Die Krankenhausserie „The Knick“ nimmt uns mit zu den Anfängen der modernen Medizin

Von Larissa Fußer | Begeistert euch Medizin? Vermutlich schütteln viele von euch den Kopf. Verständlich – in den letzten zwei Jahren haben uns Ärzte und Epidemiologen die letzten Nerven geraubt. Unsinnige Regeln, Lockdowns, tägliche Infektionszahlen-Updates, ständiges Stäbchen in die Nase Stecken, Impfempfehlungen, Bedrängungen – böse Zungen würden sagen, die Medizin wurde eingesetzt, um die Menschen zu kontrollieren, nicht um sie zu heilen. Vermutlich gibt es auch ein paar unter euch, die nach zwei Jahren Pandemie den Ärzten weniger vertrauen, als vorher. Was wir aber in all der verständlichen Abneigung gegen die Doktoren-Drangsalierung nicht vergessen sollten: Noch vor 100 Jahren sind die Menschen in der westlichen Welt im Schnitt nicht mal 60 Jahre alt geworden, um 1870 starb man sogar noch vor dem 40. Lebensjahr. Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei ca. 80 Jahren und wir dürfen damit rechnen, dass unsere Kindeskinder noch länger leben werden. Da hören selbst die Konservativen auf, sich in frühere Zeiten zurückzuwünschen, oder? 

Die enorme Verminderung der Sterblichkeit, die Entdeckung zahlreicher Behandlungs- und Heilungsmethoden, chirurgischer Verfahren und Mittel der Bildgebung – all das ist das Ergebnis der Arbeit vieler mutiger Ärzte – und etlicher toter Patienten. Ich habe eine Serie entdeckt, die uns in die Zeit mitnimmt, in der Medizin noch bedrückend blutig war und die Überlebenswahrscheinlichkeit schwerkranker Patienten einem Lottogewinn glich. „The Knick“ ist eine US-amerikanische Serie aus den Jahren 2014/15, die im New York des frühen 20. Jahrhunderts spielt. Hauptfigur Dr. John W. Thackery ist Chefchirurg im Knickerbocker Hospital, sein Charakter erinnert an den von Dr. House: griesgrämig und empathielos, aber genial. Dr. Thackery brennt für seinen Beruf und arbeitet kontinuierlich daran, neue OP-Verfahren zu entwickeln und alte zu verbessern. Wir sehen ihn live in Aktion in einem OP-Saal wie er vor hundert Jahren ausgesehen hat – und es dreht sich einem der Magen um.

Heutzutage kann man den Patienten im OP unter Wärmedecken, Schläuchen, Kabeln und Monitoren ja kaum noch erkennen – doch damals bestand die einzige Überwachung der Lebensfunktionen aus einer Schwester, die ängstlich ein Stethoskop auf die Brust des Patienten drückte und nebenbei den Puls fühlte. In einer Szene sehen wir Dr. Thackery und seine Kollegen, wie sie bei einer Frau mit Schwangerschaftskomplikationen einen Kaiserschnitt durchführen. Gleich zu Anfang wird dem Publikum verkündet, dass alle bisher operierten Patientinnen mit diesem Krankheitsbild verstorben seien – man nun aber ein neues, besseres Verfahren entwickelt habe. Thackery schneidet den Bauch auf, sofort quillt Blut heraus. Ein Assistenzarzt macht sich daran, das Blut mit einem Sauger zu entfernen – dabei kurbelt er wie ein Irrer an einer Drehvorrichtung, die offensichtlich den Sog zum Abfließen des Blutes erzeugt. Doch das Blut hört gar nicht mehr auf zu fließen – die blanken Hände der Chirurgen sind voll davon. OP-Handschuhe gibt es noch nicht. Langsam bekommt die Schwester Angst – der Puls der Patientin sei sehr unregelmäßig. Die Ärzte versuchen mit Nadel und Faden irgendwie die Blutungsquelle zu verschließen – doch es ist schon zu spät: Die Schwester meldet, dass kein Puls mehr vorhanden ist.

Die gescheiterte OP ist für Thackery Anlass, sich in die Forschung zu stürzen. Tage und nächtelang macht er sich – wohlgemerkt bis zum Rand vollgepumpt mit Kokain – daran, die OP-Methode zu verbessern. Er mietet sich Prostituierte, um ihre Gebärmuttern zu erforschen. Sein Vorgehen übt er an Schweinen. Und während der Chefarzt aus seinem Studienzimmer nicht mehr herauskommt, werden im Krankenhaus immer mehr neue Erfindungen eingeführt. Größter Kracher: Elektrizität. Unter Murren der Schwestern werden überall elektrische Lampen angebracht. Natürlich passiert, was passieren musste: Schon nach kürzester Zeit brennt eine Sicherung durch und das Krankenhaus ist stockdunkel – sofort werden die altbewährten Gaslampen wieder angezündet. Doch das ist noch lang nicht alles: Das erste Röntgengerät, das erste Endoskop (Gerät, um in tiefe Körperöffnungen hineingucken zu können), der erste Elektrokauter (Gerät, mit dem man durch einen erhitzten Draht eine Blutung stillen kann) und der automatische Sauger werden Stück für Stück Teil des medizinischen Alltags. Nebenbei forschen die Ärzte noch an der fixen Idee, dass es mehr als eine Blutgruppe geben könnte, und versuchen Syphilis mit Malaria-Erregern zu heilen. 

„The Knick“ ist eine Hommage an den enormen Erfindergeist der Mediziner, der in den letzten 150 Jahren dazu geführt hat, dass wir unsere Lebenserwartung verdoppeln konnten. Dabei unterschlägt die Serie nicht, dass die medizinische Forschung oft blutig und grausam war – und manchmal mehr Leben gekostet als gerettet hat. Heute wiederum darf sich alles medizinische Forschung nennen, was in Wirklichkeit nur eine schlampig durchgeführte Pflichtumfrage unter Kommilitonen für die Doktorarbeit war. Deutschland hat sich im Bereich Energiegewinnung und Autoindustrie schon länger „dem Klima zuliebe“ gegen den Fortschritt entschieden. Und auch in der Medizin gibt es leider immer mehr Ärzte, die lieber die Erde als ihre Patienten schützen wollen, und zum Beispiel monieren, dass zu viele medizinische Geräte nur einmal benutzt werden. Man könne ja das OP-Besteck auch einfach mehrmals verwenden… Da wünscht man sich doch lieber einen gestörten, aber fortschrittshungrigen Dr. Thackery.

Neugierig geworden? Hier könnt ihr den Trailer der ersten Staffel „The Knick“ sehen:  

Quelle Beitragsbild:

Lba050300, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

2 Antworten

  1. Sofie sagt:

    Da bin ich tatsächlich neugierig! Es klingt wirklich etwas gruselig, aber auch sehr interessant.

  2. kasi sagt:

    Interessant, danke für den Tipp! Klingt aber, als bräuchte man einen starken Magen…