„Crying Girl on the Border“ wird Pressefoto des Jahres

Von ELISA DAVID | Am 11. April fand in Amsterdam die World Press Photo Award Show 2019 statt, bei der unter anderem der Preis des Weltpressefotos des Jahres 2018 vergeben wurde. Dieser Preis und das damit verbundene Preisgeld von 10.000 Euro ging an den US-Fotographen John Moore. Moore, der für die Agentur Getty Images arbeitet, gewann mit einem Bild, das er im Juni 2018 an der Grenze der USA in Texas machte. „Crying Girl on the Border“ zeigt ein kleines, weinendes Flüchtlingskind, ein ca. zwei- oder dreijähriges Mädchen, daneben seine Mutter, eine junge Frau aus Honduras. Sie möchte in Amerika um Asyl bitten, muss sich an einen Wagen lehnen und wird von Beamten durchsucht.

Das Foto wurde von der Vorsitzenden des Wettbewerbs, Whitney C. Johnson als überraschend einzigartig und relevant bezeichnet. Jury-Mitglied Alice Martins lobte, dass das Bild eine „andere, psychologische Art der Gewalt“ zeige. Auch die Presse war überaus davon begeistert – wer hätte etwas anderes erwartet.

Aber ich muss ehrlich sein, meiner Meinung nach enthält das Foto so viele Klischees, dass es schon fast langweilig ist. Die „Guten“ auf dem Bild sind offensichtlich die beiden südamerikanischen Flüchtlinge, rein zufällig handelt es sich dabei um eine junge Frau und ein Kleinkind. Kinder verkörpern Unschuld und wenn sie auch noch weinen, hat man immer Mitleid. Auch Frauen sind tendenziell Sympathieträger. Wenn nur Männer auf dem Bild zu sehen wären, würde es überhaupt nicht mehr wirken. Wir erinnern uns an 2015, wo überdurchschnittlich viele Kinder und Frauen gezeigt wurden – die Realität zeigte ein anderes Bild. Im Sommer 2018 hatte die amerikanische Grenzpolizei tausende Kinder von ihren Eltern getrennt, die versuchten über die amerikanische Grenze zu kommen. Die von Obama eingeführte Praxis hatte damals viele heftige, auch internationale Proteste ausgelöst, weshalb Donald Trump die die Praxis der Familientrennung von Flüchtlingen wieder aufgab. Diesen Kontext braucht man, denn sonst ist es im Grunde absolut nichts sagend. Den Anspruch „genaue, faire und visuell überzeugenden Einblicke in unsere Welt“ zu überbringen, erfüllt dieses Bild also nicht.

Wenn Alice Martins von einer psychologischen Art der Gewalt spricht, meint sie dann die Tatsache, dass das Kind weint, oder dass die Frau durchsucht wird? Denn niemand außer dem Kind weiß warum es weint. Auf dem Foto ist es dunkel, vielleicht ist einfach müde? Aber läge dann die Schuld nicht bei der Mutter, die ihr Kleinkind mitten in der Nacht über eine Grenze schleppt? Nach Angaben der Presse sind die beiden einen Monat durch Guatemala und Mexiko gereist, um die Grenze zur USA zu erreichen. Jeder wäre da müde. Kinder weinen aus vielen Gründen, vor allem wenn sie noch so klein sind und es ist unwahrscheinlich, dass das Mädchen versteht was mit gerade mit ihrer Mutter passiert. Solange der Beamte sie also nicht geschlagen hat, hat das nichts mit dem Kontext zu tun, in den das Bild gebracht wird. Dafür, dass die ganze Relevanz des Bildes bei dem Kind liegt, ist der Sachverhalt aber wirklich schwach. Wenn Martins das Durchsuchen der Mutter meint, ist das ebenso unsinnig. Grenzkontrollen sind vielleicht nicht Deutschland, aber doch in den meisten Ländern gängige Praxis. Es ist verständlich, dass man sich versichern will, dass keine Gefahr von den Menschen ausgeht, die man fast bedingungslos in sein Land lässt. Es werden tausende Menschen am Tag an Flughäfen kontrolliert, es ist kein traumatisches Erlebnis und damit auch keine psychologische Gewalt. Es ist einfach nur ein müdes Kind und ein Mann der seinen Job macht – das ist weder „überraschend einzigartig“, noch 10.000 Euro wert.

4 Antworten

  1. tomW sagt:

    „Die von Obama eingeführte Praxis“
    Ein bisschen Recherche hätte der weiter helfen (aber vielleicht auch dem Trump Fangirl schmerzen können).

    The Trump administration family separation policy is an aspect of U.S. President Donald Trump’s immigration policy. The policy was presented to the public as a „zero tolerance“ approach intended to deter illegal immigration and to encourage tougher legislation.[1][2][3][4] It was adopted across the whole U.S.–Mexico border from April 2018 until June 2018,[5][6][7] however later investigations found that the practice of family separations had begun a year previous to the public announcement.[8] Under the policy, federal authorities separated children from parents or guardians with whom they had entered the US.[6][9][10] The adults were prosecuted and held in federal jails, and the children placed under the supervision of the U.S. Department of Health and Human Services.[6]

    Wikipedia:
    By early June 2018, it emerged that the policy did not include measures to reunite the families that it had separated.[11][12] Following national and international criticism,[13][14][15][16][17][18] on June 20, 2018, President Trump signed an executive order ending family separations at the border, although in March 2019, a government report showed that since that time 245 children had been removed from their families, in some cases without clear documentation undertaken to track them in order to reunite them with their parents.[7][19]

  2. Bildbetrachter sagt:

    Eine Korrektur: „Es ist einfach nur ein müdes Kind und ein Mann der seinen Job macht“ – Das ist kein Mann, sondern eine Frau, die da ihren Grenzpolizisten-Job macht. Einen Mann würde man diese Durchsuchung am leicht bekleideten Körper einer Frau bei den meisten US-Polizeikräften niemals durchführen lassen. Auch zu erkennen am Po, den Armen und der Damenuhr der Grenzpolizistin.
    Es macht auch in der Sache einen Unterschied. Wenn da ein männlicher Polizist an der Frau herumfummelte, wäre die Situation deutlich entwürdigender. Aber das ist eben nicht der Fall.

  3. Carl sagt:

    Danke, dass es noch ab und zu Klarheit gibt!

  4. nordseeschwalbe sagt:

    Sehr gute Analyse – leider sind es eben genau solche Bilder, die grade gebraucht werden, um den ganzen Irrsinn zu rechtfertigen. Weinende Kinder, traurige Eisbären usw. … Botschaft: Wer so etwas gutheißt, ist ein Un(ter)menschFrüher nannte man sowas Propaganda.

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