Kommt die Gerechtigkeit in der Empörungswelle unter die Räder?

Von Sebastian Thormann | Vor einigen Tagen ereignete sich in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia ein Vorfall, der nun teilweise als Fall weiterer rassistischer Polizeigewalt dargestellt wird.

Am Abend des 12. Juni reagierte Police Officer Devin Brosnan auf eine Beschwerde: Ein Mann war in seinem Auto im Drive-In eines Fast-Food-Restaurants eingeschlafen. Der Polizist weckte den Mann, Rayshard Brooks, und ließ ihn den Wagen aus dem Drive-In fahren. Der dazugekommene Police Officer Garrett Rolfe befragte daraufhin Brooks, der inkonsistente Antworten gab. Mit Brooks’ ausdrücklicher Zustimmung wurde dann ein Alkoholtest durchgeführt: Das Ergebnis lag über dem Alkohollimit.
Deshalb sollte Brooks festgenommen werden, wogegen sich dieser wehrte. Er schaffte es in einem Gerangel beide Polizisten zu Boden zu stürzen. Dabei klaute er die Taser-Pistole einer der beiden Polizisten und flüchtete vom Tatort. Sie nahmen daraufhin die Verfolgung zu Fuß auf.
Dann drehte sich Brooks um und schoss mit der Taser-Pistole auf Officer Rolfe, der das Feuer mit seiner Dienstwaffe erwiderte und ihn zweimal traf. Brooks starb später im Krankenhaus an seinen Verletzungen.

Daraufhin begannen die Proteste, denn die beiden Polizisten waren weiß, der Verdächtige schwarz. Randalierer brannten das Fast-Food-Restaurant nieder. Unter dem öffentlich Druck wurde Rolfe entlassen und Brosnan beurlaubt. Der Fall sollte untersucht werden.

Nun erklärte der zuständige Distrikt-Staatsanwalt, dass Officer Rolfe u.a. wegen Mordes angeklagt werden soll. Damit droht ihm die Todesstrafe. Dabei hat das Kriminalamt von Georgia, das GBI, die eigenen Ermittlungen zu dem Fall noch gar nicht fertiggestellt und war von der Anklage vorab nicht informiert worden. Auf der Pressekonferenz erklärte der Staatsanwalt: “Mr. Brooks hat keine Bedrohung dargestellt.” Der Schuss mit dem Taser habe den Beamten verfehlt und außerdem sei der Taser keine “tödliche Waffe”. Wenige Wochen zuvor hatte der gleiche Staatsanwalt allerdings in einer Anklage in einem anderen Fall Taser-Pistolen noch als “tödliche Waffen” bezeichnet.

Der schwarze Sheriff von Burke County, das ca. 250 km östlich von Atlanta liegt, Alfonzo Williams verteidigte dagegen das Vorgehen der Beamten: Brooks’ Feuern des Tasers sei äußerst gefährlich gewesen, da es Officer Rolfe für einige Sekunden hätte bewegungsunfähig machen können, dadurch hätte Brooks möglicherweise die Waffe des Polizisten stehlen oder ihn weiter verletzen können. Über Officer Rolfes Reaktion sagte Sheriff Williams: “Das waren völlig gerechtfertigte Schüsse.” Am Tag der Bekanntgabe der Anklagepunkte gab es Berichte wonach in vielen Polizeirevieren Atlantas Polizisten aus Protest ihre Posten verließen.

Distrikt-Staatsanwalt Paul Howard sieht sich dabei selbst verschiedenen Vorwürfen ausgesetzt. Wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt das GBI gegen ihn. Dem Demokraten steht damit wohl eine schwierige Wiederwahlkampagne in der Vorwahl seiner Partei bevor (seine Position ist ein gewähltes Amt in Georgia). 

Es gibt noch weitere Vorwürfe gegen die Beamten, wonach sie den Verdächtigen getreten haben sollen. Das sollte natürlich voll aufgeklärt werden. Den Polizisten aber wegen der Schüsse des Mordes anzuklagen, obwohl er sich nach allen aktuell verfügbaren Beweisen (u.a. einem Video) lediglich selbst verteidigt hat, ist völlig ungerechtfertigt. Man könnte sogar spekulieren der Staatsanwalt tut dies um seine eigenen politischen Überlebenschancen zu erhöhen.

Auf jeden Fall droht damit Officer Rolfe die Todesstrafe, weil er auf einen Verdächtigen geschossen hat, der offensichtlich eine erhebliche, kaum anders abzuwendende Bedrohung für die Beamten dargestellt hat. Das heißt nicht, dass Rassismus oder Polizeigewalt in anderen Fällen zu entschuldigen sind, aber hier sieht es aktuell einfach nicht danach aus. Stattdessen sendet es ein verheerendes Signal an Polizisten in den USA: Dass sie aufs Härteste bestraft werden, weil sie sich selbst verteidigen.

6 Antworten

  1. fineart sagt:

    Guter Artikel, allerdings gibt es Neuigkeiten.

    In Atlanta ist die „blue flue“ ausgebrochen.
    Mit anderen Worten: nachdem bekannt wurde,welche Anklagen gegen den Polizisten erhoben wurden haben sich seine Kollegen reihenweise krank gemeldet. Von örtlichen Hobbyfunkern wird von einer gespenstischen Ruhe im Polizeifunk-Äther berichtet.

    Die Bürgermeisterin von Atlanta hat die „Krankheitswelle“ bestätigt, aber der Öffentlichkeit versichert, dass ausreichend viele Polizisten zum Dienst erschienen wären um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.
    Gleichzeitig hat sie andere Städte bzw Gemeinden darum gebeten, deren Polizisten zur Vertretung abzuordnen – allerdings völlig ohne Erfolg.
    Alles auf yt unter „blueflu Atlanta“ nachzuvollziehen.

    Was übrigens aktuell in den USA auch passiert, aber leider in den MSM nicht so richtig ausführlich dargestellt wird, ist, dass es vielerorts pro-Polizei-Kundgebungen gibt.(nachvollziehbar ebenfalls bei yt unter „pro-police rally“)

    „actio et reactio“ würde dem alten Newton dazu einfallen.
    ES wird ein heißer Sommer in den USA…

  2. Carsten Knobloch sagt:

    Rechtschaffene Polizisten werden bedroht, geschlagen oder gar ermordet, was die Demonstrierenden aber nicht interessiert. Meine Solidarität gilt den Polizisten dieser Welt.

  3. Marc Greiner sagt:

    Ein Jurist auf Fox-News hat in einem Interview gesagt, dass 1. die Gesetzte von Bundesstaaten variieren und in Georgia der Beamte sogar verpflichtet gewesen sei zu schiessen, da die Gefahr bestand selbst durch den Taser entwaffnet zu werden. 2. Man müsse in Sekundenbruchteilen viele Entscheidungen treffen und habe keine Zeit wie der Fersehzuschauer über alles zu sinieren. 3. Es ging ein 20-minütiges Gespräch mit dem Angetrunkenen voraus wo er sehr zugänglich war und dann auf einmal beide Polizisten massiv angegriffen hat.
    Jetzt die Todesstrafe oder Lebenslänglich zu fordern ist rein politisch und hat vor Gericht (hoffentlich) kein Bestand. Es ist ein Skandal, auch darum, weil statistisch gesehen im gleichen Zeitraum 2 Weisse oder 1 Weisser und ein Latino von der Polizei getötet wurden. Rein statistisch. Wo sind Berichte darüber? Sind die zu wenig Schwarz?

  4. karlchen sagt:

    Es ist keine Empörungswelle, und um Gerechtigkeit geht es auch nicht. Nehme aber eh an, die Frage war rhetorisch gemeint 😉

  5. Jo sagt:

    Kann diesem Kommentar voll zustimmen. Nur: das Wendys Restaurant wurde nicht von den Randalierern angezündet, sondern von einer etwa 25-jährigen Frau. Davon gibt ein Video.