Es muss von unten kommen!

Von ADRIÁN | Der 1. Mai ist doch was schönes. Zum Feier- und Protesttag vor allem durch einen Aufstand von US-Arbeitern 1886 geworden, als Feiertag in Deutschland eingeführt 1933. Aber immer wieder Grund für viele Linke, „für die Arbeiterklasse“ auf die Straße zu gehen. Alles organisiert übers westliche Internet auf Smartphones, am besten nach der Demo noch mit „Kampf dem Kapital“ auf dem Rucksack zum nächsten McDonald’s gehen. Konsequent gelebter Antikapitalismus, ich merk’s.
Wir von der LJB Berlin waren auf dem Myfest Mariannenplatz unterwegs. In der Mitte waren kreisförmig ein paar Stände aufgebaut, beflaggt mit Cuba- oder gleich Ché Guevara-Flaggen. Die großen sozialistischen Mörd…Helden und Freiheitskämpfer. Für viele anscheinend immer noch ungebrochen anziehend. Über 200.000 angeordnete Morde? Egal. 217 „KoNtErReVoLuTiOnÄrE“ persönlich hingerichtet? Egal.
Zur rechten gab es dann zwei Reihen von Ständen. In der hinteren hatten sich vor allem Kurden und Kurdenfreunde versammelt, so weit, so unspektakulär. Zu den Kurdenbewegungen hatten wir bereits Anfang März einen Artikel veröffentlicht. Irgendwo dazwischen befand sich ein Stand mit der Aufschrift „Marx is muss“, auf den ich später nochmal zurückkomme.
In der vorderen Reihe waren vor allem Palästinenserstände zu finden. Meistens verkauften sie irgendwelches zugegebenermaßen gut riechendes Essen, an einigen waren aber auch Kampf…ich meine Freiheitsschriften gegen den bösen Israelischen Besatzer.
Auf der Rednerbühne stammelte irgendeine Rednerin der linken etwas vor sich hin, wir schenkten ihr keine weitere Beachtung.
Dann wollten wir es aber mal genauer wissen. Wir gingen also zu dem vorhin erwähnten Stand. Einer der Anwesenden erklärte sich direkt bereit zu unserem „Interview“. Als erstes wollten wir etwas über seine Ausrichtung wissen, also ob er ein „richtiger Marxist“ sei. Er antwortete, dass der Marxismus und Erkenntnisse aus den versuchten Anwendungen für ihn ein gutes Werkzeug seien, um etwas in der Gesellschaft zu verändern. Da wollten wir wissen: welche Erkenntnisse meint er? Etwas zögernd antwortete er, dass unter anderem der Stalinismus ein Beispiel sei, wie es nicht funktioniert. Sozialismus müsse „von unten kommen“ und demokratisch gestaltet sein. Da dachte ich mir: schön, dass wir ein Beispiel haben, wie es nicht funktioniert. Hast du vielleicht auch ein positives? Von ihm aus herrschte dann Funkstille, also kam die nächste Frage. Gab es in seinen Augen schon mal eine richtige Umsetzung des Sozialismus? Laut ihm gab es Ansätze, die in die richtige Richtung geführt haben. Da fragten wir, wo zum Beispiel das der Fall gewesen sein soll. Er antwortete, dass die Oktoberrevolution ein spannender Ansatz gewesen wäre, bei dem Massenbewegungen in großen Teilen Russlands sich in Räten demokratisch organisiert hätten, bis ausländische Armeen einmarschierten und gleichzeitig intern die Widersprüche so groß wurden, dass das Projekt erst mal gescheitert sei. Aber daraus hätten viele Leute Lehren gezogen und sich weiterentwickelt. Genauso sähe man gerade, dass zum Beispiel in Frankreich ganz viele Studierende Universitäten blockieren aber auch Arbeiterinnen und Arbeiter streiken und da halt wieder mal Erfahrungen gesammelt werden würden, die ganz wichtig sind. Ich habe mich mal informiert, worum es bei diesen Protesten geht. Das zentrale Thema soll eine Schulreform bei dem angeblich so schon elitären Bildungssystem in Frankreich sein. Die Studenten demonstrieren in der Tat dagegen, dass Stipendien und Studienplätze nach Leistung verteilt werden. Man muss also jetzt schon intelligent und leistungsfähig sein, um studieren zu können. Unerhört, da darf man sich doch mal beschweren. Wir wollten aber noch mehr über seine Ansicht zur Oktoberrevolution wissen. Wenn er diese schon anspricht fällt ja auf, dass diese in Wahrheit eine Revolution gegen eine Revolution war, nämlich gegen die Februarrevolution, die den Zaren bereits abgesetzt hatte. Und wenn das so eine Massenbewegung war, wie kann er dann erklären, dass Lenin bei den letzten Abstimmungen immer nur ca. 30% der Russen und demzufolge ca. 70% der Russen gegen ihn gestimmt haben. Er antwortete damit, dass es erst mal entscheidend war, dass die Oktoberrevolution selbst eine Massenbewegung war. Dann fühlte er sich etwas unwohl. Er sagte, dass er das Gefühl hätte, dass das Interview in eine Richtung führen würde, dass es eigentlich nur darum gehe, zu zeigen, warum die Oktoberrevolution von vornherein schlecht wäre und den Keim des Stalinismus schon in sich tragen würde. Ich