Apollo History: Das Baumhaus an der Mauer

Von Pauline Schwarz | Vor bald 61 Jahren wurde die deutsche Teilung in Berlin durch Stacheldraht und festes Mauerwerk zementiert. In der Nacht zum 13. August 1961 wurden die Sektorengrenzen durch die NVA und bewaffnete Grenzpolizisten abgeriegelt. Sie rissen das Straßenpflaster auf, errichteten Barrikaden, verlegten Stacheldrahtverhaue und fuhren Geschütze und Panzer auf. In dieser Nacht begann der Bau der Berliner Mauer – einem 155 Kilometer langen steinernen Symbol des Kalten Krieges, das Ost- und West-Berliner mehr als 28 Jahre voneinander trennten sollte.

Der „Antifaschistische Schutzwall“ verlief mitten durch Berlin. Aus rein praktischen Gründen aber nicht überall exakt entlang der Gebietsgrenze. Weil man darauf verzichtete die Mauer im Zick-Zack zu bauen, entstand zwischen Kreuzberg und Mitte ein kleines Stück Niemandsland. Für die 350 Quadratmeter große Brachfläche fühlte sich niemand zuständig – Niemand, außer einem türkischen Rentner.

Osman Kalin war im Jahre 1983 gerade in Rente gegangen und laut seinem Sohn zutiefst gelangweilt. Der Mann, der immer schwer auf dem Bau geschuftet haben soll, wollte nicht rumsitzen, sondern wieder etwas mit seinen Händen tun. Also trat er vor die Tür und sein Blick viel auf die Mauer. Genauer gesagt auf einen ganzen Haufen Schrott, Schutt und Müll. Direkt vor seinem Wohnhaus lag eine kleine Verkehrsinsel – in West-Berlin und doch gehörte sie dem Osten. Man hatte die Mauer gerade entlang des Bethaniendamms gebaut und die kleine Ecke ausgespart, womit das Grundstück außerhalb der Zugänglichkeit des Ostens und außerhalb der Zuständigkeit des Westens lag. So verkam das kleine Stück Niemandsland zu einer ungepflegten Brachfläche. „Verschwendung“, hat sich Osman vielleicht gedacht. Er griff zur Tat, räumte den Müll beiseite und setzte die ersten Zwiebeln. Kurze Zeit später hatte der alte Mann mitten in DDR-Hoheitsgebiet einen großen Gemüsegarten angelegt – was ihm zu dieser Zeit noch gar nicht bewusst gewesen sein soll.

Vielleicht merkte er es erst, als DDR-Grenzsoldaten durch eine Luke oder Tür in der Mauer zu ihm herüberkamen. Es entbrannte ein Streit zwischen dem widerborstigen türkischen Rentner und einem Grenzoffizier. Mehmet Kalin, der Sohn von Osman, sagte im Jahre 2007 der alte Vater hätte den verdutzten Grenzsoldaten damals angeblafft: „Ich bin ein Nachfahre der Osmanen, der nur ein wenig gärtnern will auf seine alten Tage“. Und ob es nun genauso war oder nicht, die Grenzer ließen von dem alten Mann ab. Laut Deutschlandfunk hätten die Grenzsoldaten später vom Wachturm aus gesehen, wie West-Berliner Polizisten den alten Mann ebenfalls vertreiben wollten und waren spätestens ab diesem Zeitpunkt auf Osmans Seite – so nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Laut Mehmet habe sich sein Vater ein paar Monate später wirklich mit den Grenzsoldaten angefreundet. Sie hätten sich gegrüßt und in Ruhe gelassen – kurz vor Weihnachten soll es dann jedes Jahr Geschenke gegeben haben: „Gebäck und eine Flasche Wein“.

Im Niemandsland geduldet, baute sich der alte „osmanische Bauer“ zwischen zwei Bäumen ein Häuschen aus alten Schrott-Teilen – ein Haus, das noch immer steht und heute als „Baumhaus an der Mauer“ bekannt ist. Das Westberliner Bezirksamt soll von dem Projekt damals wenig begeistert gewesen sein und dem alten Mann gedroht haben, doch was sollten sie machen? Immerhin war das offiziell Ost-Gebiet. Also baute Osman weiter, pflanzte Kirsch- und Pflaumenbäume und legte große Gemüsebeete an. Seine Ernte verkaufte er viele Jahre auf dem Markt am Kreuzberger Maybachufer. Nach der Wende hatte man dann zunächst andere Probleme als sich um den alten Mann und sein Grundstück zu kümmern. Erst um die Jahrtausendwende wollte das Bezirksamt Mitte der illegalen Nutzung dann ein Ende setzten.

Doch Osman hatte Glück, die Grenze wurde 2004 begradigt. Sein Grundstück fiel nun in die Zuständigkeit des grün regierten Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg und das gestattete ihm das Nutzungsrecht – mit illegalen Haus- und Grundstücksbesetzern kennt man sich hier bei uns ja bekanntermaßen gut aus. Aber egal wie man das auch finden mag, das Baumhaus ist bis heute eine Touristenattraktion und ein kleiner wie skurriler Teil der Berliner Mauergeschichte.