivstation… Hier fehlt mir jetzt der Smiley, der Affe, der sich die Hände vor die Augen schlägt. Sars CoV-2 ist die einzige hoch akute Erkrankung, bei der die Erkrankten in der Regel nichts merken. Die Inzidenz per Labordiagnostik war ja schon ein Witz, aber die Intensiv Belegung ist ein noch größerer Betrug. Die Politiker wissen nicht mehr, wie sie die Pandemie noch am Laufen halten sollen, und der deutsche Michel macht zu mindestens 70% mit.

  2. lea sagt:

    Sehr gut geschrieben, und irgendwie zum Gruseln.