Fortschritt im Wandel

Von ELENA | Erst neulich war ich bei einem Pitch, bei welchem junge Unternehmer ihre Start-ups präsentierten, um neue Investoren von ihrem Konzept zu überzeugen und den Preis für die innovativste Gründungidee zu bekommen. Es wurden viele Projekte vorgestellt: Möbel, Apps, Sharing-Produkte, Bekleidung und Lebensmittel. Doch auch wenn einige Ideen interessant erschienen und die Zuschauer begeistert waren, scheint es mir weit hergeholt, die vorgestellten Ideen als fortschrittlich und innovativ zu bezeichnen. Und so stellte ich mir dir Frage, was genau Fortschritt eigentlich ist und in welchem Stadium des Fortschritts wir und momentan befinden.

Ursprünglich wurde der Begriff des Fortschritts im 18. Jahrhundert geprägt. Dort war er die Leitvorstellung des aufgeklärten Denkens der Epoche. Das Individuum und seine Entwicklung standen im Vordergrund. Ab dem 19. Jahrhundert nahm der Begriff einen globalen und ökonomischen Charakter an. Der Fortschritt galt als Gerüst der Moderne und wurde zum alltäglich verwendeten Begriff. Somit wurde ein Anspruch an ständige Verbesserung sowie an spezifische Zukunftserwartungen gelegt. Neue Errungenschaften in der Wissenschaft, in der Technik und in industriellen Produktionsmethoden, wie der Telegraph oder die Eisenbahn beschleunigten die Dynamik der europäischen Volkswirtschaften.

Heutzutage hat der Begriff viele Facetten und kann in verschiedene Unterkategorien unterteilt werden. So kann der Fortschritt in der Gesellschaft und in der Kultur, in der Technik und Forschung, oder auch im Individuum erfolgen. Ein gesellschaftlicher Fortschritt zeichnet sich zum Bespiel durch mehr Gerechtigkeit und mehr Möglichkeiten zur freien Entfaltung aus, der wissenschaftliche durch die Erforschung der Umwelt und der Optimierung und Entwicklung von Technologien. Das Individuum hingegen kann einer Selbstoptimierung entgegenstreben und sein Moralempfinden ausbauen.  Für den allgemeinen Fortschritt sind also eine höhere Lebensqualität, eine wachsende Wirtschaft und die Optimierung der Gesellschaft von Priorität.

Die Kriterien für eine Regression wären analog: Eine schlechtere Bildung, sinkende Lebensqualität, Wirtschaftskrisen, eine rückläufige demografische Entwicklung und eine niedrige Geburtenrate, chronische Krankheiten, ein geringes Moralempfinden und die Beschneidung der Freiheit bilden den Kern einer Rückentwicklung. Schaut man sich heutzutage um, scheinen letztere Aspekte häufig verbreitet zu sein. Die Bildung wird kontinuierlich reformiert und hat ein Stadium erreicht, in welchem Schüler die weiterführende Schule besuchen, ohne richtig Lesen und Rechnen zu können. Entwicklungsstörungen, wie Legasthenie, Dyskalkulie und die Leserechtschreibschwäche nehmen zu. Die Errungenschaften der einstigen Bildungspolitik, welche durch den Ausbau eines fundierten Basiswissens in den Naturwissenschaften und der Mathematik zum technologischen Fortschritt verhalf, scheinen nun größtenteils verkümmert. Aber auch unser Wertesystem macht einen Wandel durch. Wo demokratische Werte die Basis der Gesellschaft bildeten, so werden sie heute hinterfragt. Vor allem in Ballungszentren mit einem hohen Migrantenanteil werden westliche Grundprinzipien in Frage gestellt und eine säkularisierte Gesellschaft nicht akzeptiert. In der Kunst scheint die Entwicklung ebenfalls rückläufig zu sein. Kreativität, Fleiß und Talent sind nunmehr zweitrangig. Vielmehr spielen Vulgarität und Provokation eine größere Rolle. Die Entwicklung in manchem technischen Bereich ist darauf gepolt, durch die Entwicklung neuer Apps und Spiele dem Nutzer so viel Zeit wie möglich abzunehmen, um dann möglichst viel Profit durch das Schalten von Werbung zu erwirtschaften. Der Begriff des Fortschritts hat so eine neue Bedeutung gewonnen: neue Produkte sollen entwickelt werden, welche nicht darauf bedacht sind, die Lebensqualität zu steigern, sondern den Massenkonsuminteressen gerecht zu werden. Dem Nutzer wird dieses Produkt als innovativ und fortschrittlich verkauft. Hierbei lässt sich auf die Globale Beschleunigungskrise verweisen, welche besagt, dass ein beschleunigender Fortschritt mit einem sehr schnellen und vereinheitlichen Strukturwandel zwangsläufig zu einer instabilen Gesamtlage der menschlichen Zivilisation führt und somit einen Wendepunkt der Geschichte des Fortschritts darstellt, in welchem es einer Neuorientierung bedarf.  Möglicherweise ist genau jetzt der Zeitpunkt, an welchem wir uns an solche einem Punkt befinden und einen neuen Weg einschlagen sollten, in welchem beständige und bewährte Strukturen erhalten bleiben und dort Entwicklung stattfindet, wo die Möglichkeit zur Verbesserung besteht.

1 Antwort

  1. Carla Braun sagt:

    Die Realität ist exakt dargestellt. Ein Klasse Beitrag 👍

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.