Zum 17. Juni – ein Plädoyer für mehr Widerstand


Von Manuel Freund | Tag der Deutschen Einheit: Woran denkt man als Schüler bei diesem Stichwort? Natürlich an den 3. Oktober 1990. Jedoch gibt es noch einen anderen „Tag der deutschen Einheit“. Am 17. Juni 1953 gingen die Bürger der DDR auf die Straße und demonstrierten gegen die DDR und den sowjetischen Einfluss. Nur knapp ein Jahr davor wurden in der 2. Parteikonferenz der SED die „Sowjetisierung“ und der „Aufbau des Sozialismus“ angekündigt, sowie der Aufbau der Nationalen Volksarmee. Der Staat sollte mehr Macht bekommen, dementsprechend musste Freiheit eingegrenzt werden. Doch der entscheidende Punkt, der für die Aufstände sorgte, war die Verstümmelung der Mittelschicht. Zu einer jeden Transformation zum „Frieden bringenden“ Sozialismus gehört Gleichmacherei. Und weil es nun einmal etwas schwer war, die Unterschicht reich zu machen, hat man lieber die Abgaben der Mittelschicht so drastisch erhöht, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die ganze Mittelschicht zur neuen Unterschicht wurde.

Die SED fing an, auf Schwerindustrie zu setzen, und vernachlässigte die Produktion von Lebensmitteln und Konsumgütern. Alle Fehler in der Planwirtschaft wurden dadurch ausgemerzt, dass man den Bürgern das Geld aus der Tasche zog. Enteignung und Bodenreformen sorgten letztendlich dafür, dass im Frühjahr 1953 die Nahrungsmittel zu knapp waren. Auch weitere Freiheiten wurden weitgehend eingeschränkt. So wurde die evangelische Jugend beispielsweise gänzlich verboten.

Ich könnte jetzt noch unzählige weitere Verfehlungen der SED bis 1953 aufzählen, aber um es abzukürzen: Es ging dem Volk richtig dreckig. Deswegen gingen die Arbeiter am 17. Juni 1953 auf die Straße. Der Aufstand wurde von sowjetischen Truppen niedergeschlagen – 34 tote Demonstranten und etliche Verletzte waren das Ergebnis. Diesen Leuten war bewusst, dass sie sterben konnten. Sie wussten, dass der Protest ihnen langfristig schaden konnte und trotzdem gingen die Bürger auf die Straße. Sie hatten mit Sicherheit Angst, aber trotzdem leisteten sie Widerstand. Und genau dieses Wort war bei den Aufständen und vielen weiteren Versuchen, sich von der Unterdrückung zu befreien, ganz essenziell.

Wiederstand, was ist das eigentlich? Im Grunde genommen ist Widerstand nichts anderes als eine Kraft, die gegen den vorliegenden Zustand wirkt. Also auf den Menschen übertragen: Es wird versucht, diesen Menschen so zu machen, wie man es sich optimalerweise vorstellt, dieser wehrt sich aber dagegen. Damit Widerstand geleistet werden kann, muss es also erst einmal Unterdrückung geben, man kann gegen seine eigene Freiheit ja schwer Widerstand leisten. Widerstand gab es in der Geschichte immer wieder; meistens gegen Monarchen, Diktatoren oder andere freiheitsberaubende Regierungen. Der Mensch strebt immer nach Freiheit und eine zu starke Einschränkung der Freiheit wird zwangsläufig zu Widerstand führen. Es ist wie in der Physik: Je weniger Bewegungsfreiraum ich den Elektronen beim Stromfluss gebe, desto größer ist der Widerstand.

Schauen wir uns zwei mehr oder weniger aktuelle „Widerstände“ an. Als erstes haben wir die Streiks der Mitarbeiter der Deutschen Bahn. Ich bin grundsätzlich ein Befürworter des Streikrechts. Wenn die Mitarbeiter den Wert ihres Lohns als schlechter empfinden als den Wert ihrer Arbeit, dann sollten sie streiken dürfen. Streiken ist eindeutig eine Form des Widerstands. Leider wurde der Sinn von Streiks komplett verfälscht. Wenn früher gestreikt wurde musste man damit rechnen, dass kein Gehalt gezahlt wurde und eventuell sogar die Kündigung folgte. Heutzutage darf man allerdings gesetzlich streiken. Aber nicht nur das: während des Streiks werden aus der Streikkasse auch noch Entschädigungen geleistet.

