Das Bürgertum lebt – Wo die Welt noch in Ordnung ist

Von LUCY | Anders als viele der anderen Jugendlichen hier war ich noch nie linken Anfeindungen wie „Du Klimanazi!“ ausgesetzt. Bei uns spricht keiner über den „bösen Kapitalismus“. Ich lebe in einem kleinen Dorf im Emsland. Hier auf dem Lande ist die Welt noch in Ordnung und vieles, was aus Berlin kommt, ist für uns einfach nicht nachvollziehbar.

In meiner Schule sind Begriffe wie „Antifa“ oder „Fridays for Future“ quasi Fremdwörter. Keiner würde überhaupt auf die Idee kommen, die Schule zu schwänzen, um zu einer Klima-Demo zu gehen. Auch im Unterricht muss man sich selten Verschwörungstheorien anhören, dass Trump die AfD finanziert oder soetwas. Im Geschichtsunterricht geht es bei uns um objektive Fakten. Wer erwähnt, dass durch den Sozialismus Millionen Menschen gestorben sind, gilt hier nicht direkt als Rechtsradikal. Keiner trauert bei uns dem Sozialismus hinterher. Vor allem aber die Grünen, die gerade in der jungen Bevölkerung hoch im Kurs stehen, haben hier bei uns Schülern keinen guten Stand. Zu gerne erinnere ich mich an die Juniorwahl zur Bundestagswahl 2017, bei der die CDU mehr als doppelt so viele Zweitstimmen wie Grüne, SPD und Linke zusammen hatte. Von den Jusos oder der Linksjugend haben viele Mitschüler noch nie etwas gehört. Die meisten von ihnen kennen eben nur die Junge Union.

Diese Beobachtung lässt sich aber in der gesamten Bevölkerung der Region machen. Wir sind eben sehr landwirtschaftlich geprägt, viele Landwirte leiden unter Verordnungen der ehemaligen rotgrünen Landesregierung. Auch in vielen anderen ökologischen Fragen sind es meist die Menschen auf dem Land, die darunter leiden. Für viele sind die Grünen und ihre Forderungen vollkommen realitätsfern. Wer hier über Fahrverbote oder gar über Elektroautos spricht, wird schräg angeguckt.

Hier ist man eher konservativ eingestellt. Wenn Linke mit seltsamen Forderungen wie einem dritten Geschlecht ankommen oder uns dazu zwingen wollen, alles mit *in zu schreiben, wissen viele gar nicht, was das bedeuten soll. Political Correctness steht hier nicht hoch im Kurs, für viele hier ist es einfach viel zu überzogen. Es geht dabei keinem darum irgendjemanden – seien es Transgender oder Homosexuelle – zu diskriminieren.

Linke können hier vor allem deshalb keinen Fuß fassen, weil hier nahezu Vollbeschäftigung herrscht und die Bevölkerung stark mittelständisch geprägt ist. Hier hat keiner Interesse an ihren Ideen, weil sie uns oft nicht betreffen. Es sind hier viele mittelständische Unternehmen angesiedelt, generell ist man auch eher wirtschaftsliberal eingestellt. Präsent sind hier quasi nur zwei Parteien, die CDU und die FDP. Es gibt noch eine sehr starke Mitte. Eine Spaltung der Gesellschaft kennt man hier nur aus Talkshows. Zwar gewinnen die Linksaußen und Rechtsaußen auch auf dem Land hinzu und die Mitte schrumpft, aber diese Entwicklung ist hier doch deutlich schwächer.

Auf dem Land ist es noch möglich, eine Meinung zu vertreten, die nicht links oder grün ist, ohne schräg angeguckt zu werden. Es gibt noch Orte, wo die Welt in Ordnung ist, wo man solche Probleme nur aus der Presse kennt, wo das Bürgertum lebt.

2 Antworten

  1. Optimistischer sagt:

    Sehr interessanter Beitrag gefällt mir sehr gut. Weiter so. Wie heißt das Dorf?

  2. karlchen sagt:

    Na dann sollte man vielleicht mal darüber nachdenken, Berliner Jugendliche zum Erholungsurlaub ins schöne Emsland zu schicken…?!