Als Schülerin in Berlin: Meinungsfreiheit für alle, die das Gleiche meinen

Von Selma Green | „Die Behinderten nerven langsam. Ich hab keine Lust, immer mit denen spielen zu müssen”, seufzte ich in einer Pause. Die Inklusionsschule, die ich bis zur sechsten Klasse besuchte, war so ein linkes Hirngespinst, auf der behinderte und gesunde Kinder zusammen unterrichtet werden. Klingt auf den ersten Blick wie ein tolles Konzept und ich gemein, aber verurteilt mich erst, wenn ihr mal in meinen Schuhen gelaufen seid.  Meine Freundin blickte mich mit weit aufgerissenen Augen an und fauchte: „Das musst du aber. Das ist wichtig und sozial!” So aufgeregt kannte ich sie gar nicht. „Das ist meine Meinung. Die darf ich doch haben”, antwortete ich. 

„Nein, darfst du nicht!”, zischte sie und hatte es plötzlich eilig, ins Schulgebäude zu flüchten. Es war das erste und einzige Mal, dass man mir ins Gesicht sagte, ich dürfe keine andere Meinung haben. Auf meinem Gymnasium sind meine Mitschüler nicht so direkt. Die meisten meiner Mitschüler sind links. Es gibt ein paar Kandidaten darunter, mit denen zu diskutieren eine Qual ist. Brüllen, Unterbrechen und Gegenargumente-nicht-verstehen-Wollen ist ihre Taktik. Bei einer Diskussion über die Coronaimpfung überlegte ich laut: „Wenn wir Kinder und Jugendliche nicht beachten, dann haben wir fast eine Herdenimmunität erreicht.” Die Augen eines Mitschülers blitzten im selben Moment auf. Er stolperte zu mir und entgegnete: „Wir haben aber erst eine Herdenimmunität, wenn alle geimpft sind!”.

„Kinder und Jugendliche sind keine Risikogruppen. Wichtiger ist es doch, die Pandemie schnellstmöglich zu beenden. Da reicht es, nur die Erwachsenen zu betrachten. Außerdem ist die Impfung Selbstschu…” – ich wurde unterbrochen. „Nein! Nein! Das stimmt so nicht. Es müssen sich alle impfen!”, krakeelte er mir in die Ohren. Nachdem ich ein zweites Mal versuchte, ihm meine Argumente zu erklären und er mit einem „Alle müssen sich impfen!” antwortete, wusste ich, dass ich gegen eine Wand rede. Er wollte nicht akzeptieren, dass ich eine andere Meinung und die besseren Argumente hatte. Als ich dachte, die Diskussion wäre so gut wie beendet, joggte der Mitschüler zu unserem Lehrer, der gerade durch die Tür kam, und haspelte: „Selma ist gegen die Kinderimpfung! Was sagen Sie dazu?“

Ich traue mich nicht mehr, vor ihnen meine Meinung zu äußern, und wenn doch, dann höchstens ein paar kritische Fragen.

Der Mitschüler hatte keine Argumente und wusste, dass ich nicht mit dem Lehrer, der die gleiche Meinung wie er hat, diskutieren würde. Solche Mitschüler plappern von Meinungsfreiheit und kämpfen dabei mit allen Mitteln gegen andere Meinungen an. Mich schüchtert es ein, wenn meine Mitschüler bei Diskussionen so aggressiv werden, obwohl deren Argumente keinen Sinn ergeben. Vor solchen Mitschülern halte ich meine Klappe, größtenteils aus Angst. Ich traue mich nicht mehr, vor ihnen meine Meinung zu äußern, und wenn doch, dann höchstens ein paar kritische Fragen. Naja, mit Fragen habe ich es mal geschafft, Mitschüler aus der Reserve zu locken, sodass sie am Ende nackt dastanden und ihre eigene Meinung nicht mehr verstanden. Von meinen Mitschülern wurde ich deswegen als gemein und asozial beschimpft. Jetzt darf ich nicht einmal Fragen stellen. Das wollen mir meine Mitschüler ernsthaft als Meinungsfreiheit verkaufen?

Egal was ich sage – entspricht es nicht der Meinung der anderen, bin ich schnell mal eine Querdenkerin oder Leugnerin. Im November 2019 sagte Frau Merkel in der Generalaussprache im Bundestag: „Wer seine Meinung sagt […], der muss damit leben, dass es Widerspruch gibt. Es gibt keine Meinungsfreiheit zum Nulltarif, dass alle zustimmen.” Bin ich nun das Schneeflöckchen, das keinen Gegenwind verträgt, oder leben wir wirklich in Zeiten, in denen man mit wesentlichen Nachteilen rechnen muss, wenn man eine gewisse Meinung hat und preisgibt?

Nun gut, vor meinen Mitschülern kann ich meine Meinung ohne so richtig erhebliche Nachteile äußern – abgesehen von Gehörschäden. Bei den mehrheitlich linken Lehrern sieht es anders aus. Komme ich nun um die Ecke und hinterfrage die Impfung oder den menschengemachten Klimawandel, reagieren die meisten Lehrer allergisch darauf. In der Schule sind die Noten häufig davon abhängig, ob der Lehrer den Schüler mag. Ich stehe mit meiner Meinung, die nicht jedem Lehrer gefällt, in der Klasse allein da. Dass ich in den Augen des Lehrers, der es schrecklich findet, dass Menschen gegen die Coronamaßnahmen und die Impfung sein können, eine Querdenkerin bin, ist kein Vorteil. Darin liegt der Unterschied: Ich starte Diskussionen mit Mitschülern, um auf Widerspruch zu stoßen und Argumente gegenüber zu stellen – allenfalls nicht, wenn mich mein Gegenüber nicht zu Wort kommen lässt und mir seine Meinung aufzwingen will. Sorgt meine Meinung für schlechtere Noten, ist es mehr als nur „Widerspruch”. Wo bleibt hier die Meinungsfreiheit?

Ich will meine Meinung, ohne Konsequenzen für meine Noten oder moralischer Mundtotmache, äußern. In der Schule habe ich nicht das Gefühl, dass ich das kann.

1 Antwort

  1. tl sagt:

    Ihre Erfahrungen sind schmerzhaft und tragisch, Frau Green.
    Die Gesellschaft hat wenig bis nichts aus der Vergangenheit gelernt.
    Die meisten haben in ihrem “Kampf gegen rechts” nicht einmal begriffen, dass sie sich dergleichen Methoden und Mittel bedienen, die sie eigentlich bekaempfen wollten. Und diese Methoden zeigen sich in allen Streitthemen, wie Klima, Migration, Impfung, etc.
    Frau Green, Ihre Faehigkeit Alles und Jeden zu hinterfragen, zeigt, dass Sie bereits weiter sind als die meisten Menschen.
    Alles Gute, auf dass Sie Ihre Geduld und Fassung bewahren, die Ihnen entgegenschlaegt. Und wenn Sie sich gelegentlich “verbiegen” muessen, um Ihre Noten zu verbessern, betrachten Sie Ihre persoenlichen Zukunftsvorstellungen und waegen Sie ab.
    Oder wie mein Chef immer lehrte: “You win one, You lose one. But keep Your target in focus.”
    Beste Wuensche
    tl