Konstantin Kuhle: Wer nicht bis drei getwittert hat, hat in Halle mitgemacht?

Foto: James Zabel via Wikimedia Commons (Lizenz)

Von Max Roland | Wenn ich auf Twitter Sawsan Chebli lobe, dann nicht, weil ich plötzlich ein Fan der SPD-Politikerin bin. Sondern weil es im Angesicht der Tat von Halle verdammt nochmal wichtigeres gibt als politische Grabenkämpfe. Natürlich kann ich mich über Aussagen Cheblis zu Israel oder irgendwas anderes ärgern – aber gestern hat uns eine Synagogentür  davor bewahrt, ein Massaker an deutschen Juden auf deutschem Boden erleben zu müssen. Die Aufgabe lautet, Antisemitismus zu bekämpfen – und zwar gemeinsam. Das haben einige nicht verstanden. Zum Beispiel Leute wie der FDP-Bundestagsabgeordnete Konstantin Kuhle. Kuhle ist quasi eine Backupversion von Gerhard Baum, die irgendwie in den Bundestag gelangt ist. Einer der FDPler, der proklamiert, man wolle “lieber Habeck statt AKK als Kanzler”. Er steht für den Teil der FDP, der eigentlich im Herzen Grün ist.  Kuhle ist auch ein leidenschaftlicher “gegen-Rechts-Kämpfer.”  Die AfD ist für ihn eine durch und durch böse Partei, die von Russland gelenkt wird. Als einer der “gegen-Rechts-Kämpfer” hat er es sich auch nicht nehmen lassen, den rechtsextremen Terroranschlag in Halle auszunutzen. Denn den besten Punkt macht man bekanntlich auf den Gräbern von kürzlich ermordeten. 

Kuhle twittert heute einen Screenshot vom Twitter-Profil Hans-Georg Maaßens, der sich bisher nicht zu Halle geäußert hat. “Er hat bestimmt nur sein Passwort verlegt und deswegen noch nichts zu Halle gesagt…” schreibt der FDPler. Was er impliziert ist glasklar. Er wirft dem ehemaligen Chef des Verfassungsschutzes vor, den Anschlag nicht abzulehnen oder sogar gutzuheißen. Es scheint fast so, als würde sogar der Vorwurf einer Art von Mitschuld mitgeliefert werden. Das alles halte ich für so absurd wie pervers. Absurd, weil einer, der jahrelang für die Sicherheit dieses Staates gearbeitet hat, sicherlich keinen solchen Anschlag gut heißt. Pervers, weil Kuhle in seinem gegen-rechts-Geifer vergisst, was ein solcher Anschlag gebietet: Eine nationale Einigkeit im Kampf gegen Judenhass. Wenn wir im Land des Holocausts um ein Haar einen Massenmord in einer Synagoge erleben, dann heißt der Gegner nicht Maaßen. Aber Herr Kuhle entscheidet sich, lieber Hans-Georg-Maaßen als den Judenhass zu bekämpfen. Und was ist der Anhaltspunkt? Ein fast 60-Jähriger Mann hat nicht so schnell getwittert, wie es einem 30-Jährigen lieb wäre. Man möchte fast von der Arroganz der Jugend sprechen, auch, wenn man selber ein junger Mensch ist. 

Maaßen ist jetzt also ein Terrorunterstützer und Antisemit, und man bedenke warum: Nicht, weil man antisemitische Aussagen von ihm findet. Nicht, weil er den Anschlag verharmlost hat. Nein, weil er nicht getwittert hat. Das ist lustig, weil die FDP Niedersachsen, wo Kuhle Generalsekretär ist, auf Twitter zu dem Zeitpunkt auch noch keine Äußerung zu Halle getätigt hat. Vielleicht sollte sich Kuhle um den antisemitischen Sumpf in seinem Landesverband kümmern, der seinem Maßstab zufolge offensichtlich existieren müsste. Es wäre ja nicht das erste mal, dass die FDP ein Problem mit Antisemitismus hat. An den Namen Möllemann erinnere ich mich auch noch. Wir können also entweder dieses  Spiel spielen – oder tatsächlich Judenhass adressieren. 

3 Antworten

  1. dasLinkeParadox sagt:

    Du hast natürlich Recht, aber anderseits vermisse ich auch ein DEUTLICHERS Vorgehen der AFD gegen Rechtsextremismus. X – Anträge gegen ismalische/linke GRuppierungen, aber kein einziger Antrag gegen bspw. Combat18 und andere rechtsextremistsich/terroristische Vereine.
    Das ist nicht nur strategisch unklug, das ist schlichtweg bescheuert… Aussenstehenden vermittelt sich da schon Eindruck das man auf einem Auge blind ist….
    Was wäre nach Lübcke gewesen wenn die AFD hätte behaupten können, wir haben ein Verbot für Combat18 angeregt, aber keiner hat zugestimmt?

  2. Thomas Jacobs sagt:

    Es ist mittlerweile in unserem Land leider so, dass man zu Ereignissen, Themen, deren Deutung von einer bestimmten Richtung her vorgegeben sind, meist seitens des Mainstreams, nicht nur in einer konformen Richtung Stellung beziehen muss. Nein, man hat heutzutage offensichtlich möglichst schnell, möglichst linienkonform überhaupt irgendetwas zu sagen/twittern, wobei Schnelligkeit offensichtlich vor Sinngehalt geht! Wer nicht sofort twittert o.ä., ist offensichtlich schon per se verdächtig, Abweichler, Renegat zu sein und damit irgendwie „rechts“. Warum erinnert mich das an die stalinistischen Parteitage in der ehem. UDSSR?? Wer nicht sofort unaufgefordert aufstand und klatsche, wenn Stalin den Saal betrat, wer zudem nach qualvoll langem, ununterbrochenen Geklatsche, es war noch kein sinnvolles Wort gefallen, erschöpft in den Sessel sank und verschnaufte, fiel dem stalinistischen Geheimdienst zum Opfer: Er galt als Konterrevolutionär. Nicht sofort klatschen (heute nicht sofort linientreu twittern o. ä.) galt und gilt bei nicht wenigen offensichtlich wieder als Zeichen politischer Unzuverlässigkeit! Setzte man nicht auch lange eine sehr bekannte deutsche Schlagersängerin seitens der „Linksgläubigen“ unter Druck, überhaupt irgendetwas zu äußern, um „Haltung“ (gegen rechts!) zu zeigen, bis sie schließlich zu Beginn eines Konzertes etwas (wenig Konkretes) von sich gab, um Ruhe vor den Quenglern zu haben? Sub sole nihil novum!

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