Vom Holocaust zum Moralimperialismus – Deutschland und die Erinnerungskultur

MEHR LUFT! Die Kolumne von Chefredakteur Air Tuerkis

Es gibt viele Rätsel in der menschlichen Geschichte: Warum stoppte Hitler seine Truppen vor Dünkirchen? Warum wurde der Mauerfall verkündet, obwohl er weder beschlossen noch geplant war? Aber auch: Warum öffnete Merkel 2015 entgegen der Gesetzeslage die Grenzen?
Solche Anlässe sind häufig der Ausgangspunkt für Verschwörungstheorien über Geheimbünde, Freimaurer oder aktuell über Atlantikbrücke und Soros.
Ich hänge eher dem englischen „Hanlon’s Razor“-Grundsatz an: „Never attribute to malice that which can be adequately explained by stupidity“ – Schreibe nicht der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist. 
Bisweilen reicht aber auch das Unvermögen als Erklärung nicht aus. Manche geschichtlichen Ereignisse, die nicht ohne Weiteres kausal zu erklären sind, haben Ursachen in Mentalitäten und Gefühlslagen der beteiligten Menschen. Anders ist es beispielsweise nicht zu erklären, warum zig tausende Menschen im Mittelalter ins gelobte Land zogen, um sich abmetzeln zu lassen? Warum verfielen tausende Menschen beider Konfessionen in Mitteleuropa plötzlich der Idee, Hexen zu verbrennen? Warum wählten die Deutschen 1933 in so großer Zahl NSDAP?

Eines dieser seltsamen Phänomene ist die expandierende Verbreitung von Antiamerikanismus und „Antizionismus“ in Deutschland. Egal in welches Lager man schaut, man findet 1000 verschiedene Gründe für ein und die selbe Geisteshaltung: die Ablehnung der USA und Israels. Nun ist es ja nicht so, dass es keine rationalen Argumente gegen die USA oder gegen Israel geben kann und beide Länder alles richtig machen würden. Trotzdem stehen Hass und Verachtung ihnen gegenüber in keinem Verhältnis zur Realität. Es gibt eine gigantische Protestbewegung für die „Freiheit“ Palästinas, aber selbst wenn alle Behauptungen von Brunnenvergiftung bis Völkermord stimmen würden, so gibt es nicht im Ansatz ein ähnliches Engagement für die defacto und in jedem Falle viel schlimmer unterdrückten Menschen in Nordkorea, im Iran, in Tibet und in großen Teilen Afrikas. Und eigentlich müsste man als Deutscher, nach der Shoa, eher mehr Sympathien gegenüber Israel empfinden, als es die Realität einem aufzwingt.
Noch drastischer wird es beim Thema USA: Ressentiments gegen Amerika sind stark und weit verbreitet. So glaubt fast jeder vierte Deutsche an antiamerikanische Verschwörungstheorien im Bezug auf 9/111. Jeder 10. Deutsche ist der Meinung, der US-Imperialismus wäre die eigentliche Gefahr für den Weltfrieden3.
Aber gerade wir Deutschen sollten uns doch zurück erinnern, wer uns von den Nazis befreit, wer uns vor der Sowjetunion beschützt und wer Westberlin durch eine Luftbrücke am Leben gehalten hat. Auch hier wäre eine verständnisvolle Grundhaltung für Deutsche eher naheliegend.
Eine in ähnlicher Linie liegende, seltsam anmutende Geisteshaltung ist jene, welche in rechten Kreisen stets als „Gutmenschentum“ bezeichnet und verachtet wird. Nun ist ja eigentlich nichts Schlechtes daran, ein „guter Mensch“ sein zu wollen. Und sich als ehrenamtliche Helfer für Flüchtlinge zu betätigen, ist doch im Allgemeinen eine „gute“ bzw. gutherzige Handlung. Problematisch wird es allerdings, weil in Deutschland das Gut-Sein in keinem Verhältnis mehr zur Realität steht, und die Taten, die im Namen „des Guten“ vollbracht werden, nicht mehr im Einklang mit der Wirklichkeit stehen. Wir Deutschen sind ganz vorne bei diesen Themen: Egal ob vollkommen irrwitzige, unrealistische und höchst schädliche Klimaziele gnadenlos voran getrieben werden, ob die Grenze für eine unbegrenzte Anzahl kaum einschätzbarer Migranten geöffnet oder Griechenland (und demnächst Italien) mit immensen Mitteln „gerettet“ wird, man lechzt nahezu danach, sich vor die Kameras zu stellen und zu sagen: „Seht her ich bin Deutscher, ich bin ein guter Mensch“. Gleichzeitig werden unsere westlichen Partner immer öfter für das Ausbleiben dieser „guten“ Handlungen kritisiert: Die dummen Briten steigen aus der EU aus – seht her, wir stehen für ein vereintes Europa und also für Frieden; die dummen Amerikaner – wie können sie einen Trump wählen? Hier in Deutschland wollen wir Grenzen einreißen statt sie aufzubauen. Selbstherrlich inszeniert sich Merkel als „Führerin der freien Welt“ und deutsche Medien zeichnen oft ein Bild von Deutschland als letztem Ritter der guten Sache.
Die Bundesregierung kritisiert Israel in überheblicher Weise für seine Siedlungspolitik und erhebt sich damit zu einer moralischen Instanz. Neben einem Helden gibt es nur Bösewichte: So sind es heutzutage eben gerade die Juden, die doch nicht die bloßen Unschuldslämmer sind, und gerade die Amerikaner, die uns nicht befreit haben, sondern lediglich eine imperialistische Selbstnutzenpolitik betrieben haben.
Wir sind nicht trotz des Holocaustes Israel- und USA-kritisch, wie viele Linke und leider auch Rechte behaupten, wir sind es gerade deswegen. Henryk M. Broders „Die Deutschen werden den Juden Ausschwitz nie verzeihen“  bringt es auf den Punkt.

