Die neue Identitätspolitik – bald auch bei uns

Von Sebastian Thormann | In letzter Zeit werden Statuen in den USA und England von Randalierern attackiert. Und die Rede ist hier nicht von Konföderierten-Statuen, nein es geht um Winston Churchill, George Washington, Thomas Jefferson, Christoph Kolumbus. Vor einigen Tagen wurden in San Francisco die Statuen von Ulysses S. Grant, General der Union im Bürgerkrieg und später US-Präsident, ebenso wie Francis Scott Key, Dichter des Textes der amerikanischen Nationalhymne, umgestürzt. In Washington D.C. fordern “Aktivisten” ein Lincoln-Denkmal in Erinnerung an die Befreiung der Sklaven zu stürzen. Egal wie man es verdrehen will, das hat nichts mit Anti-Rassismus zu tun.

Aber das alles ist nicht einfach so, aus dem Nichts, passiert. Seit Jahren gibt es den Versuch die Gründungsgeschichte der USA umzuschreiben und Rassismus an sich politisch umzudefinieren. Ein Beispiel dafür ist das sog. 1619 Projekt der New York Times. Dessen Gründerin schrieb kürzlich auf Twitter sie würde sich “geehrt fühlen”, wenn die Gewalt der letzten Wochen als “1619 Unruhen” in die Geschichte eingehen sollten.

Bei dem Projekt geht es um das Narrativ die “echte” Gründung der USA wäre nicht 1776 mit der Unabhängigkeitserklärung der 13 Kolonien gewesen sondern mehr als hundert Jahre zuvor, als 1619 das erste Mal Sklaven in den Kolonien ankamen. Im Grunde wird behauptet die USA, die wahrscheinlich freieste Nation der Welt, seien auf Unterdrückung gegründet, und diese Unterdrückung dauere bis heute an. Der Unabhängigkeitskrieg sei nur gekämpft worden, um die Sklaverei zu beschützen, der Rassismus sei in Wahrheit tief verwurzelt in der Verfassung. Im Grunde geht es also darum, dass Amerika nicht trotz sondern gerade wegen der Sklaverei gegründet wurde.

Sie war es auch die sagte, “vielleicht” sei es nicht wert Grants Statue umzustürzen. Aber sie verstehe, wenn die Leute “übereifrig” seien.

Der prominenteste Unions-General im US-Bürgerkrieg, der als Präsident den Ku-Klux-Klan mit Bundestruppen bekämpfte und im besetzen Süden Bürgerrechte für Schwarze durchsetzte, dessen Denkmal ist nur “vielleicht” nicht wert im Namen von Anti-Rassismus umgestürzt zu werden?

Die Inhalte des 1619 Projekts werden inzwischen schon in einigen Schulen quer durchs Land verwendet, das ist aktives Umschreiben der Geschichte. Amerika und die US-Institutionen sollen als von Grund auf rassistisch und unterdrückerisch dargestellt werden und das Gruppendenken a la Identity Politics wird angefeuert. Menschen werden danach nicht mehr als Individuen betrachtet sondern zuallererst nach ihrer Zugehörigkeit zu einer Ethnie.

So kommt man zu dem Konzept des “White Privilege”: Da ja “das System” Minderheiten unterdrücke, seien die Weißen aufgrund ihrer Hautfarbe bevorzugt und müssten ihr “Privileg” überprüfen (“check your privilege”). Man müsse “Weißsein” kritisch hinterfragen heißt es dann.

Nun kann man tatsächlich das Argument machen, dass es Minderheiten in der Vergangenheit diskriminiert wurden, aber das rechtfertigt nicht Menschen heutzutage aufgrund ihrer Hautfarbe in Unterdrücker und Unterdrückte einzuordnen. Wäre es nicht lächerlich von jemanden der z.B. in einer zerrütteten Familie in Armut aufwächst zu verlangen er soll sein Privileg eingestehen, nur weil er die falsche Hautfarbe hat?

Fakt ist, längst nicht alle statistische Unterschiede z.B. in Einkommen zwischen den verschiedenen Ethnien müssen durch Diskriminierung entstanden sein. Asiatische Amerikaner z.B. verdienen rein statistisch mehr als Weiße und Schwarze in den USA, und das obwohl sie auch in der Vergangenheit Diskriminierung ausgesetzt waren. Das heißt nicht, die eine Gruppe ist besser oder schlechter als die andere, sondern jeder Mensch ist ein Individuum, der in einer anderen Umgebung aufgewachsen ist, der eigenständige Entscheidungen trifft.

Aber nach dieser Logik wird auch Rassismus umdefiniert: Statt Diskriminierung aufgrund der ethnischen Abstammung, wird daraus genau dieses Konzept der “Unterdrückung”, d.h. Rassismus ist rassistische Diskriminierung durch die Unterdrücker gegen die Unterdrückten.

