Bremer Bürgermeister erklärt vermögende Viertel zu „schwierigen Stadtteilen“: Herr Sieling, auf ein Wort!

Von MAX ROLAND | Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) hat vermögende Stadtteile zum Problem erklärt. Ein Bremer fragt seinen Bürgermeister: Ernsthaft?

Bremens Bürgermeister Carsten Sieling, hier 2005 im Bundestagswahlkampf. Bild: Outanxio über Wikipedia Commons. Lizenz

Ich bin Bremer. Ich bin in dieser Hansestadt geboren und aufgewachsen, es ist meine Heimat. Ich liebe Bremen, all seine schönen Ecken. Ich liebe es , an der Weser zu sitzen und ein Bier zu trinken. Ich liebe es, ins Weserstadion zu gehen und meinen SV Werder Bremen anzufeuern, gemeinsam mit anderen Fans in der Ostkurve zu stehen und Fangesänge anzustimmen. Ich liebe die nächtlichen Touren durchs Viertel. Aber wer 18 Jahre in einer Stadt verbringt, der kommt auch nicht umher, Probleme dort zu erkennen. Und Bremen hat eine Menge Probleme – und Stadtteile, wo sich diese Probleme häufen. Zum Beispiel ist Bremen eines der Bundesländer mit der höchsten Kriminalität: Das ist, gerade gemessen an der vergleichsweise geringen Zahl an Einwohnern, problematisch.

Carsten Sieling ist der Bürgermeister in Bremen und damit quasi der Ministerpräsident. Er ist also Landesvater und sollte sich um diese Probleme kümmern. Seine Partei, die SPD, regiert Bremen seit Ende des Zweiten Weltkrieges ununterbrochen. Man kommt nicht umher, die Frage zu stellen, in wiefern eine Partei, die ein Land seit sieben Jahrzehnten regiert, Mitschuld an bestimmten Entwicklungen ist.

Doch Carsten Sieling hat derweil andere Probleme erkannt. In einem Gespräch mit „Radio Bremen“ wurde er gefragt, welcher Stadtteil der schwierigste in Bremen sei. Sieling verzieht kurz das Gesicht und hat dann eine Doppelantwort parat: „Schwachhausen und Oberneuland“. „Warum?“, fragt der Reporter nach. „Dort gibt es viele Menschen, die ganz ganz viele Ressourcen haben – und die ich eigentlich bitte, mehr davon für das Gemeinwesen aufzuwenden“.

Als Bremer hat mich dieses Statement sprachlos gemacht. Denn zu den Stadtteilen, in denen ich bisher quasi keine Probleme erlebt habe, gehörten eben Schwachhausen und Oberneuland. Schwachhausen ist ein wunderschönes Viertel voller Altbauten, das einzige Problem dort sind zu enge Straßen. Oberneuland wird auch als „Villenviertel“ bezeichnet und hat fast schon ländliche Idylle. Das einzige Problem, was einem dort auffällt, ist der schlechte Empfang. Und Herr Sieling hat Recht: Dort wohnen die Besserverdienenden, die gut Situierten, oder, wenn man so will, die Reichen. Diejenigen, die, wie Herr Sieling offensichtlich meint, zu wenig für die Allgemeinheit tun.

Als Bremer weiß ich, dass gerade das Gegenteil der Fall ist. Als Hansestadt hat sich Bremen viele Traditionen bewahrt: Auch die Wohltätigkeit. Früher waren es die Kaufleute, Reeder und co., die in Bremen soziale Sicherungssysteme aufbauten – lange bevor es einen Sozialstaat gab, etablierte man zum Beispiel das „Haus Seefahrt“, in dem bis heute alte, ehemalige Kapitäne und Kapitänswitwen ein Dach über dem Kopf finden. Es war das Selbstverständnis dieser Kaufleute, ihrer Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Ich bin deswegen so überrascht vom Statement des Bürgermeisters, weil gerade er wissen sollte, dass es Quatsch ist, was er impliziert: Die Reichen der Bremer Gesellschaft spenden viel und auch gerne. Besonders auf Veranstaltungen wie der „Schaffermahlzeit“, wo für das erwähnte „Haus Seefahrt“ immer viel Geld zusammenkommt, denn dort gehört es zum guten Ton, dass ein jeder vermögender Gast das Scheckbuch zückt. Das weiß Herr Sieling auch: Ich habe ich ihn dort gesehen, als ich als sogenannter „Jugendtänzer“ anwesend war. Die meisten der Gäste des Schaffermahls werden übrigens in Schwachhausen und Oberneuland leben, Herrn Sielings Problemstadtteilen.

Ich frage mich auch, wie Herr Sieling seine Aussage den Opfern von Kriminalität in Bremen erklären will. Kriminalität findet an den wirklichen Problemecken meiner Heimatstadt statt. Ich nehme mein Portemonnaie nicht mit, wenn ich auf die Partymeile in der Innenstadt gehe: Perso und Geld kommen in eine verschließbare Jackentasche, der Rest bleibt zuhause. Warum? Weil man nicht selten bestohlen wird. Im Freundeskreis achten wir genau dadrauf, dass kein Mädchen alleine dort herumläuft-oder steht, denn sonst ist Begrapscht oder beklaut werden fast schon eine Selbstverständlichkeit. Herr Sieling, soll ich einem Mädchen, das von drei jungen Herren am Bahnhof bedrängt und angefasst wird erklären, dass das eigentliche Problem doch die Schwachhausener und Oberneuländer mit zu viel Geld sind? Im bereits erwähnten „Viertel“ sehe ich, wenn ich nach einem Abend mit Freunden eine Bar verlasse, Dealer an jeder Ecke stehen. Ist solche Drogenkriminalität zweitrangig? Soll ich, wenn am Dönerladen dort ein Mann mit Kapuzenpullover mir oder sogar minderjährigen Freunden die Frage stellt, ob wir „good ecstasy“ kaufen wollen, einfach in dem Gefühl nach Hause gehen, dass die Landesregierung, die sie vertreten, die Umverteilung für wichtiger erachtet als die Sicherheit?

