Syrien: Eine Analyse

Von MAX ZIMMER | Die Lage in Syrien ist, zum ersten mal seit Jahren, wieder relativ übersichtlich. Der IS sowie andere islamistische Terrororganisationen sind defacto besiegt, die Rebellen (allen voran die FSA) sind auf dem Rückzug, der Norden wird von den Kurden kontrolliert und der größte Teil, vor allem der Westen und Süden, wird von den syrischen Regierungstruppen und ihren russischen Verbündeten kontrolliert.
Zudem hat die Türkei mit ihrer Invasion im Norden um Afrin ebenfalls ein Teil des Landes okkupiert.

Ein Sieg über das Regime in Damaskus und seine russischen Helfer scheint somit nicht mehr möglich.
Zwar bringt dies dem Land und der Region wohl Stabilität (zumindest auf kurze Sicht), nicht aber die erhoffte Freiheit und Beendigung des Einparteiensystems.
Zudem ist eine enorme Rachewelle, oder auch “Säuberung“ in Sicht, sobald Assad und seine getreuen Schergen wieder das gesamte Land kontrollieren.
All jene, die im Widerstand organisiert waren, diesen unterstützen, oder auch einfach nur tolerierten, werden wohl mit massiven Repressionen rechnen müssen, wenn die Regierungstruppen mit Unterstützung russischer Bombardements wieder in ihre Städte und Dörfer einrücken.
Als Terroristen diffamiert und zu Staatsfeinden erklärt wird keiner der Rebellen im neuen alten Syrien eine sichere Heimat finden.
In einem Syrien unter Assad wird es ein Verbrechen sein, Widerstand geleistet zu haben.

Aber es gibt noch einen Hoffnungsschimmer: Die Kurden.
Der Hauptverbündete der USA in der Region, der maßgeblich am Rückzug des IS beteiligt war, ist zwar offiziell nicht mit dem Regime in Damaskus im Krieg, aber eben auch nicht verbündet.
In der Vergangenheit hat es auch immer wieder oppositionsfreundliche Töne aus den Reihen der kurdischen YPG-Kämpfer gegeben.
Das Problem sind jedoch die islamistischen Milizen.
Die FSA (Freie Syrische Armee) wurde nach Erstarken des IS zunehmend von radikalen Islamisten unterwandert und viele Kampfgruppen von diesen mehr oder weniger übernommen.
Teilweise kämpfte die eigentlich den syrischen Widerstand repräsentierende FSA-Flagge sogar an der Seite von Terrormilizen wie der Al-Nusra Front, was natürlich Wasser auf die Mühlen der Assadfreunde und Kremlapologeten ist, die versuchen jede Form des Widerstandes in Syrien als Terrorismus zu klassifizieren, und somit einen erbarmungslosen Kampf gegen alle Gegner des von Russland unterstützen Assad zu legitimieren.

Sollten die Kurden sich nun also dazu durchringen, sich offiziell von Damaskus zu distanzieren (was in Anbetracht der Lage in Afrin eher unwahrscheinlich ist) und mit den moderaten Rebellen gemeinsame Sache machen, hat Assad ein Problem.
Dies könnte zumindest zu einer versuchten Abspaltung des Nordens führen, wenn nicht gar zu einem neuen Bürgerkrieg, der diesmal einen symmetrischen Frontverlauf aufweist.

Auf jeden Fall sind die Kurden mehr oder weniger die letzte Hoffnung für alle Gegner Assads in Syrien.
Zudem muss man sich vor Augen halten, dass Assad nicht weniger mächtige Feinde als Verbündete hat. So z.B. die USA (Partner der Kurden), Israel (Partner der USA), Saudi-Arabien, und letztlich so ziemlich komplett Westeuropa.
Im Falle eines Frontkrieges gegen die Kurden wäre eine Niederlage des Regimes also gar nicht mal so unwahrscheinlich.
Das ist auch der Grund, warum dieser Kampf ziemlich unwahrscheinlich ist.
Beide Seiten ziehen wenig Vorteile aus einem Kampf.
Assad hat immer noch mit den Rebellen und mit den letzten Resten des IS zu tun, während die Kurden die Lage mit der Türkei unter Druck setzt.
Somit wäre vielleicht sogar eine diplomatische Lösung einer eventuellen Abspaltung des kurdischen Nordens möglich, was zu einem Zufluchtsort von Regimegegnern werden könnte.

Eins ist sicher: Der Konflikt in Syrien ist noch lange nicht vorbei, auch wenn die größten Schlachten bald ein Ende finden.
Aber der Konflikt in den Köpfen ist auch nicht mit Bomben, Raketen und Giftgas einzudämmen, nicht einmal von Assad und Putin.
Somit wird es in diesem Land noch lange brodeln, zumindest solange Assad weiter seine Macht mit Blut verteidigt.

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