Anschlag in Halle – wenn Anteilnahme zur Werbeveranstaltung wird

Von Michal Kornblum | Ganz Deutschland blickt auf Halle. Die Tat, bei der zwei Menschen brutal aus dem Leben gerissen wurden und versucht wurde die Synagoge der Stadt zu stürmen, schockt das ganze Land. Seit dem Nachmittag des Tattages finden in der ganzen Republik Mahnwachen, Gedenkveranstaltungen und Solidaritätsbekundungen statt. Ich habe den größten Respekt vor diesen Bürgern, die solche Kundgebungen organisieren und vor denen, die sich dort versammeln, um Anteilnahme zu zeigen. 

Es gehört auch in der deutschen Politik zum guten Ton, dass politische Vertreter sowie Mitglieder der Bundesregierung bei derartigen Gewalttaten ebenfalls eine Gedenkveranstaltung abhalten und den Ort des Verbrechens besuchen. Auch in diesem Fall war das so. Es wurden Gedenkkerzen angezündet, Kränze und Blumen niedergelegt und Reden gehalten. Momente der Trauer und der Solidarität. Danach fahren alle zum Teil mit mehreren Leibwächtern und Sicherheitspersonal wieder in ihre Städte zurück. Einige Tage später holt die Müllabfuhr die verwelkten Blumen und vertrockneten Kränze ab, die erloschenen Kerzen werden entsorgt, als würden Requisiten nach Aufführungsende abgeräumt werden und nichts erinnert mehr an die Taten, die sich dort ereigneten. Die Stadt, das Land und die Gesellschaft kehren zur Normalität zurück, man lebt sein Leben weiter und das Passierte gerät in Vergessenheit. Nach einem Jahr und von da an immer wieder zu runden „Jubiläen“ treffen sich Politiker und andere geladene Gäste zu einer Gedenkveranstaltung bei üppigem, dekadenten Buffet und gedenken den damaligen Vorfällen. Nur noch eine Randnotiz im täglichen Leben.

Für die Gläubigen der Synagoge von Halle, die Kunden und Mitarbeiter des Dönerladens und die Angehörigen der beiden Opfer ist diese Randnotiz mit sofortiger Wirkung die Schlagzeile in ihren Leben. Welche Gedanken und Gefühle werden die Synagogenbesucher aus Halle in Zukunft beim Besuch einer Synagoge, sofern sie sich überhaupt trauen diese zu besuchen, wohl haben? Welche Gedankenkette spielt sich wohl bei den älteren Gläubigen, die die Shoa erlebt haben, nach dieser Situation ab? Wie wird sich der Mitarbeiter des Dönerladens fühlen, wenn er den nächsten Döner zubereitet, und wie die Kunden, wenn sie auf der Straße einen Dönerstand sehen? Diese Menschen werden mit ihren Gedanken, ihren Traumata, mit ihren Fragen allein und ohne Antworten gelassen. Kaum jemand aus dem politischen und öffentlichen Leben wird sich in einigen Wochen für die weiteren Folgen dieser Tat interessieren. Eventuell werden Gelder für weitere Beratungsstellen oder Initiativen „gegen Rechts“ freigegeben und es wird hoffentlich auch die dringend notwenige Diskussion über Sicherheitsmaßnahmen vor Synagogen und jüdischen Einrichtungen geführt, aber die direkt Betroffenen werden mit ihren Schicksalen auf sich allein gestellt sein.

Woher ich das weiß? Als ich viereinhalb Jahre alt war – zu dem Zeitpunkt wohnten meine Familie und ich in einer Wohnung im Synagogengebäude in Lübeck – wurde am Abend im Garten ein Koffer mit blinkender Lampe und sichtbaren Kabeln gefunden. Wie meine Eltern mir später erzählt haben, gab es bereits am Tag Drohungen, dass die Synagoge in die Luft gesprengt wird. Ich erlebte die Evakuierungsmaßnahmen der Polizei. Wir mussten unsere Wohnung verlassen. Meine Eltern packten routiniert ein paar notwendige Sachen, wichtige Unterlagen und meine Schwester unseren Hund und mich ein und wir wurden ins Nachbargebäude gebracht, wo meine Großeltern gewohnt haben. Ich hatte wahnsinnige Angst. Meine Eltern haben versucht mich abzulenken und wirkten sehr „cool“ dabei. Sie hatten Erfahrung mit solchen Situationen, da sie die beiden Brandanschläge auf die Lübecker Synagoge erlebt haben. Ich konnte sehr lange nicht schlafen. Nach einer kontrollierten Sprengung spät in der Nacht stellte sich die Bombe glücklicherweise als Attrappe heraus. Damit war die Angelegenheit beendet, Ermittlungen führten ins Leere.

