Die neue Berlin-Blockade

Von Larissa Fußer | Als ich 15 Jahre alt war haben wir in der Schule die RAF behandelt. Für mich waren das die spannendsten Geschichtsstunden meiner gesamten Schullaufbahn. Ich hatte vorher noch nie von der Baader-Meinhof-Bande gehört und konnte es gar nicht fassen, dass vor nicht einmal vierzig Jahren quasi bei mir um die Ecke in Berlin so brutal gemordet worden war. Ich hatte noch keine Erfahrungen mit Terror gemacht, an 9/11 war ich drei Jahre alt und der Breitscheidplatz-Anschlag sollte erst noch kommen. Ich habe meine Eltern ausgefragt, was sie davon mitbekommen hatten. Nicht viel. Meine Mutter war damals noch nicht in Berlin gewesen und mein Vater hinter der Mauer. Mein Vater erzählte mir, dass er in dieser Zeit auf Untergrundpartys in der DDR gewesen war und die Stasi ihn überwacht hatte. Es war das erste Mal, dass ich mir die DDR bildlich vorstellte. Terror, Untergrundpartys, Stasi. Für mein 15-jähriges Ich klang das alles unglaublich aufregend. Ich gruselte mich bei den Erzählungen, gleichzeitig empfand ich aber auch einen gewissen Neid. Bei meinen Eltern war immerhin richtig was los gewesen. Mein Leben bewegte sich zwischen Schule und Bett. Gelegentlich ging ich auch auf Partys, wo ich dann einen „Muttizettel“ vorzeigen musste und mir aussuchen konnte, ob ich nun mit einem bekifften oder einem besoffenen Jungen knutschen wollte. Mein Alltag kam mir unendlich brav und öde vor.

Das ist jetzt 6 Jahre her. Und wie so oft haben sich meine Teenie-Wünsche genau jetzt erfüllt, wo ich es nicht mehr gebrauchen kann. In der letzten Woche hat Extinction Rebellion Berlin blockiert. Aufregend war das allemal. Vielleicht werde ich einmal meinen Enkeln davon erzählen. Wenn man dann überhaupt noch Kinder haben darf. Wegen CO2-Bilanz und so. „Liebe Enkel“, werde ich dann anfangen, „in der zweiten Oktoberwoche 2019 hat eure Oma sehr viel geflucht, gespuckt, und geschrien. Jeder, der ihr auf der Straße begegnet ist, sah eine junge Frau mit steinharter Miene, starren Augen und vorgeschobenem Kiefer. Hätte mich jemand angesprochen, ich hätte ihn angefaucht.“ „Warum denn das, Oma?“, werden die Kleinen fragen. Nun ja. 

Ich arbeite und studiere in Berlin Mitte. Ich muss da also jeden Morgen hin. Egal, ob’s hagelt, Obama Merkel besucht, die XR (Extinction Rebellion) die Straßen blockiert oder alles zusammen. Dementsprechend schön waren meine Erlebnisse. Zum ersten Mal sah ich die Hippies am Mittwochnachmittag. Ich hörte von meinem Unicampus aus unbestimmtes Geschrei. Ich wusste schon aus den Nachrichten, dass nicht einmal 500 Meter entfernt die Marschallbrücke blockiert wird. Keine unwichtige Brücke. Sie liegt im Regierungsviertel und verbindet unsere „Prachtstraße“ Unter den Linden unter anderem mit dem Hauptbahnhof und dem Charité Krankenhaus auf der anderen Seite der Spree. Ich fahre jeden Morgen über diese Brücke. Nur an diesem Morgen eben nicht. Ich war allein deswegen schon, wie sag ich’s, ungemütlich eingestellt. 

