Immer sind die anderen Schuld

Von ERIK SNIPER | Die Wirtschaft in der Türkei liegt am Boden, die Inflation war noch nie so hoch, und trotzdem scheint der Fast-Diktator Erdogan, der das Land seit 16 Jahren regiert, Opfer aller Probleme zu sein. „Man hat mich verraten“, „Wir wurden jahrelang unterdrückt“, „Man hat mir Unrecht getan“. Mal ist es Obama gewesen, Mal Assad oder Angela Merkel. Alle haben sie ihn übers Ohr gehauen. Er hört sich an wie ein Oppositionsführer, blöd nur, wenn es in der Türkei keine Opposition mehr gibt und Erdogan das Land ganz alleine gegen die Wand gefahren hat. Ganz alleine? Fast, denn die Türkei ist mittlerweile ein Familienunternehmen unter seiner Beobachtung geworden. Er hat sich zum Staatsoberhaupt und Regierungschef in einer Person gemacht und kontrolliert nun höchstselbst die türkische Notenbank. Seinen Schwiegersohn hat er zum Finanzminister gemacht. Er hat den Sicherheits- und Justizapparat vollständig den Gülenisten überlassen und selbst die Offiziere befördert, die am 15. Juli 2016 einen Putschversuch starteten. Und trotzdem sollen immer die anderen Schuld sein? Erdogan ist ein Bauernfänger, seine Methode ist es, Hass gegen das Ausland zu schüren. Alle sind gegen uns, so ist am Ende immer die Ausgangslage. Und trotzdem unterschreibt er Verträge und Abkommen mit den Staatschefs der Welt. Die USA bezichtigt er, mit Terroristen zusammenzuarbeiten, Tags darauf beschließt er den größten Flugzeugeinkauf aus den USA in die Türkei. Deutschland wirft er die Nazi-Vergangenheit vor, trotzdem empfängt er Merkel auf dem goldenen Sessel. Er verbietet der Notenbank, die Zinsen zu erhöhen und so die Inflation zu bekämpfen, ein nicht existentes Wirtschaftswachstum könnte ja beschädigt werden. Am Ende wird es jedoch trotzdem der europäische Feind sein, der der türkischen Wirtschaft schaden will. Erdogan macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt.