Apollo Kultur: Die skandalbefreite und kritiklose Tristesse der Musik von heute

Von Jonas Kürsch | „Ich schlaf auf Partys fast immer gleich ein“, sang Hildegard Knef vor Ewigkeiten. Ich könnte ihr gar nicht genug Recht geben. Warum? Weil ich die auf Parties gespielte Musik abgrundtief hasse. Meine Liebe zur Punk- und New Wave Kultur der 1980er sowie zu ihren Vertretern von Public Image Limited bis Falco, wird nur allzu selten geteilt. Zumeist erklärt man mir dann auf fast schon pädagogische Art und Weise, dass mein Musikgeschmack „anstrengend und nicht gesellschaftstauglich“ sei. Auf Parties wolle man lieber etwas „schönes und nettes“ hören, um sich einfach eine gute Zeit zu machen. Es ist genau dieses oberflächliche Verhältnis zur Musik, das mich gelehrt hat, Parties zu verabscheuen.

Die Musik des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird zunehmend durch drei Kernfaktoren geprägt: Konformität, Beliebigkeit und Wiederholung. Das ist durchaus logisch, denn wer sich der breiten Maße mit bequemen und leicht verdaulichen Ideen präsentiert, der kann wiederholt hohe Profite mit sehr einfachen Mitteln einfahren. Es ist daher auch kaum verwunderlich, dass sich die Musikindustrie in den letzten Jahren auf Interpreten der völlig inhaltsleer gewordenen Genres der Pop- und Rapmusik fokussiert hat.
Während gegenwärtige Popikonen wie Billie Eilish und Katy Perry mit ihren zeitgeistlosen und woken Propagandahymnen vor allem großes Lob aus der amerikanischen Politelite erfahren (wie vor allem die fast schon inzestuös wirkenden Aufeinandertreffen der beiden Sängerinnen mit dem US-Präsidenten Joe Biden und seiner Vizepräsidentin Harris beweisen), lassen sich die internationalen Größen des Raps von den Medien für ihre plumpen, drogen- und gewaltverherrlichenden Texte feiern. Dabei inszeniert man sich gerne als „Rebell“, der gegen die Normen der Gesellschaft verstößt. Ein solcher Ruf kann durchaus dazu beitragen die Verkaufszahlen nach oben zu treiben. Die zeitgenössische Musikszene ist in Anbetracht der sich ständig wiederholenden Themenbereiche allerdings erkennbar durch Unterwürfigkeit und einen gewaltigen Mangel an Einfallsreichtum gebrandmarkt.

Dabei wird vor allem versucht durch Scheinkontroversen den Eindruck zu vermitteln, man würde sich mit gesellschaftlich aufgeladenen Themen auseinandersetzen. Zumeist betrifft das die Inhaltsfelder des strukturellen Rassismus, der sexuellen „Queer“-Diversität, des Neofeminismus und der sozialen Ungleichheit im Antlitz eines stetig stärker werdenden Rechtsrucks. Keiner der behandelten Themenbereiche ist dabei wirklich kontrovers, denn sie sind alle politisch und gesellschaftlich erwünscht. Über Homosexualität und Klimaschutz zu singen ist nicht aufsässig, es ist konservativ und spießbürgerlich geworden. Vor wirklich heißen Eisen hält sich die Crème de la Crème der Unterhaltungsindustrie hingegen fern.

Auch in Deutschland wird diese politisch domestizierte Feigheit vor dem kreativen Skandal immer deutlicher: wie mutig kann beispielsweise ein Marius Müller-Westernhagen schon sein, der sich aus welchen Gründen auch immer vom Abspielen seines Hitsongs „Freiheit“ auf Anti-Corona-Demos distanziert? Als wie anarchistisch und staatskritisch lassen sich Campino und seine Punkband „Die toten Hosen“ heute noch bezeichnen, wenn sie mit ihrem Aufruf zur Coronaschutzimpfung den Regierenden aktive Beihilfe bei ihrer Politik leisten, vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es eben der Frontsänger jener Gruppe war, der sich während des Ausbruchs der Schweinegrippe vor einigen Jahren noch ganz anders zu staatlich verordneten Pflichtimpfungen geäußert hat?

