Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert alles

Von MAX ROLAND | Wenn aus dem „Weihnachtsmarkt“ der „Wintermarkt“ wird, dann regen sich einige Menschen auf. Aber warum? Es geht doch nur um Wörter. Um Begriffe. Es ist doch noch immer das Gleiche.

Machen wir einen Ausflug nach 1984. Nicht 34 Jahre zurück ins tatsächliche 1984, sondern in die Dystopie, die George Orwell in seinem viel zitierten Roman für das Jahr 1984 ausmalte. In „1984“ geht es um eine Gesellschaft, die durch eine Partei namens „Ingsoc“ und ihren Anführer, den „Big Brother“ kontrolliert wird. Wie kontrolliert Ingsoc die Menschen? Vor allem durch Sprache. In Orwells dystopischer Welt gelten eine Reihe von Sprachregelungen, die als „Neusprech“ bekannt sind. Sprache wird auf einfache, stumpfe Begriffe heruntergebrochen. Durch die Kontrolle der Sprache kontrolliert die Partei die Menschen. Zur Erläuterung des gesamten Szenarios ist hier kein Platz, deswegen verlinke ich hier ein englischsprachiges Video, was die Welt, die Orwell skizziert, sehr gut erklärt. Ich bin wahrscheinlich der X-te, der sich auf Orwell bezieht. Aber der Punkt, den Orwell macht, ist heute wichtiger denn je. In „1984“ kontrolliert der „Big Brother“ letztendlich die Gedanken der Menschen, weil er bestimmt, wie sie ausgedrückt werden können.

Wörter haben Bedeutung. Wörter oder Begriffe existieren, damit wir Dinge klar bestimmen können. Politische Begriffe bestimmen den Diskurs-und wer die Begriffe kontrolliert,kontrolliert die Debatte. So wird der Krieg in Afghanistan zur „Stabilisierungsmission“ oder etwas ähnlichem-klingt doch gar nicht so schlimm, oder? Menschen grundlos höher zu besteuern ist keine ungerechtfertige Maßnahme, sondern nur der „gerechte Beitrag“, der zu leisten ist. Gierig ist nicht der Staat, der nach dem Einkommen der Menschen greift, sondern der Mensch, der gegen die nächste Steuererhöhung ist. Jobs nach Geschlecht zu vergeben wird als Kampf gegen Sexismus verkauft. So wird aus Diskriminierung Antidiskriminierung, aus Ungerechtigkeit Gerechtigkeit. In „1984“ lauten die drei Slogans von „Ingsoc“: „War is Peace; Freedom is Slavery; Ignorance is strengh“ (Krieg ist Frieden; Freiheit ist Sklaverei; Ignoranz ist Stärke). Das Spiel mit den Begriffen wird Links wohl am besten beherrscht. Aus Ehrenmorden mit klarem kulturellen Grund werden „tragische Einzelfälle“, der Asylbewerber, der sich gegen seine Abschiebung wehrt, ist „das eine schwarze Schaf“. Aus illegal eingewanderten Analphabeten werden „Fachkräfte“, während die wahren Fachkräfte überall hingehen, nur nicht nach Deutschland. Aus archaischen Frauenbildern werden „kulturelle Eigenheiten“. Das Spiel mit den Begriffen lässt sich auch Rückwirkend spielen: So sind die türkischen Gastarbeiter „Die, die unser Land aufgebaut haben“-obwohl das Gastarbeiterabkommen erst abgeschlossen wurde, als es der Bundesrepublik so gut ging, dass man die türkischen Arbeiter brauchte, um die ganzen leeren Arbeitsplätze zu füllen. Trotzdem glauben viele, die türkischen Gastarbeiter hätten Deutschland aufgebaut. So wird ein neues Narrativ geschaffen-eines, was zwar nicht stimmt, aber schon die Nazis haben erkannt: Erzähle eine Lüge oft genug und sie wird zur Wahrheit.

Die Begrenzung der Sprache ist die Begrenzung der Gedanken. In „1984“ gibt es wenige Dissidenten, weil die Ausdrücke fehlen, Gegenentwürfe zur Ingsoc-Ideologie zu formulieren. Die Begriffe des politischen Gegners werden schlichtweg vernichtet. Eine Parallele zur „Hatespeech“-Hysterie ist schon erkennbar, oder? Wer einschränkt, was Menschen sagen dürfen, schränkt am Ende ein, was Menschen denken können. Ich will es mit den Worten des kanadischen Professors Dr. Jordan Peterson sagen, der auf die Frage, warum die Redefreiheit über dem Recht eines Menschen steht, nicht beleidigt, nicht angegriffen zu werden:

 

„Um frei denken zu können, muss man riskieren, die Gefühle anderer Leute zu verletzen. Gucken Sie auf die Unterhaltung, die wir gerade führen-Sie sind gewillt, meine Gefühle auf der Suche nach der Wahrheit zu verletzen. Warum sollten sie das dürfen? Es ist nämlich unangenehm (…) Sie verstehen, was ich sage, oder? Sie tun, was sie tun sollten, sie graben ein wenig, um herauszufinden, was genau los ist, sie nutzen ihr Recht der freien Rede, und riskieren dabei, mich zu verletzen. Und das ist, was sie tun sollten!“

So riskieren wir am Ende auch den Fortschritt, denn: Fortschritt ist ein andauernder Prozess. Er ist unvorhersehbar, und wir können nur experimentieren. Die Gesellschaft muss immer wieder entscheiden, welchen Weg sie einschlagen will, welcher Weg wohl zum gewünschten Fortschritt führt. Fortschritt bedeutet immer neue Ideen, neue Konzepte. Wenn wir das Feld der Möglichkeiten einschränken, indem wir das Feld der Ideen einschränken, so schränken wir vielleicht den Fortschritt ein.

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