Als ich Leninistin war

Von Liana Schütz | Ernst Busch dröhnt auf voller Lautstärke durch die Wände meines Zimmers, im Regal stehen die Pflichtlektüren meines 14-jährigen Ichs: „das Kapital“, das „Kommunistische Manifest“ und die neuesten Bücher Wagenknechts und Gysis, an der Wand eine Ansammlung von Karl-Marx-Zeitungsausschnitten. Eben das volle Gerechtigkeitsprogramm. Und das ist erst drei Jahre her.

Damals begann sich mein politisches Interesse zu entwickeln, und ich tastete mich langsam an alles heran. Jedoch informierte ich mich nicht sehr objektiv, ich landete auf YouTube sofort in der linken Filterblase. Da ich Russlanddeutsche bin, war mein Wertegerüst klar: Die USA sind der Inbegriff des bösen Imperialismus und die deutschen Massenmedien lügen mit ihren Behauptungen über Putin. Ich war eine so überzeugte Ideologin, dass mein Profilbild für kurze Zeit eine brennende US-Flagge zierte. Mir kam gar nicht erst der Gedanke, die Welt sei nicht bloß schwarz-weiß. Das resultierte vermutlich aus den Lehren des Marxismus, die ich verinnerlicht hatte. Es gibt nur einen Feind: den Klassenfeind!

Und so dauerte es nicht lange, da entstand in mir ein Interesse an der Linkspartei; denn sie war damals die einzige im Deutschen Bundestag vertretene Partei, die sich für bessere Beziehungen mit Russland einsetzte und Putin nicht als das pure Böse darstellte. Ich beschäftigte mich mit ihrem Parteiprogramm und fand alles sehr einleuchtend. Soziale Gleichheit, Mindestlohn, niedrige Mieten – ist doch nur gerecht. Die Befristung von Arbeitsplätzen ist inhuman. Demokratischer Sozialismus ist das, was wir in Deutschland brauchen, um zu verhindern, dass unbescholtene Bürger ausgenutzt werden von großen Firmen, und der Kapitalismus ist sowieso das größte Übel, was die Menschheit hervorbringen konnte. Phrasen, die ich mir zum Programm gemacht hatte.

Mir war einfach nicht bewusst, wieso es so läuft, wie es läuft, und ich hatte kein Verständnis dafür, wenn mir jemand sagte: „Im Sozialismus ging es den Arbeitern doch viel schlechter!“ Denn darauf hatte ich wie jeder gute moderne totalitäre marxistische Jünger eine Antwort parat: „Das war auch kein richtiger Kommunismus!“ oder eben: „Ja, aber ich fordere demokratischen Sozialismus“ und dann war die Sache für mich auch geklärt. Für Außenstehende hört sich das alles sicher gerade vollkommen unverständlich an. Wie kann man so verblendet durch die Welt laufen? Aber es ist ganz leicht: Egal, was einem an Kritik oder an Nachrichten entgegenkommt, die einem nicht in den Kram passen, man hat immer die passende Phrase auf Lager. Man schafft es immer, alles zugunsten der Ideologie zu drehen, und das ist das Gefährliche, denn dann verhärtet sich der Glaube noch mehr. Ganz nach dem Sprichwort: „Wenn du Feinde hast, weißt du, dass du für etwas eingetreten bist“.

Der revolutionäre Mainstream 

Diese Denkweisen wurden in der Schule nur bestätigt, man fühlte sich wie der große Revoluzzer und bekam Anerkennung dafür, dass man Bescheid wusste und dafür, dass man für die Gerechtigkeit eintrat, sowieso. Und das will ich auch gar nicht abstreiten, ich wusste wirklich Bescheid, zumindest was mein Gebiet betraf. Ich beschäftigte mich sehr viel mit linker Literatur. Das erlebe ich auch heute noch bei vielen Marxisten, mit denen ich diskutiere. Die meisten sind wirklich belesene Leute, nur begrenzt sich ihre Literatur auf Marx, Engels, Lenin und andere Genossen.

Ich trat gegen den Mainstream an. Gegen die bösen Kapitalisten und merkte dabei gar nicht, dass ich eigentlich absolut im Mainstream war. Ich konnte mich kämpferisch fühlen, und dabei wurde ich ständig in meinem totalitären Denken bestätigt. Von den Mainstreammedien natürlich am intensivsten, aber auch viel aus der Politik durch Parteien wie die Linke und die SPD, sowie die Grünen. Ist das nicht genial?

Ich verschwand oft in (N-)Ostalgie, vor allem, weil ich sowjetische Filme bei meinen Großeltern zu sehen bekam. Dieser russische Stolz auf die sowjetischen Soldaten machte auch mich stolz. Ich blühte in dieser Ideologie richtig auf, und sie wurde genährt durch mein Unwissen und meine Naivität. Dabei vergaß ich, wie sehr auch meine Vorfahren unter den Sozialisten gelitten haben. Ich verdrängte, wie meine Großeltern Jahrzehnte für einen Staat schufteten und nichts als Hass zurückbekamen. Aber das war ja kein echter Sozialismus und erst recht kein demokratischer …

Meine Uroma rüttelte mich auf

Doch eine Geschichte traf einen Nerv bei mir. Meine Uroma erzählte mir unter Tränen, wie sie von den Sozialisten aus ihrer Heimat gerissen und in die Steppe geschickt wurde, um dort zu verhungern, weil Sie deutsch war. Obwohl das Verhungern, nebenbei bemerkt, im sozialistischen System eigentlich auch im Kern Russlands gut möglich gewesen wäre. Ihr und vielen anderen einfachen Arbeitern und Bauern wurde unterstellt, deutsche Spione zu sein. So wurden sie von einem auf den anderen Tag in Züge gesteckt, ihnen wurden die Wertgegenstände genommen, und schließlich landeten sie in Kasachstan, Kirgistan oder auch Sibirien. Dort fanden sie nichts als Steppe und Wüste vor.

