Supermarktbekanntschaften beim Plastikbecher-Kauf

Von Neo Novalis | Es gibt Tage an denen mir Zweifel kommen. Zweifel, ob diese Gesellschaft noch zu retten ist. Der vergangene Donnerstag war ein solcher Tag, ein exemplarisches Beispiel für den Niedergang von Benehmen und Anstand in unserer Gesellschaft und unserer Demokratie. Aber der Reihe nach.

Wie jedes Jahr im Juni fanden auch dieses Jahr wieder die Bundesjugendspiele statt. Die elften Klassen meiner Schule verkaufen an diesem Tag traditionell Speisen und Getränke, um für das kommende Jahr die Abiturkasse bestmöglich zu füllen. Ich stand also morgens an der Kasse des örtlichen Edeka, in der Hand 300 Plastikbecher, die dazu bestimmt waren möglichst zahlreich mit allerlei klebrigen und definitiv gesunden Limonaden befüllt, an unsere Mitschüler verkauft zu werden. Das Geschäft führt unglücklicherweise keine Becher aus Pappe, was mir an der Kasse recht ungewollt in besonderem Ausmaß die Aufmerksamkeit der hinter mir stehenden Person einbrachte. Mir war bis dato nicht bekannt, dass der Kauf von Plastikartikeln neuerdings ein politisches Statement oder ein Verbrechen darstellt. Es zeigte sich jedoch relativ schnell, dass sich meine klaffende Bildungslücke diesbezüglich rasant schließen sollte. An dieser Stelle möchte ich eins vorwegnehmen: Unterschiedliche Meinungen und die geübte Kritik an einer solchen gehören zu den Grundpfeilern einer gesunden Demokratie. Nichts wäre tödlicher für unseren Rechtsstaat als eine Einheitsmeinung. Es sollte aber beachtet werden, dass dabei wie sonst im Leben auch der Ton die Musik macht.

Der mehr oder weniger freundlichen Studentin hinter mir schien dieser Umstand jedoch gänzlich entgangen zu sein, und so kam ich in Folge dieser eher unfreiwilligen Konversation zu einigen neuen Erkenntnissen. Zum einen wurde mir eröffnet, dass es sich bei mir um eine sehr bemitleidenswerte Erscheinung handelt. Zum anderen erfuhr ich von dieser liebreizenden Person, dass bei meinem Aussehen meine Mutter definitiv in einem unanständigen Gewerbe tätig sein müsse.

Man kann sich die Menschen auf die man trifft nicht aussuchen. Anstatt konstruktiver Kritik an meinem Konsumverhalten bzw. an dem meiner Mitschüler (also bitte, schämt euch) flogen mir also Beschimpfungen und Verleumdungen entgegen. Wegen Plastikbechern.

Als gäbe es keine anderen Probleme im Land. Was mich an diesem Punkt zu der unübersehbaren Parallele zur politischen- und sozialen Landschaft der Bundesrepublik im Jahr 2019 bringt. Konstruktivität scheint ein Fremdwort geworden zu sein, stattdessen teilt sich die Welt für Menschen wie meine neue Supermarktbekanntschaft in Schwarz und Weiß. Ein vernünftiger Gedankenaustausch mit dem Ziel einen Konsens erzielen zu wollen ist solchen Menschen völlig fremd. Der Meinungspluralismus in diesem Land ist durch eben solche Menschen bedroht, ohne dass diese es überhaupt realisieren. Wie sieht die Zukunft in einer Gesellschaft aus, in der die politische Überzeugung entscheidend dafür ist wie mit dem einzelnen Individuum umgegangen wird?

Wenn Doppelmoral und Stigmatisierung weiter um sich greifen, wer möchte es dann noch wagen auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen? Und machen solche Menschen eine Demokratie nicht eigentlich erst zu dem was sie sein sollte? Alle Macht geht vom Volke aus, und damit auch von Jenen, die Gedanken losgelöst von dem durch linke Interessengruppen suggerierten Idealbild dieser Welt hegen. Ich kann nur hoffen, dass meine Edeka-Freundin ähnlich denkt, wenn sie ihren Hummus aus der Plastikverpackung auf ihr ebenfalls aus der Tüte stammendes Quinoabrötchen befördert.

Mahlzeit!

1 Antwort

  1. 30. Juni 2019

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