Allerdings war für meine Familie und mich danach nicht alles beendet. Ich hatte Angst. Ich hatte Angst zu Schlafen, ich hatte Angst im Garten zu sein, ich konnte nicht verstehen, warum jemand meine Familie und mich umbringen will, nur weil wir jüdisch sind. Einige Bekannte haben uns ihre Unterstützung angeboten, die für meine Eltern zu diesem Zeitpunkt ein großes Zeichen von Solidarität waren. Umso mehr enttäuschend war es, dass es keine Unterstützung oder auch nur Nachfrage von politischer oder öffentlicher Seite gab. Der Bürgermeister gab ein Interview, das war’s. 

Ich frage mich, für wen die Politiker von Lokalpolitik bis Bundesregierung diese Gedenkveranstaltungen abhalten. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass diese „Events“ als politische Bühne zur Selbstdarstellung missbraucht werden, dass es um gute Presse und potentielle Wähler geht. Dass dieser Moment des Gedenkens zu einem Moment der Diskreditierungen von politischen Gegnern pervertiert wird. Dass man keine politische Haltung hat, wenn man überall dort Kränze niederlegt, wo ausreichend Journalisten und Fotografen zugegen sind; sei es Arafats Grab oder die Synagoge von Halle. 

Ich wäre sehr froh, wenn ich mit meinen Vermutungen falsch liege und es in diesem Fall anders laufen wird. Ansonsten sehen wir die politischen Akteure wie gewohnt in einem Jahr bei der einjährigen Gedenkveranstaltung zum Anschlag auf die Synagoge in Halle.

8 Antworten

  1. Bertram Scharpf sagt:

    Ich wäre gern nochmal so jung und naiv wie Sie. Am Ende wird es viel dicker kommen. Die Beseelten, die das Gedenken für sich vereinnahmt haben, werden früher oder später, wenn die Opfer mit ihrem Leiden den Gedenkbetrieb stören, diesen noch üble Unterstellungen machen.

    • Thomas Jacobs sagt:

      Ich stelle mir angesichts der furchtbaren Morde in Halle weitere Fragen:

      – Wo sind die Gedenkveranstaltungen/Mahnwachen für Polizisten, die dem Terror der Roten SA zumindest gesundheitlich zum Opfer gefallen sind, deren Tod billigend in Kauf genommen wird ?
      -Wo sind die Spendenaufrufe für die bei den G 20 Ausschreitungen in Hamburg geschädigten Kleinverdiener, deren Autos dort in Flammen aufgingen?
      -Wer prangert öffentlich die Duldung oder stillschweigende Zusammenarbeit deutscher Parteien mit linksextremistischen Bewegungen/Gruppierungen an?
      – Wer liest denjenigen öffentlich die Leviten, die Links-Extremisten im Kampf gegen „Rechts“ öffentlich belobigen und damit moralische Schützenhilfe geben?
      – Wer stellt sich gegen die immer weiter um sich greifende Selbstermächtigung radikaler linker und auch Ökogruppen, die fortschreitend den Verfassungsstaat nicht nur gedanklich, sondern auch aktiv in Frage stellen, vor dem Besitz anderer keinen Respekt haben ?
      usw.
      Es geht mir nicht um Aufrechnung extremistischer Taten, das wäre geschmacklos angesichts rechten und linken Terrors, angesichts der Morde in Halle, sondern darum, dass nicht nur angeblich „rechtes“ Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, sondern seit langen auch linksextremistisches in Wort und Tat! Beides ist schlimm, Morde sicher dennoch schlimmer! Falls Menschen auf dem „rechten“ Auge blind sein sollten, sind sie es, bis hinein in die Politik, mit Sicherheit auch auf dem „linken“ Auge! Dies öffentlich zu sagen und auch anzuprangern wäre sinnvoll!

      „Keine Toleranz den Intolerante“ sollte gegenüber allen Extremisten, Radikalen und ihren Helfershelfern gelten, auch religös motivierten!