Das Viertel und die Bahnhofsgegend sind nur zwei Ecken in Bremen, die jeder Bürgermeister, dem Sicherheit am Herzen liegt, sofort zu „Problemvierteln“ erklären würde. Bremen hat aber auch andere Probleme. Arbeitslosigkeit und Integration zum Beispiel. Doch Carsten Sieling fällt es nicht ein, diese Probleme zu benennen. Nein, Stadtteile mit großen Teilen von nichtintegrierten Ausländern sind kein Problem, genausowenig wie Stadtteile mit hoher Arbeitslosigkeit. Ein Bürgermeister, der sagt: „Ein Problemstadtteil ist die Vahr, weil es uns dort noch nicht gelungen ist, Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und Menschen in Arbeit zu bringen“, würde mir das Gefühl geben, dass er am Wohle aller Bremer interessiert ist, auch der Vahrer. Ein Bürgermeister, der sagen würde: „Wir haben Schulen in unserer Stadt, in denen es erhebliche Integrationsschwierigkeiten gibt“, würde mir das Gefühl geben, dort anpacken und somit auch bestehende Barrieren zwischen Migranten bzw. Migrationshintergründlern und Deutschen abbauen zu wollen.

Ich bin ein Schüler in Bremen und werde in wenigen Monaten ein Abitur in der Hand halten, welches in Deutschland belächelt und international schon manchmal nicht mehr akzeptiert wird. Da fühle ich mich von Sielings Sozialpopulismus wirklich nur noch für Dumm verkauft. Er hätte auch bildungsschwache Stadtteile zum Problem und sozialen Aufstieg durch Bildung zur Priorität erklären können. Stattdessen sind diejenigen das Problem, die laut Sieling zu viel Geld haben. Doch auf Neid und Umverteilungsrhetorik baut sich keine Zukunft auf. Bremen wird es nur durch das Erzeugen, nicht durch die Verteilung von Wohlstand nach oben schaffen. Und dazu ist Bildung elementar.

Wer ernsthaft Vermögende zum Hauptproblem einer Stadt wie Bremen erklärt, beweist eigentlich nur, dass ihm Sozialpopulismus wichtiger ist, als die echten Probleme dort zu lösen. Ich werde die SPD bei der Bürgerschaftswahl nicht wählen: Einfach, weil ich ein junger Mensch bin, der die wahren Probleme in dieser Stadt erlebt. Weil ich einen Bürgermeister will, der meine Probleme im Blick hat, und nicht das Portemonnaie von Einwohnern bestimmter Stadtteile.

Kleine Randnotiz: Im „Problemviertel“ Oberneuland fährt die SPD eine Kampagne namens „Du bist Oberneuland“. Nach den Äußerungen ihres Spitzenkandidaten ließt sich das eher wie: Du bist das Problem.

5 Antworten

  1. Karl-Heinz Dudde sagt:

    Lieber Herr Roland,
    Glückwunsch zu diesem und Ihren anderen Artikeln.
    Leute wie Sie braucht das Land, Probleme ohne Filter oder Schaum vor dem Mund anzusprechen. Machen Sie weiter, ich (68) freue mich darauf.

  2. Jürgen Wanninger sagt:

    Erstaunlich, dass bundesweit noch immer rund 15% die nutzloseste aller deutschen Parteien, nämlich die Sozialpopulisten um diesen Herrn Sieling wählen. Man sollte dem Populisten Sieling beispielsweise mal erklären, dass die Enegiewende, eine zentrales Politprojekt das wir der SPD (und den Grünen und natürlich auch Merkel) verdanken, tatsächlich nichts zur Energieversorgung unseres Landes beiträgt und in Wirklichkeit nur der Umverteilung von unten nach oben dient. Windräder und Photovoltaik, Herr Sieling, kosten mehr Energie und Ressourcen, als sie in ihrer Lebenszeit zurückliefern. Genau deshalb sind sie absolut nutzlos für die Volkswirtschaft und müssen auf Kosten des kleinen Bürgers so extrem hoch subventioniert werden. Ist eigentlich ganz einfach zu begreifen aber für Popilisten schwierig in Wählerstimmen zu vermarkten.

  3. Heinz Maier sagt:

    Der Herr Sieling meint das anders. Wenn nur die Reichen ihren Reichtum an die Armen verteilen würde, gäbe es keine Armen mehr, alle wären Reich und müssten z.B. nicht mehr mit Drogen handeln, sondern können in die Urlaubsparadiese fliegen und dort in der Sonne liegen.

    • Max Roland sagt:

      Wahrscheinlich funktioniert die Welt im Kopf eines modernen Sozialdemokraten auch genau so…

  4. karlchen sagt:

    Oh Mann die Leute wählen sich wirklich freiwillig den Sozialismus in unser schönes freies wohlhabendes Land.
    Immer wieder denke ich in letzter Zeit an das Buch „Die Macht der Dummheit“, das ich vor einiger Zeit las…