Ich glaube hinter all diesen Haltungen lässt sich etwas Tieferes finden: Das alles ist Ausdruck eines neuen, mehrfach gewendeten und umgefärbten, doch im Kern erscheckend gleichgebliebenen übersteigerten Nationalismus.
Man hat das Gefühl, wir Deutschen wollten endlich zeigen, dass wir doch nicht so böse, doch nicht so schlecht sind, wie es der Holocaust vermuten ließe, dass wir aus unseren Fehlern gelernt haben. Nun sind selbst die Grünen stolz auf das neue Deutschland mit seiner Erinnerungskultur2. Das könnte einen zwar freuen angesichts der ansonsten antideutschen Tendenzen dieser Partei. Andererseits erscheint es doch höchst befremdlich.
Wir pflanzen in unsere Hauptstadt über tausende Quadratmeter ein Holocaust-Mahnmal das in irgendeiner Weise schon wieder an Gigantismus krankt und an die Statuen erinnert, die sich Absolutisten vergangener Tage selbst zu Ehren bauen ließen. Die hunderten Gedenkveranstaltungen sind zweifellos nicht schlecht, doch viele haben, auch wenn das Gegenteil immer wieder behauptet wird, etwas befremdlich Uneinsichtiges, wenig Selbstkritisches an sich. Denn sie sprechen nur von der Schuld unserer Vorfahren (mit denen wir nichts, aber auch gar nichts zu tun haben), während wir die vollumfänglich Unschuldigen sind, die auch niemals schuldig werden können. Dies geht so weit, dass wir uns nicht nur von Goebbels, Himmler & Co. , sondern auch von Bismarck, Luther und Karl dem Großen distanzieren – bis zu Hermann dem Cherusker zurück stammen wir Deutschen von Faschisten ab.

