Maskenpflicht auf Mallorca: Fremder, bedecke deinen Mund

Von Air Türkis | Im Dunkeln düse ich eine menschenleere, unbefahrene Straße auf Mallorca hinab, auf einem klapprigen Schrottfahrrad ohne Licht. Da sehe ich auf der linken Seite ein Polizeiauto. Polizei ist gut. Guardia Civil nennt sich der Verein und sieht eher nach Fremdenlegion aus.

Der eine pfeift mich zur Seite. In derlei Urlaubsorten ist die Polizei, vorsichtig gesagt, nicht gerade touristenfreundlich. Also ging ich innerlich schon mal mein Testament durch, rechnete damit, die nächsten drei Wochen in einem Kerker in Palma zu verrotten und fragte mich, ob man die Reiserücktrittsversicherung auch in Anspruch nehmen kann, wenn man schon eine Woche da ist. Das Fahrrad, das ich da benutze, ist definitiv nicht verkehrstauglich, das ist sicher. Ich hätte ja auch lieber etwas Motorisiertes genommen, aber das wird da erst ab 21 vermietet. Alles, was der Gardist von mir wollte, war allerdings, dass ich meine Maske aufsetze. Nachts, auf einer leeren Straße, auf dem Fahrrad.

Nacktbaden mit Maske

Hier unten im Paradies herrscht nämlich generelle Maskenpflicht in der Öffentlichkeit. Außer am Strand glücklicherweise – obwohl Nacktbaden mit Maske auch etwas hätte. Das Ganze ist schon sehr speziell, aber ich hab mir das nicht ausgedacht, glauben Sie mir. Ich kann Ihnen sogar die Flugtickets zeigen.

Am nächsten Tag gehe ich mit meiner Liebsten einkaufen. Natürlich hatte ich die Maske vergessen. Ich nehme also alle meine deutschen Ingenieurskunst-Gene zusammen und ziehe mein T-Shirt über die Nase und befestige es dort mit meiner festaufgesetzten Sonnenbrille. Daniel Düsentrieb wäre stolz auf mich gewesen. Allerdings ist das Ganze etwas wackelig, und man muss immer nach unten gucken, sonst zerfällt das Konstrukt. Außerdem fehlt ein bisschen Stoff, um den Bauch zu verdecken. Naja, das andere Geschlecht muss ja auch etwas zu sehen bekommen. Revanchieren tun sich die natürlich nicht, Frauen vergessen grundsätzlich nie ihre Maske.

Die Verkäuferin bei Spar ist prinzipiell unfreundlich zu Touristen und schaut mich an, als wäre ich ein Abgesandter der Legion Condor. Vielleicht auch mit gewisser Berechtigung, denkt man an den durchschnittlichen Deutschen Ballermann-Touristen. Trotzdem: Ich bin nicht mit einer Ju 52 gekommen, sondern mit Ryanair.

Im hinteren Teil des Ladens diskutieren wir dann gerade, was wir zum Strand an Essen mitnehmen wollen, als sich die Kassiererin immer wieder durch den Gang nach vorn schleicht, zurückgeht, nur um 30 Sekunden später wieder zu kommen. Vielleicht sehe ich so kriminell aus, dass sie vermutet, ich wolle eine Ein-Euro- Salamipackung klauen. Aber nein: „A! A! SENIOR!!!!!!!“ scheppert es dann schließlich, und die Verkäuferin wedelt sich ganz wild vor dem Mund herum. Das Maskenäquivalent sitzt nicht adäquat. Bisher ist kaum ein Besuch in diesem Laden mit oder ohne Maske vergangen ohne eine Ermahnung. Einmal wurde ich sogar rausgeschickt. Die Frau scheint richtig erpicht darauf, Leute anzumeckern.

Bis man die Füße auf dem Sand hat

 

Am Strand dann sieht die Welt ganz anders aus. Dicht gedrängt sitzen spanische Großgruppen von 15-20 Leuten fröhlich und vor allem laut schnatternd herum. Kindergruppen spielen Fangen. Bis man die Füße auf dem Sand hat, wird Sicherheitsabstand und Maskenpflicht penibel eingehalten – dann fallen alle Regeln und alle Sorgen – wie man selbst – in die klaren, türkisen Weiten des Mittelmeers. Keine Kontrollen, jeder macht nun, was er will.

Allerdings glaube ich durchaus auch nicht daran, dass sich das Virus am Strand verbreiten kann. Das Klima aus brennender Sonne und trockenem Salz auf der Haut erscheint mir nicht geeignet für Viren oder sonstige Lebewesen.

Warum dann trotzdem der allgemeine Maskenzwang unter der Sonne des Südens? Er hat ziemlich wenig mit der Bekämpfung des Virus zu tun. Dafür viel mit der Vergrämung des gemeinen Touristen, der die Insel befallen hat.

