„Wichtiger, als zu verstehen, warum es so ist, ist zunächst einmal, festzustellen und zu belegen, dass es so ist.“

Von Air Tuerkis |

Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker, Immobilienunternehmer und Autor zahlreicher Bücher. Weltweit bekannt wurde er durch seine 1987 erstmals erschienene Dissertation „Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs“, in der er die sozialistischen und revolutionären Motive und Elemente in Hitlers Weltanschauung untersuchte. Zitelmanns Buch gilt als Meilenstein in der Hitlerforschung.
In
zwischen legte der Autor eine zweite Dissertation in Soziologie zum Thema „Psychologie der Superreichen“ vor, welche für viel Aufsehen sorgte. Wir werden uns heute mit dem Autor über sein neuestes Werk mit dem Titel „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ unterhalten. In ihm untersucht der Autor die Frage, inwieweit marktwirtschaftliche oder sozialistische Gesellschaften zum Wohlstand ihrer Bürger beitragen. Eine ausführliche Rezension hatten wir bereits hier auf unserem Blog.

APOLLO:  Guten Tag Herr Zitelmann,
Wenn wir als junge Leute Ihr Buch lesen, fragen wir uns natürlich (gerade wenn man vielleicht selbst daran denkt, Historiker zu werden), wie so ein Werk entsteht und wie ein Historiker arbeitet. Könnten Sie uns da ein bisschen Aufschluss geben? Wie geht man an so ein Buch heran? Wo kann man die Informationen herbekommen? Wieviel Zeit nimmt das in Anspruch?
ZT: Da ich sehr schnell schreibe, liegen in der Regel 80 – 90% des Zeitaufwandes in der Recherche. Für mein Hitler-Buch hatte ich sehr viel Recherchezeit in den Archiven verbracht, und derzeit lese ich unendlich viel in amerikanischen Psychologie-Fachzeitschriften über Vorurteilsforschung, weil ich an einem Buch über „Vorurteile und Stereotype über Reiche“ arbeite. Für das Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“, habe ich wissenschaftliche Fachliteratur zur Wirtschaftsgeschichte von China, der Bundesrepublik, der DDR, Nordkorea, Südkorea, Großbritannien, USA, Venezuela, Schweden und Chile gelesen. Nachdem ich das Manuskript abgeschlossen hatte, habe ich es Spezialisten zur kritischen Lektüre geschickt, z.B. einem Professor, der das Standardwerk zur Planwirtschaft der DDR geschrieben hat, oder einem Professor, der sich auf Südkorea spezialisiert hat. Bei einem solchen Buch kann man ja nicht Spezialist für all diese Länder sein, also muss man auf die Forschungen anderer Gelehrter zurückgreifen. Übrigens schicke ich meine Manuskripte stets auch Freunden, von denen ich weiß, dass sie sehr kritisch an so etwas herangehen. Ich profitiere sehr von dieser Kritik, weil ich meine Argumente dann schärfen muss. Einer dieser Freunde ist leider kürzlich gestorben, es war mein ehemaliger Chef bei der WELT, Dr. Löffelholz.

Apollo:  Sie stellen in Ihrem Buch ja nicht nur den Kapitalismus dem Sozialismus gegenüber, Sie beleuchten ja auch die Übergänge zwischen beiden Systemen. Durch Ihr Buch zieht sich im Wesentlichen eine These: Je kapitalistischer ein Land ist, desto wohlhabender wird es. Sie sprechen sogar von einem Reagenzglas: Je höher die Kapitalismuskonzentration umso weniger Armut ist vorhanden. Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache dafür? Was ist die Eigenschaft, die dafür sorgt, dass ein freierer Markt einem unfreieren immer so drastisch überlegen ist?
ZT: Zunächst dieses: Wichtiger, als zu verstehen, warum es so ist, ist zunächst einmal, festzustellen und zu belegen, dass es so ist. Darum geht es in meinem Buch. Ich sehe die Geschichte als ein großes Experimentierfeld und wir haben die Möglichkeit, zu sehen, was funktioniert und was nicht – selbst wenn wir die Gründe nicht genau verstehen. Darüber, warum der Markt besser funktioniert als eine Staatswirtschaft, haben schon viele kluge Leute geschrieben, so etwa Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises, Milton Friedman. Kurz gesagt: Weil in einer Marktwirtschaft idealerweise ein Selektionsprozess stattfindet, bei dem diejenigen gewinnen, die besser, schneller, effizienter und innovativer Kundenbedürfnisse befriedigen. Das ist natürlich sehr verkürzt – ich empfehle die Bücher der genannten Autoren zu lesen.

Apollo:  Sie haben sich in Ihrem Buch bemüht, Beispiele zu finden mit Ländern, die jeweils sozialistisch oder kapitalistisch sind, die möglichst vergleichbar sind zum Teil ja sogar das gleiche (geteilte) Land betreffen. Erzählen Sie uns doch, welche Beispiele für Sie am Eindrücklichsten waren, und wo Sie vielleicht selbst überrascht von Ihren Ergebnissen waren.
ZT: Ich fand gerade das Beispiel jenes Landes besonders interessant, das in vieler Hinsicht noch nicht kapitalistisch ist, aber es im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte immer mehr wurde: China. Ende der 50er Jahre, das zeige ich ausführlich im ersten Kapitel, verhungerten hier noch 45 Milllionen Menschen als Folge des größten sozialistischen Experimentes in der Geschichte. Mao nannte es den „Großen Sprung nach vorn“, in Wahrheit war es ein Sprung in die größte Katastrophe. Bevor China begann, den kapitalistischen Weg zu gehen, lebten 88 Prozent der Chinesen in bitterer Armut, heute sind es weniger als 2 Prozent. Was zwischendurch geschah: Der Staat wurde zunehmend aus der Wirtschaft zurückgedrängt, und dem Markt sowie dem Privateigentum wurden mehr Raum gegeben. Dieser Prozess ist freilich noch längst nicht zu Ende, und der Staat spielt immer noch eine große Rolle in China. Aber die Richtung stimmte eben in den letzten 30 Jahren. Ich hoffe für die Chinesen, dass sie diesen Weg weitergehen. Dann hat China noch ein großes Potenzial, wenn es immer kapitalistischer wird. Ich empfehle übrigens, zu diesem Thema unbedingt dieses Buch eines chinesischen Ökonomen zu lesen: The Logic of the Market: An Insider’s View of Chinese Economic Reform