Die vermeintlichen Unterdrücker zu diskriminieren ist auf einmal kein Rassismus mehr. Das kann sehr schnell ganz böse enden, wie etwa wenn Antisemitismus gerechtfertigt wird, da er sich gegen angebliche Unterdrücker in Israel richte. Diese Logik ist absurd. Jede Art von Rassismus ist falsch.

Und gefährlich wird es dann wenn man die ganze Welt durch die Unterdrückungs-Linse sieht. Dann verlieren eben die bestehenden Institutionen und Werte ihre Legitimität, das wäre dann ja sowieso alles nur zur Unterdrückung da.

Meinungsfreiheit wird dann auf einmal ein Werkzeug des weißen Patriarchats und man sollte zu bestimmten Themen nichts sagen, da ja nur die entsprechende Gruppe sich damit auskennt und man selber ja eine “privilegierte Sicht” darauf hat.

Und wenn Institutionen wie die Polizei auch durch und durch rassistisch und böse sind, dann kommt es zu Szenen, in denen weiße Demonstranten auch mal schwarze Polizisten darüber belehren wie rassistisch die Polizei eigentlich ist.

Oder einem absurden New York Times Artikel in dem es allen Ernstes darum geht, wie weiße Bewohner eines Stadtteils von Minneapolis bei Verbrechen nicht mehr die Polizei rufen, nachdem hunderte Obdachlose, anscheinend darunter viele Minderheiten, in einem nahen Park ein Zeltlager eingerichtet hatten. Berichtet wird u.a. wie Frauen wegen sexueller Belästigung den Park meiden und Sachschäden an ihren Häusern ignorieren, statt die Polizei zu rufen. Nachdem sie Kurse zu “Privilegien” belegt hat, macht sich eine junge Frau Sorgen, dass die Nachrichten über das Zeltlager durch “Racial Profiling” beeinflusst seien. Über die illegalen Aktivitäten dort sagt sie: “Mein Gefühl ist, das sind Symptome systemischer Unterdrückung. Und das liegt nicht an ihnen.“ Das ist der krasse Gegenentwurf zur Eigenverantwortung, alle Schuld hat jetzt das vermeintliche Unterdrücker-System.

Aber es wird noch besser: Der Artikel beschreibt auch den Fall eines Mannes der von zwei schwarzen Teenagern ausgeraubt wird, die ihn mit einer Waffe bedrohen. Er ruft die Polizei, bereut das allerdings später und will nun nicht gegen die Jungen aussagen. Ihm wurde klar, meint er, dass er ihnen eigentlich hätte Hilfe anbieten sollen: “Ich bedauere, die Polizei gerufen zu haben. Es war mein Instinkt, aber ich wünschte, es wäre nicht so gewesen. Ich habe diese Jungen in Todesgefahr gebracht, indem ich die Polizei gerufen habe.”

Er wurde ausgeraubt. Mit vorgehaltener Waffe.

Ich befürchte leider, uns steht bald auch das Aufkommen dieses absurden Unsinns bevor, der in USA und Großbritannien schon weiter verbreitet ist. Vielleicht noch nicht in solch haarsträubenden Dimensionen, aber die Anfänge davon sehen wir jetzt schon in manchen Medien.

Wenn es also in ein paar Jahren heißt “Überprüfe deine Privilegien”, “Hinterfrage dein Weißsein” und Bismarck-Statuen gestürzt werden, dann willkommen in der neuen bunten Welt der rassistischen Identitätspolitik.

2 Antworten

  1. Martha Minsk sagt:

    Ihr Artikel hat mir gefallen.

    Das Thema Rassismus wird aktuell wieder heiß diskutiert und leider kann ich in diesem medialen Einheitsbrei kaum kritische Beiträge dazu finden. Also vielen Danke für jeden Artikel, der nicht den populären linken Fantasien entspricht.

    Ich persönlich, aufgewachsen in Berlin, Kreuzberg und mit (sichtbaren) afrikanischen Wurzeln kann nicht sagen, mich irgendwann hilflos von „weißen privilegierten“ Kindern oder Erwachsenen unterdrückt gefühlt zu haben. Bisher habe ich diese vermeintliche Unterdrückung nur andersherum erlebt.

    Jede Rassismus Diskussion, die ich miterlebt habe, konnte ich (und andere „nicht-weiße“ Mitschüler) mit einem einfach ja, das ist rassistisch oder nein, das ist nicht rassistisch beenden. Danach wagte sich keiner meiner überwiegend ‚weißen‘ Mitschüler meinen Behauptungen zu widersprechen.

    So sehen die modernen Diskussionen (zumindest im Schulunterricht) also aus: Minderheiten sind immer im Recht, da sie automatisch Opfer und somit nicht mehr zu hinterfragen sind.
    Wo ernsthafte Auseinandersetzungen widersprüchlichen Ideologien weichen, kann nichts Vernünftiges bei rauskommen.

  2. David sagt:

    Das ist so was von krank, daß mir momentan schlicht die Worte fehlen, das weiter auszuführen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.