Also jetzt mal ganz ehrlich: Wenn ich im Jahr zusätzlich zwei Wochen bezahlten Urlaub nehmen dürfte und dafür auch noch eine Gehaltserhöhung bekommen würde, wäre ich sowas von dabei. Das hat aber leider nichts mit Widerstand zu tun.

Nun zum zweiten Beispiel: Schule schwänzen für einen „guten Zweck“ – Fridays for Future. Grundsätzlich richtet sich Schulschwänzen gegen den Staat, ist also an sich eine Form von Widerstand. Jedoch stimmt das mittlerweile nicht mehr ganz. Immer mehr Schulen unterstützen Fridays for Future. Anfangs gab es nur Lehrer, die die Schüler dazu ermutigt haben, freitags für die Vernichtung jeglicher wirtschaftlichen Grundlage des Westens zu schwänzen. Wenige Wochen später hörte man von der ersten Schulveranstaltung über Fridays for Future und inzwischen gab es sogar einige Schulen, die an einzelnen Freitagen komplett den Unterricht abgesagt haben, damit Schüler legal zu FfF gehen dürfen (beispielsweise in Dortmund). Die vermeintliche Widerstandsbewegung ist inzwischen nichts anderes als der totale Mainstream. „Die Anderen“ schwärmen von Fridays for Future und ohne selbst nachzudenken geht man freitags in die nächstgrößere Stadt und baut am besten noch seinen Grill auf (das passiert bei den FfF Demonstrationen in meinem Kreis übrigens wirklich). Von Widerstand kann man hier also auch nicht reden.

Wo ist er also, der Widerstand in Deutschland? Die Idee, sich gegen das System und gegen den Mainstream aufzulehnen geht immer weiter verloren. Dadurch, dass sich immer weniger Jugendliche wirklich tiefgründig politisch informieren, sind ihre einzigen Informationsquellen über Politik die Freunde, Familie, Lehrer und die seriösesten Personen überhaupt: Ein blauhaariger YouTuber. Der Widerstand in Deutschland verstummt allmählich. Der Staat ist dabei, uns immer mehr Freiheiten zu nehmen, und die grüne Verbotspartei gewinnt immer mehr an Zuspruch. Keiner merkt überhaupt, wie oft uns in Wahrheit keine Freiheit gelassen wird. Wenn meine Mutter mich „fragt“: „Deckst du den Tisch?“, dann erwartet sie ein „Ja“ als Antwort, obwohl die Fragestellung auch ein „Nein“ zulassen würde. Genau das tut der Staat mit uns. In der Schule wird uns gesagt: „Schauen sie, ob die Meinung eingebracht wurde und ob sie richtig ist und nicht Trump-mäßig.“ (Zitat meines Geo-Lehrers). Er will also eine Meinung von uns hören, aber eben nur eine ganz bestimmte.

Unsere Aufgabe besteht darin, jetzt Widerstand zu leisten. Hört euch an, was euer Umfeld erzählt und wehrt euch dagegen. Widerstand ist nicht, dem Geo-Lehrer genau das zu erzählen, was er hören will. Widerstand ist, wenn man sich gegen ihn wehrt. Wenn man Trump verteidigt und dafür in Kauf nimmt, dann eine schlechtere Noten zu bekommen (wie es bei mir leider der Fall ist). Leisten wir lieber jetzt Widerstand, solange das Schlimmste, was passieren kann, noch schlechtere Noten sind!

3 Antworten

  1. Regina Cuno sagt:

    Danke für diesen Beitrag,
    Der 17. Juni hatte für viele Ostdeutsche eine viel größere Bedeutung, als für die Westdeutschen – Hoffnung auf ein geeintes Deutschland – ohne Besatzer.

    Einen Tag der „Einheit Deutschlands“ gibt es nicht. Der 3. Oktober ist ein Feiertag zur Vereinnahmung/Angliederung der DDR durch/an die BRD.

    Ich bin in der DDR aufgewachsen, habe ihre Nach-, aber auch Vorteile erlebt: das gesellschaftliche Miteinander (das vermisse ich).

    Ob 17. Juni oder 3. Oktober – einen Tag der deutschen Einheit haben wir bis heute nicht

  2. Martin Hahn sagt:

    Danke für diesen Beitrag! Genau das sollte eigentlich in der Schule gelernt (gelehrt) werden. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Schüler diesen Artikel lesen, und sei es nur dass die Erinnerung an den 17. Juni nicht völlig verloren geht.

  3. dasLinkeParadox sagt:

    Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.
    Wo das Unrecht regiert wird die Teilnahme am Pseudo-Widerstand zur Pflicht!