Kleingärtner aller Länder vereinigt euch!

Von Marikka Wiemann | Jetzt, wo wir alle dank der Coronamaßnahmen zu Hause in Isolation sitzen, hat ein Großteil der Bevölkerung zwangsläufig auf einmal sehr viel Zeit. Für alle, die jetzt deprimiert zu Hause sitzen, hat der Erzgebirgskreis die Lösung gefunden: Einen Wettbewerb um die schönste Kleingartenanlage. Prinzipiell ist gegen Natur und einen eigenen Garten auch nichts einzuwenden. Ist auf jeden Fall besser als den ganzen Tag vor dem Handy oder dem Fernseher zu verbringen.

Interessant sind nur die Gründe, die für den Besitz eines Kleingartens angegeben werden.

Für alle, die es noch nicht wussten: Kleingärten sind neuerdings „Integrationsbereiche für Alleinerziehende, Singles, ausländische Mitbürger, Aus- und Umsiedler und behinderte Menschen.“ Es scheint als wäre die Lösung gefunden, jeden Einzelnen vor aufkommender Einsamkeit zu schützen. Wer also Deutsch lernen möchte, einen Partner sucht oder sich auch sonst nicht ausreichend in unsere Gesellschaft integriert fühlt, sollte sich schleunigst einen Kleingarten anschaffen – dann sind alle Probleme gelöst.

Außerdem sollen Kleingärten zur „Gestaltung der sozialen Stadt“ und zur „Erhaltung des sozialen Friedens“ beitragen. Was dieses Vokabular bedeuten soll, ist Interpretationssache. Aber egal, muss man nicht hinterfragen. Als guterzogene Bürger sind wir doch alle für den Frieden. Das steht überhaupt nicht zur Debatte. Freundliche Unterhaltungen kann man  auch in 1.5m Abstand über dem Gartenzaun führen. Das Wort „Frieden“ ist grundsätzlich positiv, aber es hört sich trotzdem ein wenig nach DDR Vokabular an – getreu dem Motto: „Für Frieden und Sozialismus“. Auch in dieser Zeit war es gern gesehen wenn die Bürger Mitglieder diverser Organisationen waren, die natürlich vom Staat überwacht und gesteuert wurden. Aber durch solche Ablenkungsmanöver war es möglich die Bürger von den eigentlichen Probleme abzulenken, in dem diese aussreichend beschäftigt worden sind.

Es geht im Übrigen nicht um den schönsten Kleingarten sondern um die schönste Kleingartenanlage. Das heißt es geht nicht um Einzelpersonen, sondern um Vereine. In der DDR gab es für Gartenfreunde und solche, die es werden wollten, auch eine Art Verein: den „Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter“ – kurz VKSK. In der „Verordnung zur Förderung des Kleingarten- und Siedlungswesens und der Kleintierzucht“ von 22. April 954 kann man im Übrigen nachlesen, dass Wettbewerbe dieser Art von der DDR- Regierung ausdrücklich erwünscht waren.

In unserem aktuellen Beispiel wird außerdem dafür geworben, Obst und Gemüse selbst anzubauen – um eine gesunde Ernährung zu gewährleisten natürlich. Im Zusammenhang mit der aktuellen Situation kein schlechter Gedanke. Schließlich müssen wir vermutlich mit einer Wirtschaftskrise rechnen, durch die die Preise für Obst und Gemüse in die Höhe getrieben werden.

Auch hier kann man Parallelen zu vergangenen Zeiten erkennen. Nicht umsonst wurde in der bereits genannten Verordnung festgeschrieben, dass die Kleingärtner mit Gartengeräten, Düngemittleln und anderen Hilfsmitteln versorgt werden sollten.

Aber man soll ja nicht nur das Schlechte anprangern, sondern auch das Gute nicht vergessen. Insgesamt kann man unserem Wettbewerb nämlich hoch anrechnen, dass die Familie in diesem Zusammenhang noch als solche benannt und nicht als Zweckgemeinschaft deklariert wird.

Wer sich also noch bewerben möchte, kann das „bei den jeweiligen territorialen Verbänden oder im Landratsamt Erzgebirgskreis“ bis zum 30. Juni tun. Dann mal viel Spaß beim Unkraut zupfen, Genosse!

2 Antworten

  1. karlchen sagt:

    🌺 Freundschaft!

  2. nelli sagt:

    Wer Kleingärten als Mittel zur Erhaltung des sozialen Friedens bezeichnet, hat noch nie einen Zaunstreit bis dahin friedlicher Schrebergärtner mitbekommen… Schöner Artikel, erfrischend geschrieben!