Barley in Lübeck – ich war dabei

Von Elisa David | Katarina Barley ist nach Lübeck gekommen. Die einzig wahre Barley – der aufgehende Stern der SPD, die politische Alleskönnerin, von der ich bis jetzt nur schlechtes gehört habe – ist tatsächlich in die Heimatstadt von Willy Brandt gekommen. Unter dem Motto „Kommt zusammen! Für unser Europa!“ diskutierten sie und die beiden weiteren Kandidaten zum Europaparlament Delara Burkhardt und Enrico Kreft im Bürgerdialog am Donnerstagabend über die Ideen der SPD für ein „solidarisches, nachhaltiges, friedliches, offenes und digitales Europa“.

Wie kann ich mir das entgehen lassen? Ich bin erst vor kurzem auf das Verhalten der SPD im Rahmen der Europawahl aufmerksam geworden – seit ich deren Werbespot gesehen habe, den man zur Zeit unteranderem auf Instagram bewundern kann. Darin geht es um – wer hätte es gedacht – Frauenrechte. Und ich muss sagen es ist grauenvoll. Das sage ich nicht nur, weil ich so ziemlich alles wofür die SPD von heute steht ablehne, sondern auch als Frau. Denn alles was die Sozialdemokraten zu bieten haben, ist das übliche: Frauen verdienen 21% weniger als Männer, Frauen sind gerade im Alter stärker von Armut gefährdet, nur jede vierte Führungsposition wird von einer Frau besetzt und das obwohl Frauen heutzutage besser ausgebildet sind als Männer und obwohl Frauen (Überraschung!) die Hälfte der Bevölkerung stellen. Doch die SPD kämpft für Gleichstellung – für ein Europa der Frauen. Echt jetzt? Die Hälfte der Bevölkerung wird unterdrückt und die SPD hat nicht mehr zu bieten als ein paar Statistiken, die sich ein paar Feministen schon vor Jahren ausgedacht haben? Dabei steht bei dieser Wahl, laut Barley, doch so unheimlich viel auf dem Spiel. Jedenfalls hat sie das am Donnerstag so gesagt, was mich wieder zur Wahlveranstaltung zurückführt.

Willy Brandt wurde in Lübeck geboren, na der hätte gestaunt. Und gegähnt.

Bevor die Kandidaten eintrafen, wurden Flyer und Broschüren ausgeteilt. Wer näheres zu den Ideen erfahren möchte, die sich die SPD für Europa ausgedacht hat, konnte sich zwischen dem Wahlprogramm und einer bunten Broschüre in einfacher Sprache und mit vielen kleinen Bildchen entscheiden. Ich habe versucht das Wahlprogramm zu lesen, aber ich bin nicht über die Einleitung hinausgekommen, die „Bürgerinnen und Bürger“ hab ich mir noch gefallen lassen, aber bei „Populistinnen und Populisten“, „Nationalistinnen und Nationalisten“ und „Feindinnen und Feinde“ hörte es dann doch auf. Also die Broschüre auf dem Sprachniveau B1, auch wenn ich glaube, dass ich dabei ein paar Gehirnzellen geopfert habe. Mein persönlicher Lieblingsteil – ein kurzer Text, der Digitale Unternehmen erklären soll: „ Ein digitales Unternehmen arbeitet mit neuen Informationstechniken. Digitale Unternehmen haben mit den Kunden nur Kontakt über das Internet. Digitale Unternehmen verkaufen digitale Produkte. Digitale Unternehmen sind zum Beispiel: Google und Facebook.“ Wer fühlt sich da nicht für dumm verkauft?

