Jakob Augstein: Deutsches Versagen

Von MAX ROLAND | Zu meinen Lieblingsjournalisten gehört Jakob Augstein. Der Sohn von Spiegelgründer Rudolf Augstein, der, wenn er nicht in Papas Villa sitzt und einen schönen Rotwein trinkt,  in seiner Freizeit eine Zeitung betreibt („Der Freitag“, mit schönen Titeln wie „AfD für Besserverdienende“, wenn die FDP einen handfesten Skandal aufklären will, oder der Feststellung, dass Abschiebungen zum Scheitern verurteilt sind und wir eine „Bleibekultur“ brauchen) und sich ab und zu auch mal in seiner Kolumne „Im Zweifel links“ auf Spiegel Online äußert. Geradezu satirisch ist Augstein das Klischee des gutmenschlichen Journalisten, der seine unglaubliche moralische Überlegenheit in Artikeln und Kommentaren zur Schau stellt. Auch für widerlichen Antisemitismus ist sich Augstein nicht zu Schade: So impliziert er gerne mal, die Juden würden die US-Außenpolitik kontrollieren, oder nennt das Verhalten des Juden, der wegen seiner Kippa in Berlin angegriffen wurde, „Provokation“.

Aber seine antisemitischen Ausfälle hindern ihn natürlich nicht daran, den moralischen Zeigefinger ganz weit nach oben zu heben, wenn es um die anderen deutschen geht. Denn von wo hebt er sich besser als vom Anwesen am Wannsee?  Er als guter, linker Haltungsjournalist muss ja den doofen Deutschen erziehen, der ja nichts aus seiner Vergangenheit gelernt hat. „Viele Deutsche haben noch immer ein Problem mit Verantwortung-für Zukunft und Vergangenheit“ schreibt er in seiner neuesten Spiegel-Kolumne. Bruder Jakob erklärt den Kartoffeln jetzt mal, was sie alles falsch machen. Wahrscheinlich mit ner schönen Flasche Bordeaux danebenstehend, die mehr kostet, als der Durchschnittsverdiener im Monat an Lohn erhält.

Augstein wirft Angela Merkel vor, sie hätte keine Visionen. Nun, dieser Vorwurf ist so bahnbrechend wie der Vorwurf an die BER-Verantwortlichen, sie würden zu langsam bauen: Bestimmte Dinge sind eben Allgemeinwissen. Aber was für Visionen meint er? Meint er neue Visionen für Fortschritt, für eine gute Wirtschaft, für gute Bildung?   Nein. Jakob geht’s um Europa.  Er wirft Merkel vor, sie würde „Regeln zurechtbiegen“ und „wie ein deutscher Autofahrer“ stumpfsinnig auf ihrem Recht beharren, obwohl das in die Katastrophe führt. Was ist damit gemeint? Nehmen wir doch mal den Langenscheidt „Deutsch-Links, Links-Deutsch“ zur Hand und entschlüsseln wir, was Herr Augstein sagen will.

„Mehr Verantwortung für Europa“. Für rechthaberische, linke Weltverbesserer wie Jakob Augstein heißt das nicht anderes, als mehr deutsches Geld in Europa zu verteilen. Zwei Absätze weiter spricht er schon davon, es wäre Vernünftig, dass Italien wieder Schulden machen will, entgegen aller Regeln. Auch, weil die Regeln ja sowieso unfair sind, denn Deutschland hat sich die ja „zum eigenen Zweck zurechtgebogen“.

Jakob Augstein fordert, dass Deutschland die Zeche zahlt, Haushaltsdisziplin in Europa aufgibt, und nennt das „mehr Verantwortung“. Dass Deutschland das nicht tut, wertet er als das „deutsche Versagen“ des dummen deutschen, der ja eh keine Verantwortung übernehmen kann.

Das Bild, was er dabei zeichnet, ist die widerliche, stumpf-antideutsche Haltung, die solche Leute gerne mal an den Tag legen. „Warum sind nicht alle so gute Menschen wie ich?“ muss sich Augstein wohl Abends fragen, wenn er die kleinen Leute in seiner Kolumne mal wieder auf übelste Beschimpft. Dass viele gar nicht die Zeit haben, hauptberuflich moralisch im Recht zu sein-auf die Idee kommt er gar nicht. Dass viele gar nicht die „Verantwortung“, von der Augstein spricht, übernehmen wollen, weil es ihr Geld ist, was für seine Phantasien verbrannt wird, darauf kommt er gar nicht. Aber warum sollte er falsch liegen? Der Pöbel ist eben noch nicht so weit.

Ich möchte auch vom deutschen Versagen sprechen. Ich halte Jakob Augstein nämlich für das Paradebeispiel einer versagenden Gesellschaft. Eine versagende Gesellschaft, die solche Leute, die hauptberuflich moralisch Überlegen sind, trägt und nach oben Spült. Augstein steht für mich wie kaum ein anderer für die linksintellektuelle Hybris,  die per Selbstdefinition moralisch überlegen ist und meint, über alle anderen Urteilen zu können. Das wir als Gesellschaft solche Leute noch per Auflage finanzieren: Das nenne ich „deutsches Versagen“.

1 Antwort

  1. Jan von Wehrt sagt:

    Alles richtig – nur wäre Augstein nicht Augstein, wenn er sein Verhalten auf Basis eines solchen Artikels einmal kritisch in Frage stellen würde. Er hat nämlich recht – nur haben Sie das noch nicht verstanden!
    So einfach kann die Welt sein, wenn die Intelligenz in einem reziproken Verhältnis zum Selbst- und Sendungsbewusstsein steht.
    Für Augstein gilt das gleiche wie für die Kirche: Wo Glaube herrscht, ist kein Platz für Wissen!

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