Hamaskonferenz in Berlin, deutsches Gedenken in Auschwitz – wem gilt eigentlich Merkels Kranz?

Von Max Roland | „Ich empfinde tiefe Scham angesichts der barbarischen Verbrechen, die hier von deutschen verübt wurden.“ Zum ersten mal hat Bundeskanzlerin Merkel Auschwitz besucht. In ihrer Rede rief die Kanzlerin zu einem entschiedenen Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland und Europa auf. Angesichts der Verbrechen, die die Grenzen alles Fassbaren überschritten, müsse man vor Entsetzen eigentlich verstummen. Dennoch dürfe das Schweigen nicht die einzige Antwort sein. Deutschland sei verpflichtet, die Erinnerung an die damaligen Verbrechen wach zu halten. „Was hier geschah“, sagte sie, „lässt sich mit Menschenverstand nicht fassen.“ Trotzdem müsse die Erinnerung wachgehalten werden. Merkel: „Denn wir erleben einen besorgniserregenden Rassismus, eine zunehmende Intoleranz, eine Welle von Hassdelikten. Wir erleben einen Angriff auf die Grundwerte der liberalen Demokratie und einen gefährlichen Geschichtsrevisionismus im Dienste einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.“ In Deutschland müssten sich alle Menschen sicher und zu Hause fühlen können, sagte die Kanzlerin. Merkel betonte auch, dass die Lager deutsche Lager waren. Womit sie natürlich völlig recht hat. Die Brutstätte des Verbrechens war die deutsche Hauptstadt Berlin, nicht irgendeine andere Stadt. 


Das weiß auch die Hamas. Das erklärte Ziel der palästinensischen Terrororganisation  ist die Zerstörung des Staates Israels und die Vernichtung der Juden. Vielleicht findet genau deswegen eine Konferenz von Sympathisanten in Berlin statt. Zu der Konferenz, die am Samstag an der Wiebestraße in Moabit stattfindet, rufen Organisationen auf, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, wie das Palestinian Return Center (PRC) und die Palästinensische Gemeinschaft in Deutschland (PGD). Der Berliner Senat sah sich nicht im Stande, die Veranstaltung zu verbieten. „Wir haben bisher keine Anhaltspunkte auf einen unfriedlichen Verlauf“, sagt die Berliner Polizei, wohlwissend, dass der Unfrieden, der aus der Veranstaltung erwächst, nicht in Berlin, sondern in Israel seinen Lauf nehmen wird. Aber alles überhaupt kein Problem – die Bundeskanzlerin hat ja Auschwitz besucht, um die Erinnerung wachzuhalten. Also alles Paletti. Mit denen, die Auschwitz als Inspiration sehen, sollen sich bitte die Juden selber rumschlagen. Wir deutschen gedenken lieber. Und so reist die Kanzlerin nach Auschwitz, um dem schlimmsten Massenmord an Juden zu gedenken, während in Berlin quasi der nächste organisiert werden soll. 

Nur ist Gedenken wertlos, wenn aus ihm keine Lehren und kein Handlungsauftrag gezogen werden. Der schönste Kranz an der „Todesmauer“ von Auschwitz kann die Schande nicht aufwiegen, die eine Hamas-Konferenz in Berlin darstellt. Die bewegendste Rede mit allerlei Beteuerungen zu „Verantwortung“ und „tiefer Scham“ wird zu heißer Luft, wenn man Verantwortung für der Vergangenheit nicht zu Verantwortung in der Gegenwart macht.  Wenn die Hamas ungestört in Berlin Konferenzen abhalten kann, dann ist die deutsche Vergangenheitsbewältigung gescheitert.