Während Musiker vor einigen Jahrzehnten noch das Ziel verfolgten, durch kontroverses und exzentrisches Auftreten ihre Zuhörer aus der Komfortzone zu locken, ist die Industrie heute darauf bedacht, ihre Konsumenten mit möglichst einfachen und repetitiven Botschaften an sich zu binden und damit von möglicherweise unangenehmen Problemfragen fernzuhalten. Ich würde die Konfrontationsbereitschaft der heutigen Musik deshalb auch gerne mit der politischen Neutralität von Leni Riefenstahl Filmen gleichsetzen, nur würde das dem Lebenswerk der Filmemacherin vermutlich nicht gerecht werden, denn wenigstens ist ihr Werk im Vergleich zur heutigen Musik handwerklich gut gemacht.
Schaut man in die Vergangenheit, wird man schnell feststellen, dass Musik keinesfalls so mut- und energielos sein muss, wie sie heute häufig daherkommt. Allein in der jüngeren Musikgeschichte Deutschlands finden sich allerlei skurrile Künstler, die losgelöst vom Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz und hohen Verkaufsmargen die Grenzen des Mainstreams gesprengt haben. Man denke nur an die Godmother of Punk, Nina Hagen, mit ihren auch heute hochumstrittenen Punk-Oper-Arien, in denen sie über die Vereinsamung des Stadtmenschen, ihre christlich-kommunistische Lebensphilosophie und eigene Erfahrungen mit Entführungen durch Außerirdische singt. Oder denken wir an die weltbekannte deutsche Schauspielerin Hildegard Knef, die in den 1960er Jahren mit ihren frivolen und stets die individuelle Sehnsucht betonenden Chansons große Schlagzeilen in der Bundesrepublik gemacht hat.

Viele Menschen haben für den Wohlfühlkitsch der 2020er Jahre kein Verständnis mehr. Das Radio kann man im Grunde nur noch einschalten, wenn man zur Entwicklung kritischer Gefühle und Gedanken vollkommen unfähig ist oder unter Gefühlslegasthenie leidet. Es bedarf, gerade in Zeiten massiver staatlicher Einflussnahme und dem neuaufkeimenden Trend zum Denunziantentum, unabhängiger und mutiger Musiker, die sich mit den gegenwärtigen Entwicklungen auf vielseitige Art und Weise auseinandersetzen. Ein gutes Beispiel dafür wäre unter anderem die Sängerin Nena, die sich auf ihren Konzerten gegen die verfassungswidrigen Grundrechtseingriffe zur Pandemiebekämpfung aussprach und damit ein großes persönliches Risiko eingegangen ist. Unser Land und die gesamte westliche Hemisphäre brauchen mehr Eigensinn. Daher gilt es insbesondere jetzt zu fragen: Wo bleibt der Skandal? Und viel wichtiger: wer war eigentlich Hildegard Knef?

 



„I’m adaptable and I like my new role, I’m getting better and better and I have a new goal, I’m changing my ways where money applies: this is not a Love Song“
 – Public Image Limited

2 Antworten

  1. Fred G. Eger sagt:

    Sehr geehrter Jonas Kürsch, „well written“, wie der Angelsachse sagen würde.
    Allerdings werden Sie sich mit Ihrer Liebe zu PIL nicht wirklich viele Freunde machen. (Aber kein Nachteil ohne Vorteil: die wenigen verbliebenen werden vermutlich „gute“ Freunde sein.)
    Aber ja, Herr Lydon war schon gut für ein paar Statements, ich sag nur „Acid Drops“.

    Machen Sie Ihr Leben weiter mit Ihrem komischen Geschmack. Gehen Sie einfach nur auf Partys mit der richtigen Hintergrundmusik, und verlassen Sie frühzeitig die mit der Schrecklichen. (Die interessanten Menschen werden vermutlich die sein, die zur gleichen Zeit gehen.)

  2. Lucy sagt:

    Naja, anregende Musik würde vielleicht ein paar Gefühle erwecken und am Ende auch noch Lust. Wohin damit auf einer Party voller langweiliger Hopser???