Team Deutschland, Coca-Cola und die Weihnachtsgeschichte

Von Michal Kornblum | Für mich ist die Weihnachtszeit die friedvollste Zeit des Jahres. Als Teil der nicht-weihnachtenfeiernden Minderheit in Deutschland komme ich zwar in den Genuss der weihnachtlichen Atmosphäre, aber der jährliche Stress mit Dutzenden von Geschenken, nervenaufreibenden Besuchen bei verbohrten Verwandten und anderen weihnachtlichen Katastrophen bleiben mir erspart. Ich nehme die angenehme Rolle des Beobachters in diesem hektischen Treiben ein und freue mich über die alljährlich wiederkehrenden Weihnachtsfilme, die zu schauen es in meiner Familie schon Tradition geworden ist. Alle Jahre wieder gibt es auch die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, eine Mischung aus Motivationsrede eines Fußballcoaches nach Saisonabschluss und psychotherapeutischem Appell an eine Selbsthilfegruppe. Also hielt Herr Steinmeier seine Weihnachtsansprache auch in diesem Jahr ans Team Deutschland.

Zunächst konstatiert unser Bundespräsident, dass Deutschland gespalten ist. Aber wie schaffen wir es „aus Reibung wieder zu Respekt“ von „Dauerempörung wieder zu Streitkultur“ und von „Gegensätzen wieder zu Zusammenhalt“ zu gelangen? Darauf kann der Bundespräsident keine Antwort geben, „denn die Antwort geben Sie. Sie alle.“ Abgesehen vom Mantracharakter dieser Plattitüde ist es irgendwie zynisch, dass eine politische Person die Verantwortung für Deutschlands gesellschaftliche Gräben nun an das Volk weitergibt, waren es doch politische Entscheidungen oder Nichtentscheidungen, die diese Gräben vertieft haben.

Der Synagogentür von Halle wurde von Herrn Steinmeier als Metapher für die deutsche Gesellschaft verwendet, ob wir es schaffen trotz erheblicher Einschüsse „stark und wehrhaft“ zu bleiben. „Sie steht auch für uns.“, sagt unser Bundespräsident. Solche Sätze haben nichts mit Solidarität zu tun, sondern mit rhetorisch schönen Gleichnissen, die ebenso substanzlos wie frech sind. Der Anschlag in Halle war kein Anschlag „auf uns alle“ und am wenigsten ein Anschlag auf Herrn Steinmeier persönlich, sondern ein Anschlag auf die jüdische Gemeinschaft von Halle. Es wirkt unglaubwürdig, wenn Personen wie unser Bundespräsident mit ihren Leibwächtern, Polizeischutz und umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen solche Floskeln verwenden, wohlwissend, dass ein Terrorist nicht einmal in deren Nähe käme.

Doch dann kam ein Satz, der mich wirklich stutzig gemacht hat: „Sie stehen auf und halten dagegen, wenn im Bus Schwächere angepöbelt werden…“. Da ich mir zunächst keinen Reim darauf machen konnte, wen Herr Steinmeier mit „Schwächere“ meinte, habe ich mal gegoogelt, wer 2019 durch Pöbelattacken Schlagzeilen gemacht hat. Nach meiner Recherche würde ich Herrn Steinmeier gerne fragen, ob er nun konkret Frauen, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle oder Juden mit „Schwächeren“ meint. Ist da seinen Redenschreibern etwa ein Fehler unterlaufen ? Noch im November 2019 zeigte sich Herr Steinmeier bei der Hochschulrektorenkonferenz in Hamburg als starker Verfechter der politischen Korrektheit und im Sommer prangerte er zum Tod von Lübcke die „Verrohung der Sprache“ als ersten Schritt in Richtung Straftat an. Nun wäre ich die Letzte, die sich an einem fehlenden „*innen“ stören würde, aber unsere Wortwahl ist das Ergebnis unserer Denkprozesse. Wenn Herr Steinmeier, also von „Schwächeren“ spricht, dann muss es in seinen Gedanken auch „Stärkere“ geben. Sind dies dann die Pöbler oder bloß Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft? Der Duden erklärt „schwächer“ mit „unterlegen, nicht ebenbürtig und nicht gleichwertig“. Während diese Synonyme vermutlich schon ganze Legionen von Beauftragten aller Manier mobilisiert hätten, scheinen wir „schwächer“ hinzunehmen. Ich persönlich empfinde das Wort „schwach“ als negativ konnotiert, wie in „schwaches Geschlecht“ oder „schwacher Kaffee“. Herr Steinmeier meint, so hoffe ich jedenfalls, Zivilcourage, ein Fremdwort für viele Deutsche.

Jedoch offenbarte er leider, dass bestimmte Gruppen in seinem Denkmuster als schwach markiert sind. Dabei reicht es mir, zu Frauen und Juden zu gehören, und ich muss nicht auch noch bei den „Schwächeren“ sein.

Steinmeier lobt im folgenden Text das Engagement der Bürger und erklärt: „Und weil das so ist, verbindet uns eben viel, viel mehr als uns trennt.“ Falls Ihnen dieser Spruch irgendwie bekannt vorkommt, liegen Sie richtig. Es ist fast wortwörtlich der Werbeslogan „Uns verbindet mehr, als uns trennt“ von Coca-Cola, der in diesem Jahr mit Willkommenskultur beim Weihnachtsmann mit Migrationshintergrund punkten will. Hat ein Redenschreiber von Herrn Steinmeier etwa einen Nebenjob bei Coca-Cola, oder ist schlicht und ergreifend abgekupfert worden? Originalität geht anders!

Zum Ende der Weihnachtsansprache kommt wieder das motivierende Wesen des Fußballcoaches durch. Die Demokratie brauche uns, aber der Herr Bundespräsident weiss als guter Trainer: „ Alles das steckt in uns, steckt in Ihnen, steckt in dieser gesamten Gesellschaft. Und deshalb glaube ich an uns. Deshalb glaube ich an dieses Land.“ Das heißt übersetzt wohl so viel wie: Leute, das ist nicht meine sondern eure Kollektivverantwortung. Ich glaube an euch, dass ihr alles wieder gerade biegt, und sollte Team Deutschland in die Regionalliga absteigen, seid ihr schuld , denn ich habe an euch geglaubt.

Als krönenden Abschluss gibt Herr Steinmeier noch einige biblische Worte mit auf den Weg: „Fürchtet euch nicht!“. Was würde Greta wohl dazu sagen? Immerhin prägte sie den Kampfslogan der FFF „I want you to panic!“.

Dabei berechtigt die Situation in Deutschland dazu, sich immer häufiger zu fürchten. Und wenn ich als Jüdin Herrn Steinmeier bei seinem Zitat aus der Weihnachtsgeschichte korrigieren darf, so heißt es im Lukasevangelium „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll…“. Welche Freude verkündet uns Herr Steinmeier? Tja, da ist ihm wohl selber nichts mehr eingefallen, so dass das Ausrufezeichen herhalten musste!

In wünsche allen besinnliche Weihnachtstage oder Chanukka sameach, Zeit mit der Familie und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

3 Antworten

  1. Der wievielte Kommentar zu dieser unsäglichen Ansprache!? Aber die Kommentare werden immer besser. Glückwunsch!

  2. karlchen sagt:

    Die dummdreiste, bräsige Selbstgefälligkeit des Herrn Steinmeier ist kaum zu ertragen – und die Synagogentür steht ganz sicher nicht für diesen Heuchler, der Glückwünsche in einen Staat schickt, der Israel vernichten will, aber von „Wehret den Anfängen“ labert… Ekelhaft.

  3. Andrés Ramos sagt:

    Ein Spitzenbeitrag! Ich hatte den Artikel über Steinmeiers Ansprache auch selbst schon gelesen und mir einen Gegenkommentar überlegt, aber dieser Beitrag ist sooo viel besser! Danke dafür!