  2. Thomas Jacobs sagt:

    Danke für diesen Kommentar eines Betroffenen! Vor allem der angeführte Aspekt der dubiosen Instrumentalisierung des Attentates gegen politische Gegner -die Tageszeitungen sind voll davon- erscheint mir plausibel: So wie es einerseits keine Gleichheit im Unrecht gibt (man lässt den einen politischen Wirrkopf laufen, weil man des anderen nicht habhaft wird), so gibt es andererseits seitens des Staates und der Politik die Verpflichtung, Unrecht auf allen Seiten anzuprangern, zu verfolgen: Den einen („rechten“) Wirrkopf (zu recht) anzuklagen, aber ihn ( moralisch zweifelhaft) pauschal gegen den politischen Gegner zu instrumentalisieren, weil es ins politische Konzept passt, den anderen („linken“) Wirrkopf jedoch zu schonen, ihn sogar zu hofieren, weil es (moralisch zweifelhaft) konzeptuell dem eigenen politischen Kalkül Nutzen verspricht, ist zutiefst unmoralisch, zerstört das Vertrauen in die Politik! Leider ist es in unserer Gesellschaft diesbezüglich um die politische Moral zur Zeit sehr schlecht bestellt!

  3. moneypenny sagt:

    Vielen Dank für diesen bewegenden Artikel – die Verlogenheit und Untätigkeit der meisten Politiker ist in der Tat unerträglich. Beteuerungen über Beteuerungen, aber nichts geschieht.

  4. dasLinkeParadox sagt:

    Im Test oben sind einige „nicht“ oder andere sinnentstellende Adkejtive/Adbvers, „eigentlich MEINENDEN Füll-Worte“… vergessen worden.
    Auch sonst strotzt der Text vor Fehlern….
    Iss halt mit heisser Feder geschrieben….
    Echt schade, dass man hier seine Posts nicht editen kann!

  5. dasLinkeParadox sagt:

    Die kardinalsfrage ist: Worauf haben wir Einfluss?
    Wir werden muslimische noch linksradikale/terroristische Täter überzeigen können!
    Wir müssen aber nach „INNEN“ schauen. Denn darauf haben wir uU zumindest etwas Einfluss!
    Wer Sezession/Schnellroda & Co. und andere eloquente Taqiyya-Nazis als Bündniss-Partner begreift, ist schon Opfer ihrer Einigkeitsbeschwörungen/Spaltungsvorwürfen….
    Lasst uns von solchen MEneschen, die die Freiheit vom anderen Ende her bekämpfen GLASKLAR angrenzen!
    Seit 3,4 Jahren entsstehen explosionsartig neue Blogs, YT_Kanäle, etc… Mit VERNÜNFTIGEN Menschen/Betreibern…. Aber kaum jemand traut sich den Blick/die Kritik auch noch INNEN zu richten… stattdessen überall die gleichen, redundanten die „Anderen sind doof“ Feststellungen!
    Bringt uns das weiter?
    Was wir brauchen ist eine echte kritische, und damit meine ich auch SELBSTkritische Presse!
    Selbstkritik oder KONSTRUKTIVE Kritik nach „IInnen“ ist das exakte Gegenteil von „bashen“.
    KONSTRUKTIVE Kritik ist mE meist ein Zeichen von Liebe! Wen man nicht mag den macht man runter, auch unter der Gürtellinie. Wen man aber EIGENTLICH mag, dem gibt man Tips/Ratschläge/KONSTRUKTIVE Kritik! Das begreifen Viele leider nicht!

    Falls Flügel-Trolle, andere Sozialisten/Freiheitsfeinde das als Spaltung interperetieren…. robott-like-komenntieren/narratieren… Ok, die Jungs sind lLAUTSTARK aber sprechen sie für DICH, für UNS, für die Freidenker, gar die AFD …. Ich denke nicht! Es ist wie überall, die Lauten gewinnen wenn sich die MEHRHEIT nicht entgegenstellt! Die Freiheut ist nicht ausschlich von linksgrün und burkascharz bedroht! Sie ist auch von tatsäschlich exiztenden Nazis bedroht! Und damit meine ich nicht nur solche komplett kränken Gestalten wie Sebastian B.
    Ich meine AUCH und sehr wohl verschleierte Wegbereiter für solche kränke Figuren. In punkto Antisemtismus meine ich nur die sehr rechte Sezession, Ich meine eigentlich auch solche EIGENTLICH ECHTEN Aufklärer wie „Trau keinem Promi“, der an und für sich wahrscheinlich gute ARbeit leistet, dessen Theorien/Erkenntnisse??? aber labilen/gestörten Personen unnötig Radikaliesierungsfutter geben könnten.*
    Auf jeden Fall klage ich die derzeitige Politik an: Es ist schinbar ok, mit „allah akbar“ Rufen eine Synage zu attackieren, zumindest ist das kein Haftgrund! Ob sich der rechtsextreme Judenhass nun davon beeinflussen lässt, steht auf einem anderem Blatt: Aber wenn wir WIRKLICH die Ursachen des NEUEN Judenhasses erforschen wollen, müssen wir OFFEN und ohne Scheu (statt weltoffe&tolerant) dem Problem auf den Grund gehen. Jeder! Auch in seiner Blase!
    Das bedeutet auch wir „Rechte“ müüssen intensiver in unsere Reihen schauen, wenn uns wirklich an dem Problem gelegen ist, statt nur Schaden abzuwenden, wenns passt zu instrumentalisren….
    Wir brauchen ne ECHTE Debatten-Kultur, ohne Scheu vor Spaltungsvorwürfen….