Ich entschied mich, mir die „gewaltfreien“ Terroristen einmal anzusehen. Ich konnte mich nicht erinnern, dass je eine Demo in Berlin eine ganze Woche angedauert hat. Und Berlin hat viele Demos. Das hier hatte ein neues Ausmaß. Ich lief also ein kurzes Stück an mehreren Polizeiabsperrungen vorbei und traf auf einen ziemlich gut gelaunten Demonstrantenhaufen. Vielleicht 150 Leute zwischen 5 und 75 Jahren hatten sich da versammelt. Viele waren im Studentenalter, aber auch Ü40iger mit ihren kleinen Kindern waren da. Sie lagen auf der Straße in Schlafsäcke eingemummelt oder sprachen mit einem verstrahlten Colgate-Grinsen die Passanten an. Einige hielten Schilder hoch, andere verteilten Flyer. Ich fühlte mich wie bei Woodstock. Alle paar Meter spielte irgendwer Gitarre und hatte eine Gruppe Leute um sich versammelt, die mit geschlossenen Augen ein Friedenslied jaulten. Doch die meiste Aufmerksamkeit zog ein Stretch-Programm auf sich. Ein paar junge Hippies standen da in einem Kreis und sangen „Push it, climate, change it!“. Dabei drückten sie bei „Push it“ ihr Becken nach vorne, bei „climate“ warfen sie ihre Hände über die linke Schulter, bei „change it“ über die rechte. Und wieder von vorne und so weiter. Ich stellte mich zu ein paar Fotografen, die dieses „Happening“ ausgiebig knipsten. Alle waren total gut drauf und giggelten herum. Aber auf mich übertrug sich die Freude irgendwie so gar nicht. Ich fühlte mich wie im falschen Film. 

Plötzlich stupste mich ein Kind an. Es war vielleicht fünf Jahre alt und drückte mir einen Flyer in die Hand. Der kleine Wurm guckte mich mit riesigen Augen an, während ich den Flyer las.  „Entschuldigen Sie die Störung, aber es ist ein Notfall!“, stand da. Ich war einigermaßen perplex und bedankte mich reflexhaft bei dem Kleinen, wie man sich bei einem Kind bedankt, das einem ein selbstgemaltes Bild schenkt. Er strahlte mich an und dackelte weiter. Jetzt fielen mir Kreidekritzeleien auf der Straße auf, die sehr nach Kinderkunst aussahen. Eine Zeichnung zeigte einen Totenkopf, daneben war in Kinderschrift „verdammte Totenkopflobbyisten“ gekrakelt. Ich guckte mir die Kinder an. Die meisten hatten das Sanduhrzeichen der XR im Gesicht. Es schüttelte mich. Eigentlich weiß ich ja schon, dass Eltern oft ihre Kinder für politische Zwecke missbrauchen. Trotzdem, es so direkt zu sehen, nahm mich ziemlich mit. 

Ich wurde wütend und löste mich von den Kindern, um mir ein paar Plakate anzugucken. Schnell machte ich meinen Favoriten aus: „Die Erde retten. Für dich – für mich. Und auch für meine Bundeskanzlerin.“ Mir wurde ganz schlecht. Ein paar Meter weiter stand dann noch: „Der Kapitalismus-Imperialismus zerstört diesen Planeten…und nur Revolution gibt der Menschheit eine echte Chance ihn zu retten!“ Was denn nu, dachte ich, Kuscheln mit Mutti oder Revolution? Ich konnte diese Leute nicht ernst nehmen. Wie sie da alle so lagen, tanzten, kuschelten und knutschten, kamen sie mir sehr harmlos vor. Es wäre ein leichtes für die überpräsente Polizei gewesen, die Demo aufzulösen und die Demonstranten wegzutragen. Doch das war offensichtlich nicht gewollt. 

Nach dieser ersten Berührung traf ich die Hippies leider noch öfter. Später am Nachmittag wollte ich von der Arbeit nach Hause. Ich war so naiv ein Car-Sharing-Auto zu buchen. Die Stadt war zu. Überall waren unangemeldete Blockaden, die nicht geräumt wurden. Mitte war komplett zugestaut, Kreuzberg war zugestaut. Ich schaffte es mit Müh und Not zur Oberbaumbrücke an der East-Side-Gallery. Doch dort musste ich aufgeben. Die Brücke war blockiert. Ich wusste, dass auch die nächste Brücke auch blockiert ist. Es war absolut unklar, über welche Brücke ich noch auf die andere Spreeseite kommen konnte. „Herrschaftszeiten!“, fluchte ich. Gut, vielleicht war es auch ein stärkerer Ausdruck. Ich stellte das Auto ab und musste nun notgedrungener Weise laufen, was ich in der Dunkelheit an der Oberbaumbrücke normalerweise tunlichst vermeide. Die Gründe hat Pauline Schwarz ja schon sehr gut beschrieben.

