Wer ist der Miesepeter?

Von MICHAEL LUDWIG | Eintracht Frankfurt und die Hessische Polizei haben wiedermal das Kriegsbeil ausgegraben. Beide Parteien haben ein ambivalentes Verhältnis zueinander. Die medialen Wahrnehmungen unterscheiden sich auch erheblich. Während die Polizei stets in Kritik steht, ist Eintracht Frankfurt für die Euphorie in den hessischen Medien zuständig. Eintracht Frankfurt ist ein traditionsreicher Fußballverein. Im Laufe der Geschichte gewannen die Hessen mehrere große Titel, aber hatten bis 2018 eine lange Durststrecke, die stets mit Abstiegskämpfen geplagt war. Der Verein hat 67.500 Mitglieder und ist in den Fußballweiten bekannt für die herzhafte und atemberaubende Fankultur, die eine unfassbare Stimmung bei allen Spielen mit sich zieht. Die Sensation war der Gewinn des DFB-Pokals nach 30 Jahren gegen den FC Bayern München 2018.

Die hessische Polizei hingegen kann momentan eher nur Skandale aufweisen. Mutmaßliche Rechtsradikale bestimmen momentan die Medienpräsenz der hessischen Schutzmänner und -frauen. Der größte neuere Skandal ist die Neuauflage der Terrorzelle NSU, genannt NSU 2.0. Dort sind Beamte des 1. Polizeireviers Frankfurt in Morddrohungen gegenüber einer Anwältin und ihrer Tochter verwickelt. Der 18.03.2015 steht für eine sehr dunkle Stunde in der Frankfurter Nachkriegsgeschichte. An diesem Tag wurde die Europäische Zentralbank im Frankfurter Ostend eingeweiht. Linksradikale und Mitläufer zerlegten auf ihrem Kreuzzug Frankfurt vom Ostend bis in die Innenstadt. Sie Schulgen sämtliche Schaufenster (vor allem die der Banken waren sehr beliebt) und Haltestellen ein, sie steckten die Stadt regelrecht in Brand, darunter die Einsatzfahrzeuge des 1. Polizeireviers. Es waren bürgerkriegsähnliche Zustände. Eine beispiellose Gewalt suchte die Krönungsstadt am Main an diesem Tag heim. Später musste sich die hessische Polizei rechtfertigen und oftmals hieß es, die Polizei habe mit ihrer puren Präsenz diese Gewalt provoziert. Bei allen Missständen innerhalb der Polizei, das Bild ist stark verzerrt und die Polizei hat den Halt in der Gesellschaft verloren. Dies zeichnet sich nun exemplarisch in einem Skandal mit Eintracht Frankfurt ab.

Die Eintracht ist kein Unschuldslamm

Ich denke, jeder Frankfurter, wenn nicht gar ganz Hessen außer Offenbach, freute sich auf den Europapokal-Hammer Eintracht Frankfurt gegen den Champions League-Teilnehmer Schachtar Donezk. Sie müssen verstehen: Das, was bei der Eintracht an Erfolg passiert, gab es seit unzähligen Jahren nicht. Das ist wirklich etwas Besonderes. Ungefähr so wie der WM-Erfolg der Fußballnationalmannschaft 2014 in Brasilien. Doch leider weiß insgeheim jeder Frankfurter und vermutlich auch jeder, der die Bundesliga verfolgt, dass es bei der Eintracht gerne kracht. Nicht nur spielerisch, sondern pyrotechnisch im Stehblock und gerne auch mal außerhalb des Stadions mit gegnerischen Fans. Ja, die Eintracht ist kein Unschuldslamm. Sie fällt mehrmals in der Saison wegen Ausschreitungen auf. So toll und treu die Fans sind, so kreativ und liebevoll sie sein können, so dunkel ist aber auch die Geschichte einiger Gewalttäter unter ihnen. Das weiß auch der Verein. Er muss schließlich die Strafen für solche Vorkommnisse zahlen. Ähnlich ist es auch bei anderen Vereinen. Zum Beispiel beim Hamburger Sportverein.

Wenn der Peter spricht

Die Eintracht hat natürlich auch einen Präsidenten. Er hört auf den Namen Peter Fischer. Peter Fischer ist ein extrovertierter Mensch. Er hat Charisma, auf das man stehen muss, sonst nervt es. Alles in allem ist Peter ein sympathischer Kerl. Sämtliche positive Entwicklungen des Vereins gehen auch auf seine Kappe. Das möchte ich nicht abstreiten und das Lob steht ihm zu. Aber Sie müssten Peter Fischer schon kennen. Er war schon in den Nachrichten. Das ist gut ein Jahr her. Fischer kämpft nämlich gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus sowie gegen deren (Peters Ansicht nach) Verkörperung, der Alternativen für Deutschland. Er sagte einst: „Wer AfD wählt, kann kein Mitglied bei uns [Eintracht Frankfurt, Anm. d. Verf.] sein.“. Er sprach u.a. von „braune Brut“ und schäme sich für jene, die AfD wählten. Fischer eröffnete den Kampf um den Rechtsstaat und um die Demokratie. Die Achse berichtete bereits darüber hier. Jetzt fiel der Peter negativ auf. Jedenfalls dem Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill und Innenminister Beuth. Fischer sagte in einem Interview: „[…] Das Stadion muss brennen. Und, wenn ich sag’, dass das Stadion morgen brennt, dann brennt das morgen. Und zwar so, dass ihr kaputt geht, weil ihr viel zu viel Licht habt und deshalb wird das Spiel vielleicht ein bisschen neblig für euch.“