Abends findet ein großes Straßenfest statt. Wieder dicht gedrängt die Einwohner, Trubel, Menschenmassen, Karussells, große Jugendgruppen, und mein persönliches Highlight: Churros. Das alles auf einer engen Straße am Meer.

Mit dabei natürlich wieder die Guardia Civil, diesmal mit einem Großaufgebot, die in Fünferkolonnen das Ganze überwacht und penibel darauf achtet, dass jeder seine Maske trägt. Um den Sinn geht es nicht wirklich. Die Hälfte trägt die Maske nicht über die Nase, besonders die Spanier, aber jeder muss sie tragen, und mit Abstand und so ist sowieso nix los.

„Tourists Go Home!“

Schlendert man weiter, fährt ungefähr alle fünf Minuten ein Polizeiwagen an einem vorbei, ganz langsam. Man versteht allmählich, wie so eine Diktatur funktioniert haben muss: In vorauseilendem Gehorsam trägt man tatsächlich seine Maske in der Öffentlichkeit. Das Ganze hat wirklich etwas von 1984. Denn die Maskenpflicht hier ist keine Witz-Pflicht wie die Eineinhalb-Meter Regel. Die Leute halten das wirklich ein, zumindest symbolisch.

Das ganze ist so tragisch, da Mallorca wirklich eine wunderschöne Insel ist – abseits vom Ballerman und S’Arenal der schönste Fleck auf der Erde, den ich kenne. Der Tourismus boomt, die Mehrheit der Bevölkerung erfreut sich an ihrem neuem Wohlstand. Eine Win-Win-Situation. Aber eine radikale Minderheit im Einklang mit der regionalen Regierung führt einen systematischen Kampf gegen den Tourismus.

Ein kleines Beispiel: Hinter dem Strand hier liegen ein paar schlichte Dünen, in die man ab und an mal geht, um ungestört zu sein (nicht was Sie jetzt wieder denken: ich meine, um mit seiner Oma zu telefonieren). Zugunsten dieser Dünen ist der ganze Strand jetzt allerdings so eine Art Naturpark – die Strandbars wurden zwangsabgerissen und die Mülleimer entfernt. Dafür allerdings Plakate aufgehängt, man solle seinen Müll nicht am Strand rumliegen lassen, um die Meere zu schützen.

Die sozialistische Regierung der Balearen führt ein Gesetz nach dem anderen ein, um Ferienvermietungen zu verhindern, zu verteuern oder gar zu verbieten. An vielen Wänden steht hier „Tourists go Home“ oder ähnliches. Psycho-Terror nenne ich das, schließlich zählt man ohnehin jeden Tag, die Tage die einem noch bleiben, bis es nach Hause geht. Der Tourismus soll verschwinden – auf Kosten der kleineren und mittleren Betriebe und deren Angestellten, die ohne Tourismus nicht lebensfähig wären, zugunsten von völlig überzogenem Umweltschutz. Und natürlich auch von großen Hotels, die sich den Regularien entziehen können, an denen kleinere Unternehmen pleite gehen.

Genau in diesem Kontext steht die generelle Maskenpflicht hier. Bringen tut die natürlich nichts, außer vielleicht ein paar Rentner ins Krankenhaus, denen die Sauerstoffreduktion in Kombination mit 35 Grad zu viel wird. Sie soll Touristen ärgern. Das trifft aber wiederum nicht in erster Linie die Touristen – die fahren halt nächstes Jahr nach Italien, Griechenland oder bleiben gleich zuhause – sondern die wertschöpfende Bevölkerung, die ohnehin schon kämpfen muss, um die Verluste aus den Corona-Monaten verkraften zu können. Und dann kommen ein paar Schöngeister, die jetzt zusätzlich noch Touristen verscheuchen wollen, um Rinder zu züchten und historische Sandhaufen zu erhalten. So kennt man das sonst nur von den Grünen in Deutschland mit der Autoindustrie.

Die Verhältnisse hier sind insofern durchaus eine Blaupause für die kalte Heimat. Nur etwas skuriller, etwas schöner und mit der nötigen mediterranen Gelassenheit unter Palmen doch ganz gut zu ertragen.

Der Text erschien auch auf Tichys Einblick

1 Antwort

  1. moneypenny sagt:

    Reisen in den Zeiten der Cholera… Witziger Bericht, der es schafft, köstlich zu unterhalten und gleichzeitig die richtigen Fragen aufzuwerfen.
    Mir erging es auf Mallorca allerdings anders: Dort, wo wir waren, wurde man als Tourist äußerst freundlich behandelt – es scheint also noch nicht überall auf der Insel so zu sein.

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