Apollo:  Sie thematisieren in Ihrem Buch ja Versuche, den Sozialismus einerseits vermeintlich demokratisch als auch andererseits „mit der Brechstange“ einzuführen. Auf wirtschaftlicher Basis: Welches der beiden Konzepte ist eher realistisch? Anders gefragt: Kann man die wirtschaftliche Leistung in einer Planwirtschaft durch Zwang und Terror steigern?
ZT: Dass es kurzfristig möglich ist, die wirtschaftliche Leistung durch Zwang und Terror zu steigern, wie Sie schreiben, zeigt das abschreckende Beispiel der stalinistischen Sowjetunion. Der Preis für die Industrialisierung in der Sowjetunion unter Stalin waren Millionen Tote. In meinem Buch über Hitler zeige ich, dass Hitler Stalin gerade dafür bewunderte. Zunehmend wurde Hitler zu einem Bewunderer des sowjetischen Wirtschaftssystems, das nach seiner Meinung dem kapitalistischen System weit überlegen war. Aus den Aufzeichnungen von Wilhelm Scheidt, dem Adjudanten von Hitlers Beauftragtem für die Militärgeschichtsschreibung Scherff, wissen wir, dass Hitler immer stärker „die innere Verwandtschaft seines Systems mit dem so heiß bekämpften Bolschewismus“ erkannt und ausgesprochen habe. „Auch vor Stalin müsse man unbedingten Respekt haben“, erklärte Hitler im inneren Kreis, „seine Wirtschaftsplanung sei so umfassend, dass sie wohl nur von unseren Vierjahresplänen übertroffen werde“. Es stehe für ihn außer Zweifel, dass es in der UdSSR, im Gegensatz zu den kapitalistischen Staaten wie etwa den USA, Arbeitslose nicht gegeben habe.

Apollo:  Sie führen ja nun unzählige Beispiele an, so dass jedem eigentlich klar werden sollte: Das mit dem Sozialismus wird wohl nichts! Warum schließen sich, Ihrer Meinung nach, dann immer noch so viele gerade junge, gebildete Menschen dieser Utopie an?
ZT: Das ist in der Tat eine ganz entscheidende Frage. Eine kurze Antwort ist nicht möglich. Das längste und für mich wichtigste Kapitel meines Buches ist das 10. Kapitel: Warum Intellektuelle den Kapitalismus nicht mögen.

 
Apollo:  Nun gab es ja mit der Agenda 2010 auch kapitalistische Reformen in Deutschland. Doch wenn Jens Spahn diese dann verteidigt, wird er von großen Teilen der Öffentlichkeit als herzlos bezeichnet. Warum sind kapitalistische Reformen, trotz ihres Erfolges, so unbeliebt?
ZT: Die Schröderschen Reformen haben in der Tat viel Positives bewirkt. Aber die Linke wird immer, egal wie viele Menschen beispielsweise wieder in Arbeit kommen, wirkliche oder oft auch nur vermeintliche „soziale Ungerechtigkeiten“ finden, die sie als Beispiel für die Verwerflichkeit des Kapitalismus anführen. Der Trick dabei ist, dass zwar von „Gerechtigkeit“ gesprochen wird, aber in Wahrheit „Gleichheit“ gemeint ist.
 
Apollo:  Zuletzt noch eine Frage, die uns natürlich ganz besonders betrifft: Die Jugend. Sie schrieben auf Ihre Facebookseite, dass Sie beobachten, dass sich immer mehr junge Menschen dem Kapitalismus zuwenden. Meinen Sie, es gibt Chancen, dass die jetzt heranwachsende Generation zum marktwirtschaftlichen Gegenschlag ausholen könnte? Oder: Was könnte man tun, um die jetzige Jugend den 68ern sozusagen zu entreißen?
ZT: Sie leisten ja selbst einen Beitrag dazu. Oder jemand wie Charles Krüger mit seinen You-Tube-Beiträgen. Ich glaube, es gibt einen fast automatischen Reflex junger Menschen, sich gegen das zu richten, was ihnen die Eltern und Lehrer predigen. Daher bin ich ganz optimistisch, dass es gerade unter jungen Menschen eine Gegenbewegung zu 68 gibt. Ich hoffe nur, und darin sehe ich die eigentliche Gefahr, dass nicht ein linker Antikapitalismus durch einen rechten Antikapitalismus ersetzt wird. Weil ich diese Gefahr sehe, habe ich ja das Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ geschrieben.

APOLLO:
 Danke für das Interview!
P.S.: Kennst du schon Rainer Zitelmanns Facebookseite?

1 Antwort

  1. Donald sagt:

    Wow! So good! I’m impressed!

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