Nun, wie soll die Polizei darauf reagieren? Prävention wird immer verlangt, passiert etwas, heißt es oft: „Die Polizei sah es kommen, blieb aber untätig.“ Die Eintracht steht übrigens bei der UEFA auf Bewährung. Eben, weil dieser Verein bzw. seine Fans gerne mit Straftaten bei Spielen auffällig wurden. Fischer wusste in Vergangenheit auch oft eine Ausrede oder eine Relativierung für solche Vergehen. Beispielsweise schossen Eintracht-Anhänger mit Pyrotechnik auf Magdeburger Fans, auf die Ränge, auf denen Familien saßen. Und dann wählt ein Präsident eines Vereins mit solcher Vorgeschichte diese Worte? Schnell wurde relativiert. Fischer habe das nicht wörtlich gemeint, er meine die Stimmung, nicht echtes Feuer. Klar, ich sag auch immer: „Die Stimmung ist voll hell!“ oder „Die Stimmung ist voll neblig!“. Wer kennt es denn nicht? Schaut man sich die Kommentare unter dem Interviewvideo an, stellt man fest, dass nahezu KEINER Fischers Aussage auf die Stimmung bezog. Eigentlich war jedem klar, dass es sich um Pyrotechnik handelt.

Commerzbank-Arena als Rechtsfreier Raum

Das Waldstadion, bzw. die Commerzbank-Arena, ist ein rechtsfreier Raum. Das Stadion verfügt über Mittel, um jede einzelne Person zu identifizieren, die sich daneben benimmt. Gravierende Folgen bleiben aber aus. Nun kommt zu Fischers Aussage etwas Bedeutendes hinzu. Fans hissten ein Banner. Auf dem Banner war zu lesen: „Beuth, der Ficker fickt zurück“. Die Polizei ging in voller Montur in die Menge und entriss den Eintracht-Anhängern das „strafrechtlich relevante“ Banner. Daraufhin gab es wohl einige Adlerfans, die versuchten, das Banner gewaltsam zurückzuerobern. Das wiederum ließ sich die Polizei nicht gefallen und wehrte sich entsprechend.

Die Eintrachtler sind der Meinung, dass die Eintracht das Hausrecht hat und somit alle drei Gewalten für sich beanspruchen darf, womit die Polizei im Stadion nichts zu suchen hätte. Ähnlich sieht das auch der Vorstand des Vereins. Da Fischer seiner Aussage nun die „wahre Bedeutung“ verlieh und sich gegen Pyrotechnik aussprach, fehlte laut Eintracht Frankfurt die Rechtsgrundlage für eine derartige Durchsuchung. Die offizielle Stellungnahme des Vereins sieht ein rechtsstaatlich bedenkliches Vorgehen. Außerdem habe die Polizei sich nicht um die Einschätzung der Lage des Vereins gebeten. Welch fataler Fehler! Vielleicht sollte die Polizei in Mordfragen auch nach der Expertise Eintracht Frankfurts verlangen. Eine sehr naive Anmaßung des Vereins.

Der Staat verliert seine Autorität

Das Schlimme ist nicht, dass die Eintracht sich so selbstgefällig und weinerlich verhält. Nein, das Schlimme ist, dass der Fußball anscheinend wirklich ein rechtsfreier Raum ist. Der Staat schafft es nicht, sich gegen wildgewordene Fußballfans und selbst überschätze Vereine durchzusetzen. Die Polizei bittet nun duckmäuserisch um ein Dialog mit dem Verein. Sie möchte mit dem Verein besprechen, was alles hätte besser Ablaufen können, damit sich die „friedvollen“ Fans nicht provoziert fühlen. Das ist der falsche Weg. Die Polizei muss wieder Selbstbewusstsein aufbauen. Hessens Innenminister Beuth darf nicht einknicken. Das Betteln um einen Dialog ist ein falsches Signal. Die Polizei soll zu dem stehen, was sie als „strafrechtlich relevant“ sieht und zu den Maßnahmen, die sie für angemessen hält. Starkes, rechtsstaatlich-konformes und konsequentes Auftreten ist das, was die Polizei und ihre Beamte, die den Kopf hinhalten, brauchen. Das Signal der Medien sollte sein: Der Miesepeter ist Eintracht-Präsident Fischer und nicht Innenminister Beuth.