Ich überquerte die Brücke zu Fuß und sah dabei Demonstranten, die nichts mehr von den Hippies vom Vormittag hatten. Die Stimmung war aggressiv. Ich fühlte mich wie früher auf dem ersten Mai, als mir einmal jemand zurief, ich solle wegrennen, weil gleich der Antifa-Block kommt. Nicht unwahrscheinlich, dass sich auch hier die Antifa unter die Klimademonstranten gemischt hatte. Ich bekam Angst und lief sehr schnell mit Tunnelblick nach Hause.

Am Donnerstag habe ich dann die Bahn genommen. Das klappte. Auf der Arbeit traf ich meinen Kollegen, der nicht so viel Glück hatte. Er wollte vom Hauptbahnhof aus Straßenbahn fahren, aber die Hippies haben die Schienen blockiert. Irgendwann hat die Straßenbahn die Türen geöffnet und die Passagiere rausgebeten. Ich war fassungslos. Selbst die Öffis werden also blockiert. Zu allem Überdruss hörten wir die kleinen Terroristen von unserem Büro aus. „What do we want? Climate justice! When do we want it? Now!”, schallte es da herüber. Später habe ich die kleine Demogruppe auf dem Weg zur Bahn getroffen. Diesmal waren es Jugendliche. Auf jeden Fall U20. Blendend gut gelaunt sangen sie: „Von der blauen Erde kommen wir, unser Klima stirbt genauso schnell wie wir.“ Ich musste einen Verzweiflungsschrei unterdrücken. Zuhause erzählten mir meine Familie und Freunde von den Staus, die sie in der restlichen Stadt erlebt hatten. Kaum einer ist problemlos durchgekommen. Ich schürzte meine Lippen und atmete sehr tief aus.

„Liebe Enkel, das war der Moment, in dem eure Oma sich fragte, ob sie jetzt offiziell im Sozialismus lebt.“ „Sozialismus? Was ist das, Omi?“ „Das ist, wenn das Gemeinwohl zum höchsten Wert erklärt wird und es keinen mehr schert, was der Einzelne will. Das ist, wenn der Zweck die Mittel heiligt. Das ist, wenn die höchsten Politiker zulassen, dass eine Stadt blockiert wird, weil es in ihre politische Agenda passt. Weil sie eh wollen, dass die Deutschen auf alles verzichten, was Spaß macht. Vor allem auf’s Auto.“ „Oma, was ist denn ein Auto?“ „Das, liebe Kinder, erzähle ich euch morgen. Vielleicht finde ich ja noch ein paar Fotos von Oma und ihrem kleinen roten Flitzer. Das waren noch Zeiten.“

10 Antworten

  1. Stefan Spumant sagt:

    Wenn die Leute wirklich was tun würden, dass zum Beispiel Plastik aus dem Meer entfernt wird, wenn das stimmt, dass da so viel im Meer ist, würde ich auch mehrere hundert Euro spenden. Man könnte Schiffe kaufen und Klimaverbesserer könnten losfahren oder mit Innovationen die Probleme lösen, die wirklich existieren. Fürs Klima sind ja schon etliche Millionen oder sogar Milliarden ausgegeben worden. Damit hätte man locker das Plastik aus den Meeren rausholen können. Man beschränkt sich darauf immer wieder Bilder von Plasikkontinenten im Meer zu veröffentlichen. Die meißten Demonstranten machen aber nicht wirklich etwas, viele Kiffen produzieren Müll und denken nicht im Traum darüber nach bei der Müllbeseitigung mitzuwirken. Das wäre ja Arbeit.

  2. Paul sagt:

    Das Allgemeinwohl stand in der Demokratie achon immer an oberster Stelle. Wer wählt sie denn sonst wieder, wenn nicht die Mehrheit. Selbst laut Aristoteles ist der Staat auf das Wohl der Mehrheit ausgerichtet. Das Wohl des Einzelnen hat in der Demokratie nur den Stellenwert, dass wenn viele gerne frei sein würden, sie Parteien wählen, die dafür sind. Aber dann sind sie ja wieder im Kollektiv oder der Mehrheit. Auch finde ich dieses „SSie verbieten alles was Spaß macht“ kritisch. Einerseits ist es ja die „rechte“ Theorie, dass Menschen für ihr Leben in den sauren Apfel beißen müssen und zu Hungerlöhnen arbeitenn müssen statt ein BGE o.ä. zu haben. (Wirtschaftlich ist das ja auch richtig so) Jedoch ist es zu sehr vereinfachend dies so zu formulieren. Macht braucht Nachhaltige und Innovative Lösungen. Nur sollte man sich erstmal darum kümmern, dass die „Kippelemente“ nicht kippen. Dann kann man über Innovation nachdenken.