    * „trau keinem Promi“ und Express-Zeitung sind schon sehr interessante Anti-NWO-Aufkläerer. Wer noch immer glaubt unser derzeitige Lage ist Zufall/Unfähigkeit…. wird wahrscheinlich damit nicht warm…
    Für mich spielts auch keine Rolle, ob das ne giagantische Verschwörung oder schlicht machtbesessene Unfähigkeit ist, mit der FED (und dem Papiergeld ohne echten Gegenwert) wurde der Grundstein für eine FINANZIELLE ERbschuld gelegt – denn IRGENDWANN muss dieses Schneeball-System zusammenbrechen. Ob nun Adam Weisshaupt /der erste Mensch Adam, weiser Häuptling), seine Illuminaten, die Rothschilds oder andere V“Geheim-Bünde“ mit primär jüdischem Mitgliedern die Strippen ziehen, oder nur versucht wird, so lange es geht das Schneeball-System am Laufen zu halten…. (Kriege, Destabilisierung irgendwo… sind dazu ein probates Mittel) … ist für mich PRAKTISCH eher nachgeordnet.
    Ich wähle die AFD und ich hoffe es tun mir viele gleich! Die AFD ist die EINZIGE REALISTISCHE Chance, die wir angesichts der kurzen Zeit noch haben. Extrapolier einfach die Geburtenraten und denk denk nur eine einzige Generation weiter… die SPD heisst dann immer nich SPD, aber es steht dann auch OFFIZIELL für SCHARIA!

    Etwas konfuss das alles: Ich sach ma so: Schut ruhig mal bei Trau keinem Promi, Norman Investigativ, Alumination, NuViso & Co vorbei…. aber haltet es AUCH bei den Besuchen dort, mit Naomi SEIBT: „Hallo Selberdenker!“
    Ihr seid erwachsen, FREIE MEINUNG, auch die absurdeste MUSS unter allen Umständen erlaubt sein…. Das Menschen wie TKP, aber auch linksextreme BDSler…..odwer Sezession/Höcke-Front…. bspw. Antisemtismus aus diversen Ecken befeueren…. kann kein Grund für Zensur werden! Stattdessen sollten wir ECHTE AUFKLÄRUNG setzen! EECHTE AUFKLÄRUNG heisst: Lern SELBER DENKEN! Hör nicht BLIND auf „Experten“, „Journalisten“, deine Lehrer, andere Obrigkeit…. der BLINDE Gehorsam/Gefolgschft hat Deutschland schon mehrmals in den Abgrund geführt!
    Aus diesem Grund bin ich auch mit der Glorifizierung unserer sogenannten teutschen Tugend „Ordnungsliebe“ auf echtem Kriegsfuss. Denn was sonst ist „Ordnungsliebe“ im Zweifel, ausser blinder Gehorsam, dem jeweiligen Zeitgeist, ergo den Ordnungs-Bevollmächtigen zu folgen? Am besten ohne Widerspruch? Heute ist es KONFORM auf Deutschland zu scheissen…. Es ist ne ne hysterische, von oben gesteuerte MASSEN-GEMEINSCHAFT, die überhaupt nicht begreift, das sie Opfer UR_deutsche „Tugenden“ geworden sind. Man lese Thomas Mann/Diedrich Hesling „Der Untertan“… exakt dieser Ungesit, des hässlichen Deutschen macht sich nun in der Taqiyya-Fratze des Anti-Deutschen breit. Da muss selbst Orwell seinen Hut ziehen… Soviel 180° Verdrehung ist wahrlich ohne Beispiel, selbst fiktional!

  6. Jorgos48 sagt:

    Nach dem Attentat vom Breitscheidplatz in Berlin brauchte die Kanzlerin ein Jahr um am Tatort zu erscheinen, in Halle war sie schneller zur Stelle. Und die Schuldzuweisungen an die Rechten Parteien und Personen klappte auch wunderbar. Demnächst sind ja Wahlen in Thüringen. Vielleicht schafft es die SED/ Die Linke doch noch einmal.

  1. 12. Oktober 2019

    […] Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Jugend- und Schülerblog Apollo-News […]