Während sich die Linken nun reinwaschen, indem sie ihre Vorväter denunzieren, machen es sich viele Rechten noch etwas einfacher. Ein Bild, welches vor ca. einem Jahr in den sozialen Medien kursierte, brachte es phänomenal einfach auf den Punkt: „Ich bin nach ’45 geboren und schulde der Welt einen SCHEISS“. Dieses Bild kommt gerade von der Seite, die immerzu vom deutschen Volk, von der deutschen Mentalität und von deutscher Tradition und Geschichte spricht. Aber dass der Holocaust auch zur Deutschen Geschichte und deutschen Tradition zählt, und wir, sofern wir stolz auf andere Teile der Geschichte Deutschlands sein wollen, uns zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust verpflichtet fühlen sollten, sollte selbstverständlich sein.

Doch es ist nicht nur so, dass die Holocaustdebatte umgangen oder schnell beiseite gelegt wird, so wie es jene taten, die damals schon gelebt haben. Von diesen hieß es „Ja, wir waren Schuld, aber lasst uns bitte von etwas anderem reden“. Heute wird die Verweigerung der Einsicht – von allen politischen Seiten – aber geradezu stolz hervorgehoben und mit so einer Aggressivität ausgesprochen, dass es sich nicht mehr um ein rotanlaufendes Kind handelt, das etwas angestellt hat und nun alles tut, um auf ein anderes Thema zu kommen, sondern vielmehr um eine vehemente Gegenbewegung. Das Kind schreit seine Eltern an und versucht die Schuld auf andere umzulenken, spricht Vergehen anderer an, um von den eigenen abzulenken. Die neuen Generationen verweigern sich der Holocaust-Verarbeitung, denn die jetzige Erinnerungskultur ist einzig und allein auf die Schuld voriger Generationen, also auf die der „Anderen“ beschränkt. Warum wir dann überhaupt noch von Schuld sprechen, ist schleierhaft – wir haben doch nichts damit zu tun? Genauso gut könnten die Engländer Holocaust-Mahnmale bauen!

Es wurde eben nie wirklich verarbeitet, was damals geschah. Bis 1945 waren alle Deutschen offiziell – bis auf einige wenige Helden wie dem Kreisauer Kreis – Faschisten, am Tage der Kapitulation war es niemand mehr. Die Siegermächte betrieben Aufklärung und auch eine einigermaßen strikte Entnazifizierungspolitik, doch man konnte kein ganzes Volk einsperren – das ist klar. Alle Deutschen lernten von nun an (im Prinzip auswendig), dass Deutschland schuld war. Andere Meinungen wurden – und werden bis heute – verboten.

Im ganzen Prozess fand aber nie ein Umdenk-, ein Nachdenkprozess statt, man setzte sich nicht mit den Ursachen und Gründen, der tatsächlichen Schuld oder Unschuld auseinander. Und sobald eine neue Generation herangewachsen war und man keinen direkten Schuldbezug zu einzelnen Menschen mehr herstellen konnte, kam mit `68 die erste große Bewegung, in der man sich von den Elterngenerationen vehement lossagte, um fürderhin den Holocaust vergessen zu können.
Die weiteren Gedenkveranstaltungen waren eine Art Zusatzgeschenk an die Welt, um zu zeigen, wie gute Absichten man doch hatte. Es fehlt das Verständnis, warum ’33 passiert ist. Für die Linken sind die damaligen Menschen schlechtweg Monster, denen der Holocaust im Blut lag. Dass die Deutschen aber wenige Jahre zuvor Menschen wie wir waren, das ist außerhalb des Horizontes der 68er. Doch wenn wir als Volk innerhalb weniger Jahre alle Zivilisation und alle Bürgerlichkeit verlieren können, warum sollte sich die Geschichte nicht wiederholen?

Wenn man den nationalsozialistischen Zivilisationszusammenbruch betrachtet, fällt einem auf, dass die Säulen, auf die Hitler sich stützte, immer noch da sind: Die Bereitschaft der Deutschen, sich der Obrigkeit unterzuordnen, sich in die totale Gemeinschaft einzureihen, Außenseiter auszugrenzen, der Antisemitismus, der damit verwandte Glaube an die Verschwörung der Wirtschaftselite gegen das einfache Volk, sowie die Hoffnung auf die Lösung der sozialen Frage durch das endgültige Aufgehen des Individuums in der Gemeinschaft!