Stalin hatte im Sinn, diese Menschen, die nun wirklich keine Spione waren, verhungern zu lassen. Doch meine Uroma erzählte mir, dass sie alles aßen, was sie finden konnten. Von Schildkröten bis zu allen Arten dort vorhandener Pflanzen. Und so bauten sie sich langsam durch harte Arbeit auch dort eine kleine Heimat auf. Doch auch dann konnten sie trotz ihrer Leistungen nicht ihr Leben genießen, denn im Kommunismus gilt es, für die Gemeinschaft zu arbeiten. Ferien waren ein Fremdwort auch für meine Großeltern. In der Zeit, wo es keine Schule gab, wurde Baumwolle gepflückt, eine wichtige Ressource der UdSSR. Und selbst meine Mutter, die Jahrgang 1978 ist, lebte dort noch wie Anfang des 20. Jahrhunderts, inklusive Plumpsklo. Und nicht nur das, die Leute mussten damals neben ihrer Arbeit zu Hause auch noch einen eigenen Bauernhof betreiben, da es in den Läden nichts zu kaufen gab. So hieß es nach einem Arbeitstag also noch Kühe melken, Stall ausmisten und Schafe füttern. Zur selben Zeit hatten die Menschen im Westen schon erste Mobiltelefone.

Das soll also die Befreiung der Arbeiter sein? Das waren Lohngerechtigkeit und die Freiheit der Bauern? Die Zweifel verschwanden nicht, sie wurden nur noch größer. Ich wurde älter und beschäftigte mich mehr mit ökonomischer Literatur. Durch politischen Diskurs lernte ich auch liberale Altersgenossen kennen. Einer davon brachte mich dann von meinem absurden Irrglauben ab, indem er mir anriet, Ludwig Erhard zu lesen: „Wohlstand für alle“.

Einsicht und Scham 

Und so kam der Stein ins Rollen, ich kam immer mehr aus meiner kleinen sozialistischen Filterblase raus. Ich las Friedrich A. von Hayeks „Der Weg zur Knechtschaft“, und dieser zeigte mir so klar auf, dass mein Wunsch nach Gerechtigkeit in der Welt nicht durch Sozialismus, sondern gerade durch das Gegenteil realisiert werden kann.

Heute schäme ich mich dafür, für den Sozialismus eingetreten zu sein, denn er brachte nur Massenmord, Unterdrückung, Armut und Kulturzerstörung. Er nimmt den Menschen das Wichtigste, was sie besitzen: die eigene Freiheit.

Ich muss hier allerdings sagen, dass mir sogenannte „Social Justice Warriors“, Dritte-Welle-Feministinnen und der Hass auf die eigene Nation immer sehr fremd waren. Das war vielleicht auch ein Faktor, der mich dazu brachte, der Linken den Rücken zu kehren. Nun habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, auch andere von dieser Denkweise abzubringen. Und jetzt merke ich auch, was es heißt, nicht im Mainstream zu sein und wirklichen Gegenwind abzubekommen. Und vielleicht dient dieser Artikel dem ein oder anderen Sozialisten als Denkanstoß, um über die eigenen Positionen nachzudenken und diese zu ändern – das würde ich mir wünschen. Denn ich denke, diese Geschichte hier ist kein seltenes Phänomen, sondern ich sehe, vor allem aktuell an der „Fridays for Future“-Bewegung, wie viele noch nicht politisierte Jugendliche in einer linken Filterblase landen, in der ich mich auch lange aufhielt. Im Endeffekt denke ich, die meisten Linken sind einfach Menschen, die es gut meinen, aber blauäugig einen völlig falschen Ansatz wählen.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts  „Achgut U25: Heute schreibt hier die Jugend“ in Zusammenarbeit mit der Friedrich A. von Hayek Gesellschaft und der Achse des Guten entstanden. Als ich Leninistin war

1 Antwort

  1. Raubtierkapitalist sagt:

    Schöner Artikel.

    Ich habe soweit alles von Dir auf Apollo gelesen. Zuletzt den Kommentar zu Hongkong.

    Einen russlanddeutschen Hintergrund hätte ich wegen deiner Artikel ausgeschlossen. Zahlreiche Erfahrungen im Netz und in der nicht-digitalen Welt halt… Und jetzt eine positive Überraschung.

    Bei vielen Russlanddeutschen* habe ich es so wahrgenommen, wie es bei Dir war. Entweder nach links oder auch nach „rechts“ ausschlagend. Grundstock in diesen Fällen aber immer: Anti-NATO/Westen/USA/Kapitalismus/Freiheitlich/Liberal… Pro-Sozialismus/Autokratie/Putin… Sowjet-Nostalgie.

    *Meist die, die hier geboren wurden, oder die, die als Kinder/Jugendliche nach Deutschland kamen. Weniger die Älteren.