dachte mir nur: gut erkannt, dass wir nicht nur an der Oberfläche kratzen wollen. Weiter sagte er, dass er findet, dass das eine Entwicklung im Gespräch nicht auf die Richtung ausgehe, wirklich mal den Punkt zu setzen, dass Leute gerade weltweit wieder Vertrauen in ihre eigene Macht schöpfen würden. Er brachte nochmal das Beispiel Frankreich, wo gerade 100.000 Arbeiterinnen und Arbeiter streiken und auch Studierende gerade Landesweit Universitäten besetzen. Da jetzt auf die Debatten von 1917 zurückzufallen und solche Debatten in den Vordergrund zu stellen, ist dann laut ihm nicht das, was er als Marxist als entscheidend empfinden würde. Komisch, erst 1917 als Beispiel für eine Massenbewegung bringen und dann auf einmal nicht auf alte Debatten zurückfallen wollen. Dann fragen wir eben mal anders: wenn die Studierenden in Frankreich die Universitäten besetzen und dann einen Schritt weiter gehen würden und die Parlamente besetzen und dann z. B. die französische Sowjetrepublik ausrufen würden, würde er das dann gutheißen? Er sagte, die Frage wäre so polemisch gestellt. Er glaubt, „dass es um den demokratischen Prozess geht, bei dem Leute Erfahrungen sammeln und ihre Lehren daraus ziehen, was sie eben für Erfahrungen sammeln“. Ich würde diese Stelle gerne kommentieren, wenn mir jemand den Sinn dieser Aussage erklärt. Weiter meint er, dass es extrem demokratisch ablaufen muss. Die spannendsten Prozesse und Veränderungen entstehen aus so einem Prozess heraus. Ich denke, er meint, dass die spannendsten Prozesse und Veränderungen aus einem demokratischen Prozess heraus entstehen. Gut, da kann man jetzt nicht wirklich was dagegen sagen, schließlich sind wir ja auch für Demokratie. Da fragten wir sicherheitshalber, ob die Mehrheit dafür sein muss, dass der Sozialismus eingeführt wird. Da stimmte er zu, „selbstverständlich, was für eine Frage. Die folgende Frage mit der dazugehörigen Antwort werde ich einfach mal eins zu eins hier aufschreiben. „Und wenn jetzt Leute, also nicht die Mehrheit dagegen ist, aber Teile dagegen sind, was würden Sie mit denen dann machen? Also wenn die sich dem Sozialismus widersetzen“ Die Antwort: „Also nur mal als Beispiel so, wahrscheinlich spielst du ja gerade darauf an, dass es irgendwie Kapitalistinnen und Kapitalisten gibt und so weiter und ähm ich glaub natürlich geht’s darum, dass es halt, Demokratie heißt ja nicht, dass jetzt zum Beispiel Leute, die andere unterdrücken, ähm, unbedingt sozusagen, wenn sie dem im Wege stehen irgendwie zwangsläufig, ähm, genau dabei halt entscheidend mitwirken sollten oder so, sondern es geht darum, dass halt die Mehrheit der Leute in nem solidarischen Prozess zusammenkommen und dabei eben ne solidarische Gesellschaft aufbauen und ich glaub, dass man eben diesen Solidaritätsaspekt eigentlich in den Vordergrund heben muss, und das sehen wir zum Beispiel in den USA gerade auch, wo eben ähm in Arizona Leute streiken und da ist es nicht im Vordergrund, dass jetzt eben ähm die ganze Zeit also sozusagen, einfach nur nen negativen Aspekt hervorheben, sondern es geht eigentlich darum, äh, nen solidarischen Gedanken zu stärken und auch die besten Reformen zum Beispiel wurden immer erkämpft durch echte Bewegungen, nur mal als Gegenbeispiel so.“ Ich habe Tage damit verbracht, herauszufinden, was ee uns damit sagen möchte. Falls es jemand versteht, würde ich mich über einen Kommentar mit Erklärung freuen. Wir wollten noch weiterfragen, aber er musste dann plötzlich wieder zurück zum Stand. Wir bedankten uns für das kurze Interview und verließen langsam Kreuzberg, denn langsam zogen die Demonstranten der revolutionären 1. Mai-Demo durch die Straßen und wir wollten nicht in mögliche Randale geraten.

2 Antworten

  1. Hannes R sagt:

    Ich verstehe deine Antwort folgendermaßen: Er führt erstmal Kapitalisten etc. als Gegner des Sozialismus auf und meint in einer Demokratie würden diese ja nicht unterdrückt werden. Die Begründung dafür ist dann, dass diese Opposition ja nicht mitwirken müsse beim Aufbau des Sozialismus weil die Gesellschaft so solidarisch seien würde. Klingt so als wenn er denkt, dass die Opposition so solidarisch wird, dass sie trotzdem irgendwie mithilft oder zumindest keine Opposition mehr ist sondern einfach ein stilles Nichts das sich mit Sozialismus zufrieden gibt. Der Rest seiner Antwort ist zu durcheinander, da kann ich auch nichts mit anfangen. Auf jeden Fall will er irgendwie Solidarität hervorheben als Lösung für die Fragestellung.

  2. Hannes R sagt:

    seine* Antwort

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