Die Deutschen folgen der Regierung Merkel und den Institutionen des Mainstreams ohne nachzudenken. Auch wenn man in wichtigen Themenbereichen (z.B. Euro-Rettung, Flüchtlingskrise etc.) mehrheitlich anderer Meinung wäre – Infragestellen kommt nicht in Frage! Andersdenkende werden von Antifa-Schlägertrupps gejagt, von den Medien verunglimpft und im Job und bei der Wohnungssuche benachteiligt. Der Antisemitismus wird zusehends populärer, und dass Rothschilds und Freimaurer die Welt beherrschen, ist längst wieder gesellschaftsfähig. Die Idee, man könnte soziale Ungleichheit durch Enteignung einiger Weniger reicher „Verbrecher“ beheben, ist so verbreitet wie lange nicht mehr.

Was uns zu der Frage bringt: Warum immer wieder allen voran wir Deutschen? Der plausibelste Erklärungsansatz ist unser gekränkter Nationalstolz. Ein vereintes Deutschland gab es nie. Und als das langersehnte, endlich gegründete Vaterland nach nur knapp 50 Jahren 1919 mit dem Versailler Vertrag wieder zerstört wurde, da sprach ein Hitler, der durch die Einheit Deutschlands endlich alles zum Besten wenden wollte, den Deutschen natürlich aus der Seele.

Und da unser Nationalgefühl durch den Holocaust wieder so extrem gekränkt ist, ist es kein Wunder, dass das gleiche Verlangen nach einem neuen stärkeren und allen überlegenen Deutschland wieder erwacht! Dieses neue starke überlegene Deutschland ist das Deutschland, welches allen anderen Ländern um Jahrhunderte voraus ist und jeden moralisch belehren kann – Merkel führt uns zur Weltspitze!
Da sich aber niemand damit auseinandersetzte, wie Deutschland damals gekippt ist, so ist kaum jemand in der Lage zu verstehen, dass der Faschismus heute (oder wie man das worauf sich Deutschland aktuell zubewegt auch nennen mag) auf Haltungen aufbaut, die man in ganz antifaschistischer Rhetorik „Antikapitalismus“, „Antizionismus“, „antirechts“, „antideutsch“ und „Antiegoismus“ nennt.
Churchill hat es vor über 50 Jahren bereits gesagt: Die neuen Faschisten kommen und nennen sich Antifaschisten.

Das letzte Bollwerk kann und konnte niemals der rote Frontkämpferbund sein sondern nur ein patriotisches Bürgertum, das dem Verfall der Zivilisation und der Barbarisierung der Gesellschaft entgegentritt und die abendländische Kultur der Rechtsstaatlichkeit und individuellen Freiheit verteidigt!

1: http://www.sueddeutsche.de/politik/internationale-umfrage-wer-ist-schuld-an–1.690678

2: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2018/kw08-de-rechtsextreme-angriffe/544012

3: http://www.deutschlandfunk.de/studie-zum-antiamerikanismus-fast-jeder-zehnte-deutsche.1310.de.html?dram:article_id=361144

1 Antwort

  1. caruso sagt:

    Obwohl ich Deine Großmutter sein könnte, denke ich so ziemlich genau das gleiche. Aber zuerst will ich Dir vom Herzen gratulieren zum Artikel auf der achse. Ganz prima! finde ich. So weiter!! – Also, was geschah, warum geschah was geschehen ist, wurde nie wirklich aufgearbeitet. Das ist eine Feststellung, keine Anklage. Zahlen, Daten zu lernen, einem „erhobenen Zeigefinger“ zuhören ist keine Aufarbeitung. Man müßte die Quelle(n) oder die Wurzeln suchen und finden, warum das möglich wurde, was dann geschah. Das wurde versäumt. Kein Wunder, denn welche Nation hatte je darin Erfahrung eine solche Geschichte aufzuarbeiten?
    lg
    caruso

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