Wie auch immer, zurück zum Highlight des Tages: Katarina Barley. Die hatte für den Abend scheinbar das Kommando bekommen, möglichst sympathisch und umgänglich rüber zukommen. Sie sprach kaum über Lösungsansätze (wie typisch für Deutschlands Elite) aber so wirklich über Ziele redete sie auch nicht. Eher waren es Geschichten, die sie zum Besten gab. Wie ihre Eltern aufgewachsen sind, wie sie selbst aufgewachsen ist, wie sie zur Politik kam, wie sehr sie ihre Partei liebt, Fragen die ihre Söhne ihr gestellt haben und so weiter. Wenn es direkt um Politik ging, dann waren es eher Wünsche, die sie äußerte. So wäre es doch toll wenn der Europatag, der passenderweise auch auf den Donnerstag fiel, ein Feiertag werden sollte. Oder es waren Lobeshymnen auf sie selbst oder die Partei, wie zu erwarten bei einer Wahlveranstaltung. So ist die SPD etwas ganz besonderes, denn während Populisten nur klein hauen können, sind die Sozialdemokraten in der Lage aufzubauen, weshalb sie für Europa „unverzichtbar“ sind – eine Rede, die sie sicher lange vor dem Spiegel geübt hat. Als Artikel 13 zur Sprache kam und warum sie ihn nicht verhindert hat, schildert sie schlaflose Nächte, denn sie habe schon dagegen protestiert, als die meisten noch garnicht davon wussten. Sie allein habe den Artikel verbessert, doch da sie in diesem ampf ganz alleine war, musste sie sich schließlich geschlagen geben – noch so eine Rede, die sie vor dem Spiegel geübt hat. Doch den Genossen gefällt es, sehr sogar. Überhaupt war Barley ziemlich langweilig, die wurde ja eh vorher trainiert, das einzig interessante war ihre Meinung zum europäischen Gerichtshof – der ihr zu marktorientiert und wirtschaftsliberal ist, was ihn mir gleich viel sympathischer macht.

Aber zurück zu den Zuschauern, die die gute Barley anbeteten, wie Teenagerinnen einen Popstar. Ein Junge der sich für eine Frage aufstehen sollte, tat dies so aufgeregt und hektisch, dass ein Glas zerbrach (wenigstens war es kein Plastik), eine ältere Dame schräg vor mir nickte die ganze Zeit so energisch, dass ihr Stuhl wackelte, als Barley eigenhändig einen Tisch verschob, klatschten die Genossen eifrig Beifall. Sympathieträger des Abends war für mich (und das ist nicht ironisch gemeint) einer von Barleys Bodyguards. Er saß in der Ecke und hatte den ganzen Abend lang offenbar große Schwierigkeiten die Augen offen zu halten.

Dabei wurde die Veranstaltung gerade zum Ende hin nochmal richtig lustig, nämlich als Geschenke ausgeteilt wurden. Denn alle Kandidatinnen, und sogar die Moderatorin bekam ein kleines Päckchen – und was ist mit den männlichen Spitzenkandidaten? Die hatten, wenn man sich so anschaut, schon genug Süßes gehabt. Ich habe zuerst gedacht, das sei ein Scherz, aber das wurde tatsächlich so durchgezogen. Der doch recht füllige Kreft versuchte sich mit einem billigen Witz zu verteidigen, das Publikum lachte schallend. Ich fragte mich nur noch, was was wohl passiert wäre, hätte Nahles uns ebenfalls mit ihrer Anwesenheit beehrt. Denn die ist doch auch ganz gut durch den Winter gekommen, aber eine Frau – was wäre schwerwiegender? (Blödes Wortspiel, ich sehe es ein)

Mit der Aufforderung, am 26. Mai doch bitte das Kreuz an zweiter Stelle zu ​machen wurde die Veranstaltung beendet, mein Lieblingsbodyguard aus den Tagträumen gerissen und ich packte schnell meine Sachen.

2 Antworten

  1. karlchen sagt:

    Hut ab, dass Sie das ertragen haben – Katarina Barley löst bei mir leider keine Müdigkeit, sondern körperliches Unbehagen aus…

  1. 11. Mai 2019

    […] • Weiterlesen • […]

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