Neue Iran-Krise: Von Angriffen und Doppelstandards

Der Iranische Präsident Hassan Rouhani.
Foto: Hosseinronaghi |CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons, eigene Bearbeitung

Von Max Zimmer | Die größte Ölanlage der Welt in Saudi-Arabien wurde attackiert, sehr wahrscheinlich von Drohnen und/oder Raketen. Bild- und Luftaufnahmen zeigen die Ausmaße der Zerstörung, Experten rechnen für einen Teilausfall von mehreren Tagen, eher Wochen.  Die Folge: heftige wirtschaftliche Einbußen für Saudi-Arabien, ein Anstieg der Ölpreise sogar international. Das zeigt eindeutig: es handelt sich hierbei nicht um ein Scharmützel, das war kein Symbol-Angriff wir vor wenigen Monaten bereits eine Drohne saudische Förderanlagen mehr oder weniger folgenlos attackierte. Nein, cas hier war eine umfangreiche und gut geplante Aktion, ein Angriff in das Herz der saudischen Wirtschaft und auf die internationale Preisstabilität des Öls, von der nicht zuletzt auch westliche Industriestaaten abhängen.

Zwar bekannten sich die jemenitischen Houthi-Rebellen zu dem Angriff, die Ausführung und Auswirkungen lassen jedoch nicht auf eine vergleichsweise kleine Terrormiliz schließen. Die Lage der Raffinerie im Nordosten des Landes am persischen Golf, weit näher am irakischen und iranischen Luftraum, als an der mehrere hundert Kilometer entfernten Grenze zum Jemen, sowie die militärische Präzision und Professionalität des Angriffs lassen darauf schließen, dass der Iran bzw. seine Revolutionsgarden in die Attacke involviert sind, entweder direkt vom Iran oder von irakischem Boden aus. 

Aktuell werten die USA und Saudi-Arabien den Angriff noch aus, Beweise für eine Verantwortlichkeit des Iran gibt es folglich noch nicht, genau so wenig kann zum jetzigen Zeitpunkt aber auch die Darstellung vom Huuthi-Anschlag nicht bestätigt werden. Involviert ist das Mullah-Regime in jedem Fall, da auch die Houthis eine vom Iran unterstützte und finanzierte Terrorgruppe sind, die einen Stellvertreterkrieg gegen Saudi-Arabien führen. Ihr Equipment erhält oder finanziert sie direkt über den Iran.  Folglich muss sich der Iran so oder so für den Angriff auf ein souveränes Staatsgebiet verantworten, zumal die direkte Einbindung iranischer Truppen wesentlich wahrscheinlicher ist, als ein Angriff durch die weit entfernten Houthis.Sollten sich die Vorwürfe als fundiert herausstellten, ist ein neues Niveau in dem Konflikt erreicht, in dem der Iran sich bereits direkte Angriffe auf seine Gegner erlauben kann, ohne Konsequenzen zu erleben. 

In Syrien wehrt Israel seit Jahren ein Anpirschen iranischer Truppen und Milizen an die eigene Grenze ab, genau so wie die Terrortunnel, die die vom Iran finanzierte Hisbollah regelmäßig buddelt. Tehran führt einen Stellvertreterkrieg gegen Saudi-Arabien im Jemen,  unterstützt anti-westliche Kräfte im Irak. Im persischen Golf attackieren iranische Revolutionsgarden westliche Öltanker, und schießen US-Aufklärungsflugzeuge ab, ohne auf härtere Reaktionen zu stoßen. Selbst am Atomabkommen hält die EU, allen voran der deutsche Außenminister Maas, weiterhin fest, ein Abkommen, welches den Iran erwiesenermaßen bei seiner Terrorfinanzierung und Entwicklung von Raketen schützt. Wenn sich der Iran jetzt, als letzte mögliche Steigerung jener Dreistigkeiten, noch die Bombardierung fremder Staaten, mit denen es sich nicht im Krieg befindet heraus nimmt, ist eine Linie klar überschritten. 

Man mag von dem saudischen Regime halten, was man will.  Ja, Saudi-Arabien ist ein wahabitischer Gottesstaat, indem täglich Menschenrechtsverletzungen begangen werden, und der auf lange Sicht den westlichen Werten genau so zuwiderläuft, wie sein geopolitischer Konkurrent, der Iran. Aktuell ist es jedoch nicht Saudi-Arabien, das die absolute Dominanz über den Nahen Osten, sowie die Zerstörung Israels anstrebt.  Im Gegenteil: es ist Saudi-Arabien, das strategisch seit Jahrzenten mit den USA zusammenarbeitet, und sich außenpolitisch immer mehr von der arabischen Erbfeinschaft mit Israel zu distanzieren scheint. Saudi-Arabien ist ein Land, das viele Fehler aufweist, aber mit dem man verhandeln und kooperieren kann.  Das revolutionäre und islamistische Selbstverständnis des Iran jedoch, der den schiitischen Radikalismus seit 1979 in den Nahen Osten getragen, und den Israel-Palästina Konflikt seitdem immer wieder bewusst angeheizt hat, stellt einen von Grund auf anti-westlichen und antizionistischen Gegenpol da, der auch aufgrund der militärischen Stärke des Iran aktuell die größere sicherheitspolitische Bedrohung ist.

Wer also nun die Angriffe auf Saudi-Arabien klein redet, vertuscht oder gar rechtfertigen will, der muss sich klar machen, dass Saudi-Arabien genau so eine souveräne Nation mit Recht auf Selbstverteidigung ist, wie der Iran. 

Wer den Iran in Schutz nimmt, und im Falle eines saudischen Drohnenangriffs auf iranische Ölfelder mit Protestschildern vor die US-Botschaft gezogen wäre, muss seinen Doppelstandard hinterfragen, jetzt wo es umgekehrt ist.