Mein Katalonien: Wiederkehr in eine zerstrittene Heimat

Von ADAM | ‚¡Eh, tú, guiri!‘ höre ich hinter mir. Verwundert drehe ich mich um. Doch der etwa gleichaltrige Spanier kommt mir entgegen, 20 Euro seien mir aus der Hosentasche gefallen. Ich bedanke mich, nehme den blauen Schein und gehe weiter.
Ich sollte froh sein, mein Geld wiedererlangt zu haben, doch stattdessen bleibt mir ein Wort im Kopf: Guiri. Guiri ist ein spanisches Slangwort für Tourist. Ich frage mich, weshalb ich als solcher angesprochen wurde, obwohl ich doch hier – in Barcelona – geboren und aufgewachsen bin.

Irritiert mache ich mich auf dem Weg nach Hause, um meiner Mutter von dem Vorfall zu berichten. ‚Adam, nimm dem das nicht so übel. Du trägst mittlerweile einfach Kleidung, die hier nicht so üblich ist.‘
Ich bin noch verwirrter als zuvor, denn was ist an einem Mantel und einem Schal bitte so fremd für die Katalanen?
Ich entscheide mich kurzfristig dazu, in das Viertel zu gehen, wo ich aufgewachsen bin, um meinen Kopf freizuräumen.

Sants ist ein traditionelles Arbeiterviertel in Barcelona. Viele Einwanderer aus Südamerika und meist enge Gassen prägen das Straßenbild.
Politisch gesehen war hier nie wirklich etwas los, selbst im September 2014 nicht, als ‚300 Jahre Ausbeutung‘ von Seiten der spanischen Zentralregierung gefeiert wurden.
Doch sobald ich die mir bekannten Orte besichtige, mache ich eine schaurige Entdeckung. Überall an den Fenstern hängen Flaggen: Spanische, Katalanische, europäische Flaggen, und eine die mir nicht bekannt vorkommt.
Ich frage einen Passanten, wofür diese Flagge stehe, worauf ich die Antwort ‚Tabarnia‘ erhalte.
Die Befürworter des nicht existierenden Staates Tabarnia, ünterstützen im Falle einer Unabhängigkeitserkläung Kataloniens eine Wiedervereinigung Barcelonas und der umliegenden Region mit Spanien.
Fair enough, denke ich.

Mein alter Kindergarten

Ich gehe weiter und stoße auf meinen alten Kindergarten. Die einst so schöne Fassade wird von einer riesigen Katalonienflagge bedeckt (und zwar jene mit einem roten Stern, welche von den linken Separatisten verwendet wird), am Eingang steht ein großes Plakat, auf dem ‚Widerstand bis zum bitteren Ende‘ steht.
Wer zum Teufel traut sich, dreijährige Kinder so brutal zu politisieren?
Die Antwort finde ich auf den überall hängenden Postern, auf denen ‚òmnium cultural‘ steht.

Gegründet wurde diese Organisation als noch das repressive Francoregime auf der iberischen Halbinsel herrschte, um sich für den Erhalt der katalanischen Kultur und Sprache einzusetzen.
Heute wird sie als Plattform von linksradikalen Separatisten gekapert, um Hass und falsche Informationen über den Konflikt nicht nur in Katalonien, sondern weltweit zu verbreiten.

Ómnium betreibt eine riesige Propagandakampagne, vor allem auf den sozialen Netzwerken. Auf Youtube erschien vor einem Jahr ein Video namens ‚Help Catalonia. Save Europe.‘ , das das illegal stattfindende Referendum mit fragwürdiger Argumentation rechtfertigt.
Man sieht eine in Krokodiltränen geratene Frau, welche die Vorfälle des Referendumtages manipuliert und sich von Fakten mit einem kaltherzigen ‚adieu‘ ein für allemal verabschiedet.
Es heißt unter anderem man sei für Europa, obwohl der linke katalanische Nationalismus bisher keine Unterstützung auf kontinentaler Ebene gefunden hat.
Zudem redet man vom ‚katalanischen Volke, das wählen gegangen ist und mit 90% entschieden hat, unabhängig zu werden‘.
Wie sich später herausgestellt hat, waren die Urnen bereits vor der Wahl mit Briefen gefüllt worden und laut zeitgenössischer Umfragen befürwortet nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung die Loslösung vom spanischen Staat.

Doch trotz der gewaltigen Propaganda-Offensive, ist nichts so beschämend, wie Quim Torra, der neue Präsident der katalanischen Regierung. Herr Torra behauptet, das katalanische Volk sei von Natur aus dem Rest der Spanier ‚überlegen‘, und nennt die Spanier ‚Bestien‘ im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich bin voller Wut, denn es ist für mich unmöglich einzusehen, wie diese einst so harmonische Gesellschaft, zu der ich auch gehörte, in solch einen Grabenkrieg verfallen ist.
Ich mache mich weiter auf dem Weg zu einem Freund, den ich seit Grundschulzeiten kenne und mit dem ich Kontakt gehalten habe.
Es dauert nicht lange bis das Thema aufkommt, und ich erfahre, dass er Unterstützer der neuen rechten Partei VOX ist, mit welcher ich auch sympathisiere.
VOX setzt sich u. A. für die Stärkung der Grenzen, eine umfassende Liberalisierung der Wirtschaft und der Etablierung eines politisch sowie gesellschaftlichen Dialogs bezüglich der katalanischen Frage ein.

Mein Freund erzählt mir, dass er in der Schule von einem linken Mob verfolgt wird, aufgrund seines Denkens. Mittlerweile traut er sich auch nicht mehr im Unterricht seine Meinung zu äußern, er habe Angst von den ach so unparteiischen Lehrern benachteiligt zu werden.

Mein Tag endet im Bett, ich bin erschöpft. Ich brauche gar nicht die Augen zu schließen, denn ein Albtraum ist bereits in vollem Gange. Die fabelhaft schöne Mittelmeermetropole Barcelona, meine Heimat, wird von linken Möchtegernrevolutionären in den Dreck gezogen um für eine nationalistische Auslegung des Sozialismus zu werben.

5 Antworten

  1. Falk Dietrich sagt:

    Hallo Adam, gut geschriebener, informativer Artikel. Danke dafür. Danke auch allen anderen Autoren dieser Seite, auf die ich bei Achgut aufmerksam wurde. Ich freue mich hier über viele Artikel junger Menschen die im Durchschnitt 40 Jahre jünger sind als ich. Junge Menschen die nicht rufen “ Deutschland verrecke“ oder „Mein Vaterland interessiert mich nicht die Bohne“. Noch ist nicht alle Hoffnung verloren. MfG Falk

  2. karlchen sagt:

    Sehr interessant! Irgendwo habe ich gelesen, dass die linksradikalen Separatisten auch sehr Islam-freundlich sein sollen – stimmt das?

  3. Johannes Dahlmeyer sagt:

    Krass, diese Perspektive. Guter Artikel!

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