Merkel beendete ihre Rede in Auschwitz mit folgenden Worten: „Es ist wichtig, die Täter deutlich zu benennen. Das sind wir deutschen den Opfern schuldig – und uns selbst.“ Es stellt sich die Frage, um wen es in unserer „Erinnerungskultur“ wirklich geht. Wem gilt der Kranz, den Merkel an der „Todesmauer“ niedergelegt hat? Gilt er den Opfern, gilt er als Erinnerung und Mahnung – oder gilt er einem Land, welches diesen Kranz als selbstgegebene Auszeichnung für die eigene „Erinnerungskultur“ sieht? Es mag polit-taktisch angemessen sein, in Polen zu betonen, dass die Konzentrationslager deutsche Lager waren. Und ja, wer über den Holocaust spricht, der muss über deutsche sprechen, über Deutschland. Ja, es ist richtig, wenn Merkel sagt, dass Auschwitz ein Bestandteil unserer nationalen Identität ist. Man sollte nur nicht vergessen: Auschwitz ist auch ein integraler Bestandteil der nationalen Identität Israels. Auschwitz galt neben Homosexuellen, Sinti und Roma und anderen Gruppen vor allem den Juden. Hier vage von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ zu sprechen und damit doch innenpolitisch in Richtung der AfD zu  schießen, ist unangemessen. Mit keinem Wort den Israelbezogenen Antisemitismus zu erwähnen, während Leute, die zum weltweiten Judenmord aufrufen, nicht nur nach Deutschland einreisen, sondern dort auch wirken und sich organisieren dürfen, steht fast schon eindrucksvoll für das, was aus der deutschen Erinnerungskultur geworden ist: Ein nationaler Kult, bei dem es sich eben nicht um ehrliche Lehren aus der Geschichte dreht, sondern um die deutsche Psyche. 

6 Antworten

  1. Rudolf Sauer sagt:

    Ich habe gestern einen Kommentar geschrieben, daß die Hamas sich verpflichtet hat, die Sicherheit der Einwohner Israels zu garantieren, falls es zu einem palästinensischen Staat kommt.

    Dieser Kommentar ist bis heute nicht veröffentlicht worden. Aus welchen Gründen?

    Paßt dieser Inhalt nicht in Ihr Konzept?

  2. Der Journalist Christoph Hlrstel, der Gründer der Partei „Neue Mitte“, (www neuemitte.org) der nahezu jeden Samstag einen Wochenrückblick auf seinem YouTube-Kanal „Christoph Hlörstel“ veröffentlicht, hat in seinem Wochenrückblicken wiederholt berichtet, daß die Hamas Erklärungen veröffentlicht hat, in denen sie die Sicherheit der ehemaligen Bewohner Israels in einem palästinensischen Staat garantiert.

  3. dasLinkeParadox sagt:

    Auf den Punkt. Danke Max. Schalom!

  4. Konrad Kugler sagt:

    Die Kanzlerin hat kein einziges falsches Wort gesagt, trotzdem ist die Rede eine ganze Lüge.
    Ihr Vertreter bei der UNO unterstützt jede Resolution, die gegen Israel geht. Und dort sitzen eine große Anzahl von arabischen Staaten, die nichts anderes zu tun haben, als Resolutionen gegen Israel einzubringen.

    Liebe junge Leute, werdet keine Experten (= Fachidioten), sondern schaut, daß ihr überall halbwegs sachkundig seid. Wenn etwas umstritten ist, dann ist es die Wahrheit die stört.

    Lest wenigstens einmal „Der Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn. Das Buch existiert dreibändig, aber es gibt auch eine komprimierte Ausgabe davon. Dann geht euch vielleicht auf, daß der Teufel in jeder Ideologie steckt.

    Wenn es Franz Josef Strauß gelungen wäre, die CSU bundesweit zu etablieren, dann gäbe und bräuchte es die AfD nicht und Deutschland wäre in einer besseren Verfassung. So muß ich, 1943, seit 1956 Antikommunist, als ewiger CSU-Wähler jetzt die AfD wählen.

  5. moneypenny sagt:

    Die Rede von Frau M. ist widerlich – wer hat denn zugelassen, dass es zunehmend Hassdelikte, die sich gegen unsere demokratischen Grundrechte richten, in unserem Land gibt? Diese Frau schämt sich einfach für gar nichts und geht (hier buchstäblich) über Leichen. Und die Deutschen (bitte großschreiben!) scheint sie regelrecht zu hassen.
    Vielen Dank für den trotz Bremer Abitur wieder mal hervorragenden Artikel!

  1. 7. Dezember 2019

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