Tag der Befreiung? Nicht für alle

Von Max Zimmer | Heute ist der 8. Mai. Vor 74 Jahren brach der letzte verbliebene Rest des NS-Regimes mit der bedingungslosen Kapitulation zusammen. An diesem Tag wurde Europa von der Pest des Nationalsozialismus befreit, und atmete nach 6 Jahren Krieg erleichtert auf.

Das ist die zweifellos schöne Geschichte jenen Tages, aber sie ist nicht ganz komplett. Westeuropa und Westdeutschland wurden befreit, und standen unter der Kontrolle demokratischer, freier Nationen.

In Osteuropa gab es nichts dergleichen. 

Der sowjetische Diktator Stalin, der bereits vor Beginn des Krieges grausame Säuberungen in seinem Land durchgeführt, und Millionen von Menschen in den berüchtigten Gulags (kommunistische Konzentrationslager) ermordet hat, hatte nun direkte Kontrolle über die Hälfte Deutschlands und Europas. 

Jedes Land, das von der roten Armee besetzt war, erhielt aus Moskau gelenkte Marionettenregime. An freie Wahlen war gar nicht zu denken. Die Exilkommunisten der Osteuropäischen Länder, und auch der Vorkriegs-KPD in Deutschland wurden direkt nach Kriegsende eingeflogen, um die neuen kommunistischen Regime zu bilden. 

Von Berlin bis Budapest, von Warschau bis Prag gab es keine Freiheit von Presse, Meinung und Rundfunk, bekannte Demokraten und Antikommunisten wurden teilweise in die selben Lager interniert, die zuvor von den Nationalsozialisten betrieben wurden, oppositionelle Zeitungen wurden zerschlagen, und rote Schlägertrupps gingen wie 12 Jahre zuvor die Braunhemden der SA auf Andersdenkende los. Im Osten kam man vom Regen in die Traufe – der 8. Mai war hier kein Tag der Befreiung, sondern ein Tag des Wechsels von Braun zu Rot. Das brutale NS-Regime wurde durch ein brutales kommunistisches Regime ersetzt.

Die Zyniker des SED Regimes führten zwar später den offiziellen “Tag der Befreiung“ am 8. Mai ein, folterten in den Kellern der Stasi jedoch weiter – im Namen des Antifaschismus. Aufstände in der DDR, in Polen, Ungarn oder Tschechien wurden von sowjetischen Panzern niedergeschlagen, gegen jeglichen Widerstand wurde Brutalität vorgegangen. Während in Westeuropa demokratische und marktwirtschaftliche Staaten stark und frei aus den Trümmern des Krieges hervortraten, existierte das autoritäre Sowjetsystem im Osten vor sich hin, sozialistisches Elend und politische Unterdrückung waren an der Tagesordnung.

Wenn Westdeutsche von Befreiung sprachen, meinten sie damit freie Wahlen, soziale Marktwirtschaft, wirtschaftlichen Wohlstand und westliche Einheit. Wenn in der DDR vom “Tag der Befreiung“ die Rede war, bedeutete dies militärische Aufmärsche, stalinistische Verehrungsorgien, ideologisch durchseuchte Parteiansprachen, und die Beschwörung der “antifaschistischen Klassenpolitik“, mit der nichts anderes gemeint war, als die radikale Bekämpfung alternativer Wirtschaftssysteme wie der Marktwirtschaft.

Die “Befreiung“ durch die rote Armee im Osten brachte nicht nur Sozialismus und Diktatur, sondern auch von oben legitimierte Gewaltorgien an der deutschen Zivilbevölkerung. So schätzt man heute die Zahl der deutschen Todesopfer in den, von der UdSSR eroberten Gebieten auf etwa 2,5 Millionen Zivilisten, in Folge von Mord, Vergewaltigung, Hunger oder Erschöpfung. In der DDR war es illegal, über die Verbrechen der roten Armee zu sprechen. Ihre bloße Existenz wurde vom Regime geleugnet, und selbst Kinder vergewaltigter Frauen wurden nicht als solche anerkannt.

Nach dem Zusammenbruch des Regimes mit der friedlichen Revolution 1989 kamen all jene unterdrückten Wahrheiten ans Licht, was von alt-Kommunisten fortan mit den Verbrechen der deutschen Truppen in der Sowjetunion zu relativieren oder gar zu rechtfertigen versucht wurde. Somit wird seit Jahrzenten eine ehrliche Aufarbeitung der damaligen Verbrechen verhindert – auch heute noch wird der Versuch über Vertreibung und Massenmord zu sprechen vielerorts als Versuch gewertet, die nationalsozialistischen Verbrechen zu verharmlosen. Vergessen wird dabei, dass deutsche Zivilisten Opfer von Verbrechen waren, die durch nichts zu rechtfertigen sind. Es ist keine Relativierung der Unmenschlichkeit von SS und Wehrmacht, wenn man auch die Verbrechen der Roten Armee nicht vergessen will.

Heute ist der 8. Mai, und morgen werden wieder Truppen über den roten Platz maschieren, die Kreml-nahen “Nachtwölfe“ werden zusammen mit hunderten Sympathisanten einen Kranz vor dem sowjetischen Ehrendenkmal in Berlin niederlegen, sogenannte Antifaschisten werden sich allerorts als moderne Widerstandskämpfer stilisieren, und linksradikale aller Coleur, von Linkspartei bis Autonome, werden die Rote Armee als „Befreier“ feiern.  Was wie jedes Jahr fehlen wird, werden die Worte über jene Menschen sein, die nicht am 8. Mai befreit wurden, sondern im Jahre 1989.

2 Antworten

  1. nordseeschwalbe sagt:

    Richtig!
    Gestern wurde übrigens auch unser schönes Grundgesetz 70 Jahre alt. Warum nur wurde das nicht entsprechend gefeiert?

  1. 8. Mai 2019

    […] • Weiterlesen • […]

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