  3. Abid Hussain sagt:

    Wenn in Berlin-Kreuzberg der schwarze Block in SA-Manier aufmarschiert, bekommt jeder Mensch instinktiv Angst. Durch die von diesen Elendsgestalten ausgehende Gefahr für Leib und Leben wird einem unmittelbar klar, dass man es mit hochgefährlichen Irren zu tun hat, bei denen die Polizei zuständig ist.

    Anders ist es bei diesen Gute-Laune-Endzeit-Sektierern. Die Dreistigkeit, mit der sie freundlich lächelnd ihre Umwelt terrorisieren, bei flotten Rhythmen fröhlich tanzend das Ende der Welt beschwören, während die eigenen Kinder bei diesem unerträglichen Wahnsinn mitmachen müssen, lässt tatsächlich Endzeitstimmung aufkommen. Nicht die Erde geht unter, sondern Deutschland. Der Hass, den die Demonstranten auf unsere Gesellschaft haben, ist hinter einem Grinsen versteckt, das verlogener nicht sein könnte. Sie hassen unser Land, sie hassen unsere Zivilisation, sie hassen unseren Wohlstand, sie hassen unsere Kultur und ganz besonders hassen sie ihre eigenen Kinder. Nicht weil diese CO2 produzieren, sondern weil aus den Kindern zumindest theoretisch normale Menschen werden könnten, die atmen, Auto fahren, arbeiten gehen und sich an dem Paradies erfreuen, in dem wir in Deutschland leben.

    • Uwe Städing sagt:

      Das mit dem ins Gefährliche abrutschen ist nicht mal weit hergeholt. Selbst eine Hardcore-Linksrotgrüne wie Jutta Ditfurth warnt vor dem Sektiererischen dieser Endzeit-Sekte. Dort wird inzwischen die Selbstaufopferung propagiert. Und demokratische Spielregeln sind obsolet. Übrigens, auch Robert Habeck mahnte in einem Interview schon mal an, dass politische Veränderungen in Ländern wie China schneller getroffen werden. Hört, hört…

  4. A. Ferrante sagt:

    Eine kleine Minderheit will 47 Millionen Privatpkwhaltern (2019) in Deutschland verbieten, Auto zu fahren, und die Regierung auf Stadt- und Bundesebene lassen sie gewähren. Rechtsbrüche wie nicht angemeldete Demonstrationen und Straßenblockierungen werden je nach Gusto geduldet oder sogar wohlwollend aufgenommen. Liebe Larissa, ich hoffe, du bist nicht zu optimistisch mit deiner Vorstellung, deinen Enkeln diese Erlebnisse als exotische Abenteuer erzählen zu können. Vielleicht kennen deine Enkel nur noch Rabattmarken für 1x die Woche heiß duschen, und Strom für Beleuchtung nur bei bei guten Beziehungen. Und Geschichten aus der Prä-apokalyptischen Zeit unterliegen der Zensur, weil sonst auffallen würde, dass der Klimawandel gar nicht das Überleben gefährdet.

    • Valentin sagt:

      Diese Leute sind die Shield Corporation der Wirklichkeit. Manipulieren die Menschen aufgrund einer Geschichte, die nicht wahr ist (Im Highlander wird das noch aufgedeckt, und bei uns…?)

  5. moneypenny sagt:

    Liebe Oma-in-spe, was für ein Wahnsinn! Und wie Sie so richtig schreiben: das Schlimmste ist, dass dieser Irrsinn geduldet wird. So breitet er sich immer weiter aus. Zum Glück haben Sie das unbeschadet überstanden.

  1. 14. Oktober 2019

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  2. 19. Oktober 2019

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  3. 19. Oktober 2019

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